Skip to main content

Kommentar

Olympia 2021: Wer braucht so eine Schau!

Olympische Spiele in einem knappen halben Jahr in Tokio? Das kommt einem richtig ungeheuer vor. Vernünftig wäre es, auf den Wettkampf zu verzichten, kommentiert René Dankert.

Olympia-Vorfreude? Nicht so sehr in Tokio. Das Bild zeigt einen Mann mit einer Gesichtsmaske und seinen Kindern vor dem Hintergrund der Olympischen Ringe. Foto: Koji Sasahara Koji Sasahara/AP/dpa

Betrauern wir nicht den Olympischen Geist, bemühen nicht Pierre de Coubertin und ersparen uns das Gerede vom feierlichen Treffen der Jugend der Welt.

Olympische Spiele sind ja schon seit Ewigkeiten keine Spielchen mehr. An ihrer Austragung hängt ein Milliarden-Business aus global miteinander verwobenen Abhängigkeitsverhältnissen.

Weil das so ist, liegt es dem Internationalen Olympischen Komitee auch fern, die um ein Jahr verschobenen Spiele in Tokio aufzugeben oder nochmals zu verschieben. Stattdessen haben die Macher ein „Playbook“ aufgelegt, wie dafür qualifizierte Athleten inmitten der Pandemie-Lage im Sommer ihre Muskeln spielen lassen sollen.

Auf eigene Gefahr, wie die Macher im 32 Seiten starken Handbuch für die Sportsleute, deren Delegationen, die Helfer und Medienvertreter betonen. „Trotz aller Sorgfalt machen wir Sie darauf aufmerksam, dass Risiken und Auswirkungen möglicherweise nicht vollständig beseitigt werden können“, heißt es darin. Strikte Maskenpflicht, regelmäßige Corona-Tests vor und nach der Einreise sowie die Aufforderung zur Nutzung einer Corona-Warn-App und die Einhaltung von Hygieneregeln benennt das Buch als Grundregeln.

Und ja: Die Olympioniken wie auch die Teilnehmer an den anschließenden Paralympics sollen vor Ort keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Na dann.

Sportler fühlen sich unsicher

Worüber reden wir? Nicht über die Frage, was von Skifahrern zu halten ist, die in Ischgl oder Sölden dicht an dicht dem Après-Ski frönen. Oder wie es um das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl von Party-Hengsten in Berlin, Hamburg oder Castrop-Rauxel bestellt ist, wenn sie in Kellern ungeniert die Sau rauslassen.

Wir reden von einer nichtstaatlichen Organisation in der Rechtsform eines Vereins, die insgesamt 15.000 Athletinnen und Athleten, deren Trainer, Funktionäre sowie Tausende Helfer und Journalisten dazu „einladen“ möchte, trotz einer internationalen Gefahrenlage für die Gesundheit von Menschen kreuz und quer um den Erdball zu jetten, um in Tokio zu landen.

Wen wundert es, dass sich Sportler unsicher fühlen und ab und an auch wie Marionetten vorkommen? Auch Zuschauerbeteiligungen in den Arenen schlossen die Olympia-Macher noch nicht aus, nur Gesänge und Anfeuerungen wären dann zu meiden, so heißt es.

Nicht grotesk genug? Gerade hat Japans Regierung den Corona-Notstand für die Hauptstadt und weitere Präfekturen bis 7. März verlängert.

Kann das noch sportlich fair sein?

Die Spiele herbei impfen zu können, ist Teil der Hoffnung der Macher von Tokio. Den jüngsten Umfragen zufolge pfeift die Mehrheit der Einheimischen längst auf das Schauspiel. Gegen den Sinneswandel von Menschen in Ausnahmesituationen lässt sich ein Mammut-Event wie dieses eben auch nicht versichern.

Die Sportler, die sonst von Olympia träumen, verfolgen das alles mit zwiespältigen Gefühlen. Kann das noch sportlich sein und fair zugehen? Wie soll der Form- und Spannungsaufbau in den kommenden Monaten aussehen? Abgesehen von der Unsicherheit, wann, wo und wie sie sich unter fairen Bedingungen für Tokio qualifizieren können.

Jeder Plan unterliegt weiter unabsehbarer Dynamik. Dies ist absehbarer als dass der Amateursport sehr zeitnah seine Alltags-Bühnen zurückerobern wird.

Pandemie erfordert von allen Vernunft

Nur zwei Weltkriege waren im 20. Jahrhundert gewaltig genug, eine Zäsur zu erzwingen. Sie unterbrachen die auf das Jahr 1896 zurückgehende neuzeitliche Tradition, alle vier Jahre Sommerspiele stattfinden zu lassen. 1916, 1940 und 1944 sind Jahreszahlen zum Nichtvergessen. Politische Instrumentalisierungen, Boykotte, Doping-Exzesse und ideologisch überhitzte Protz-Spiele lernte die Menschheit im Zeichen der fünf Ringe kennen.

Sowie den Ausverkauf der Werte. Nun ist eine Pandemie dazugekommen. Sie erfordert von allen Vernunft – und vom IOC und seinen Partnern die Größe, Grenzen anzuerkennen. Es hieße, im Sinne der Integrität der Wettkämpfe darauf zu verzichten, so eine Schau zu machen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang