Skip to main content

Tanzsport im Lockdown

Abstands-Tanz: Schrittfolgen in der Küche und Training ohne Turnier-Ziele

Nur Kader-Tänzer können derzeit einigermaßen normal trainieren. Doch auch ihnen fehlt das „Salz in der Suppe“ - die Teilnahme an Turnieren. Und das gemeinschaftliche Tanzen.

Letzte Ausfahrt Kiew: Vor gut einem Jahr stand das Latein-Paar Nicola Helm und Jan Albeck zuletzt bei einem internationalen Turnier auf dem Parkett. Foto: Eva Helm

Auch das Leben im Bürgerzentrum der Karlsruher Südstadt ist seit Wochen weitgehend ausgeknipst, aber zumindest Nicola Helm und Jan Albeck bringen ab und an Licht wie Schwung rein in die leere Halle. Das klingt erst mal ein wenig trostlos, „aber es hat auch seine Vorteile“, sagt Tänzer Albeck. Zum Beispiel den, „dass wir uns die Musik selbst aussuchen können“.

Weil das Lateinpaar des TC Astoria zum Landeskader zählt, darf es laut der Corona-Sportverordnung auch auf das Bürgerzentrum-Parkett. Für die allermeisten der gut 50 Turnierpaare des Karlsruher Clubs jedoch gilt: Homeoffice. Trainiert wird im heimischen Wohnzimmer oder der Küche. Dort, wo eben Platz ist.

Trainer ist online zugeschaltet

Der Corona-Lockdown, gerade erst wieder verlängert, hat so gesehen eine neue Tanzform geschaffen: den Abstands-Tanz. Auch für Helm und Albeck findet ein Großteil ihres Trainingsalltags online statt. Mehrmals im Monat schalten sich die Paare zum Gruppentraining zusammen, alleine oder zweit. „Kraftübungen, technische Inhalte und Figuren stehen dann auf dem Programm“, sagt die 23 Jahre alte Helm aus Oftersheim.

Wir haben uns mittlerweile ganz gut eingegroovt.
Jan Albeck, Lateintänzer des TC Astoria

Trainieren Helm und Albeck im Bürgerzentrum, der Heimat des TC Astoria, ist ihr Trainer Jesper Birkehoj entweder zugeschaltet oder aber die Einheit wird auf Video aufgenommen. „Wir haben uns mittlerweile ganz gut eingegroovt“, sagt der 29 Jahre alte Albeck, der in Lampertheim wohnt. Fünf bis sechs Mal trainieren die beiden in der Woche, online und ganz real.

Wichtig sei, sich in diesen Zeiten selbst Ziele zu setzen, „konditionell-sportliche und tänzerische“, sagt Helm. Mit der Situation kämen sie jedenfalls jetzt besser zurecht als zu Beginn der Corona-Krise mit ihren Einschränkungen. Übung macht eben auch in der Pandemie den Meister - gleichwohl die Schrittfolge in den zweiten Lockdown „einen hart getroffen hat“, wie Albeck sagt.

„Ein Genuss“: Im Sommer 2020 schnupperte man an der Normalität

Im Sommer schließlich habe man zwischenzeitlich wieder an der Normalität geschnuppert, stand - zwar in begrenzter Gruppengröße - wieder mit anderen Paaren auf der Tanzfläche. „Das war ein großer Genuss“, sagt Jacqