Skip to main content

Auswirkungen auf Tokio-Qualifikation

Rechenspiele für Olympia: Wie bleiben Weltranglisten auch in der Corona-Zeit fair und aussagekräftig?

Olympia-Tickets werden in einigen Sportarten über die Weltranglisten vergeben. Damit diese auch in der Corona-Zeit fair und aussagekräftig bleiben, haben die Macher mitunter die Zählweise geändert – ein kniffliges Unterfangen.

Krummes Ding: Die Tennis-Weltranglisten sind in diesen Tagen nur bedingt aussagekräftig. Das Gleiche gilt für die Rankings in anderen Sportarten, bei denen während der Pandemie zum Teil Anpassungen vorgenommen wurden. Foto: Patrick Steiner/imago images

Novak Djokovic grüßte auch am vergangenen Montag von ganz oben. Es ist die 311. Woche, die der Serbe an der Spitze der Tennis-Weltrangliste verbringt. Länger war vor ihm noch keiner die Nummer eins der Welt.

Im Tenniszirkus zweifelt kaum einer daran, dass der Australian-Open-Sieger das Klassement verdientermaßen anführt. Das gilt allerdings nicht für alle Platzierungen im Ranking, dessen Systematik pandemiebedingt verändert wurde. Roger Federer steht etwa noch immer an sechster Position – und das, obwohl der Grand-Slam-Rekordchampion seit über einem Jahr kein Match mehr bestritten hat.

Und bei den Frauen wäre eigentlich Überfliegerin Naomi Osaka die logische Nummer eins. Doch stattdessen hat Ashleigh Barty deutlich die Nase vorn, dabei hat die Australierin 2020 acht Monate lang pausiert und war zuletzt auch in Melbourne, wo Osaka triumphierte, vorzeitig gescheitert.

Ebenfalls kurios: Die Kanadierin Bianca Andreescu, die im Vorjahr keinen einzigen Punkt gesammelt hat, gehört noch immer zu den Top Ten. Derlei Verzerrungen resultieren aus der veränderten Zählweise nach dem Corona-Restart im Sommer 2020.

Tennis-Computer blickt weiter zurück in die Vergangenheit

Nachdem die Weltranglisten monatelang eingefroren waren, wurden anschließend nicht mehr nur wie sonst üblich Turniere aus den vergangenen 52 Wochen ins Klassement eingerechnet. Stattdessen berücksichtigte der Computer auch Events von 2019, sofern der betreffende Spieler bei diesen mehr Punkte geholt hatte als im Folgejahr an gleicher Stelle.

Die Grundproblematik besteht allerdings nicht nur auf den Courts dieser Welt, sondern auch in anderen Sportarten: Wie lässt sich verhindern, dass Athleten, die während der Pandemie kürzertreten wollen oder müssen, benachteiligt werden?

Und wie würdigt man gleichzeitig die Leistungen jener Sportler, die trotz Corona so richtig durchstarten?

Auch in der Leichtathletik spielen Weltranglisten neuerdings eine Rolle

Dabei geht es um weit mehr als nur um die Frage, wer sich gerade Branchenprimus oder die Beste ihrer Zunft nennen darf. Schließlich spielt das Klassement in nicht wenigen Disziplinen eine entscheidende Rolle bei der Vergabe der Olympia-Tickets.

So neuerdings auch in der Leichtathletik. Für die Spiele qualifizieren können sich Athleten nicht mehr nur über die Erfüllung bestimmter Normen, sondern auch durch eine entsprechende Position in den 2019 neu eingeführten Weltranglisten.

Ranking blieb acht Monate lang unangetastet

Doch auch hier haben die Macher coronabedingt eingegriffen: Von Anfang April bis Ende November 2020 blieben die Rankings unangetastet – so gut deren Ergebnisse in diesem Zeitraum auch waren, sie brachten den Sportlern keine Punkte.

Julian Howard, Weitspringer von der LG Region Karlsruhe, findet das grundsätzlich in Ordnung. Durch die Olympia-Verschiebung hätte sich die zeitliche Planung der Athleten ohnehin geändert.

„Für mich gab es dadurch keine Nachteile“, sagt der 31-Jährige, der bis zum Ende des verlängerten Quali-Zeitraums am 29. Juni noch ordentlich Punkte sammeln oder eben die Norm (8,22 Meter) knacken muss.

Kusterer profitiert von neuem Quali-Zeitfenster

Eine Rechnung mit mehreren Unbekannten steht Sabine Kusterer in Sachen Olympia bevor. Auch im Gewichtheben werden die Tickets erstmals über ein Ranglisten-System vergeben. Jeweils die ersten Acht des Klassements sowie der nächstbeste Athlet von jedem der fünf Kontinente dürfen zu den Spielen.

Die drei bestehenden Quali-Zeitfenster wurden um ein viertes (1. Oktober 2020 bis 30. April 2021) ergänzt, was vor allem Athleten wie Kusterer entgegenkommt. Der Karlsruherin, die in der Bundesliga für den KSV Durlach hebt, war im Frühjahr 2020 aufgrund von Verletzungsproblemen die Zeit davongelaufen.

Nun hatte sie genügend Puffer, um vor dem entscheidenden Wettkampf, der EM in Moskau Anfang April, in Bestform zu kommen. Kusterer belegt aktuell in der 59-Kilo-Klasse Rang 27 und im 64-Kilo-Limit Platz 30.

Tischtennis-Weltverband nimmt die Vor-Corona-Zeit in den Blick

Auf ein Ticket für Tokio hofft auch noch Tischtennisspieler Dang Qiu vom ASV Grünwettersbach. Eine Rolle bei der Nominierung spielen auch die Weltranglisten-Platzierungen der vergangenen Jahre. Und auch das Tischtennis-Ranking, dessen Systematik 2018 reformiert und in diesem Jahr auch unabhängig von Corona nochmals geändert worden war, hat die Pandemie durcheinandergewirbelt.

Ganz ähnlich wie im Tennis wurde die Bestenliste 2020 zunächst monatelang eingefroren und anschließend in der Zählweise angepasst. Der Weltverband ITTF hat den Zeitraum, aus dem Turnierergebnisse für das Klassement herangezogen werden, auf zwei Jahre ausgeweitet. Qiu rangiert demnach gerade auf Position 53.

Im Golf-System bleibt alles beim Alten

Eine noch bessere Platzierung kann aktuell Sophia Popov in der Golf-Weltrangliste vorweisen. Die in Weingarten aufgewachsene Siegerin der British Open hat als 23. gute Aussichten auf einen Olympia-Start. Die besten 15 der Welt und 45 weitere, über das Klassement ermittelte Sportler, maximal zwei pro Nation, dürfen in Tokio abschlagen.

Auch die Golf-Weltrangliste war im Zuge des ersten Lockdowns eine Zeit lang unangetastet geblieben, deren Systematik wurde anschließend allerdings nicht geändert.

Das hat mit dem komplizierten Modus zu tun, der Turniere aus den vergangenen zwei Jahren berücksichtigt und diese danach gewichtet, wie weit sie zurückliegen. Je älter das Ergebnis, desto weniger Bedeutung hat es für das Ranking.

Tennis: Die Punkte von 2021 oder die Hälfte von 2019?

Die Corona-Auswirkungen auf die Platzierung eines Spielers, seien sie nun positiv oder negativ, fallen durch dieses Prinzip moderater aus als in anderen Sportarten. Das haben wohl auch die Verantwortlichen bei der ATP erkannt.

Vergangene Woche verkündete die Spielervereinigung im Männertennis eine weitere Änderung bei der Berechnung des Rankings, das ab Mitte März eigentlich wieder wie vor der Pandemie geführt werden sollte.

Bei Turnieren, die 2020 ausgefallen waren, fließen entweder die Punkte aus diesem Jahr in die Bestenliste ein oder 50 Prozent der Zähler von 2019. Den Kampf um eines der Olympia-Tickets, die über die Weltranglisten-Platzierungen vergeben werden, hat auch Yannick Hanfmann aufgenommen. Nicht nur für den Karlsruher, in dieser Woche die Nummer 105 der Welt, wird der Weg nach Tokio zur Rechenaufgabe.

nach oben Zurück zum Seitenanfang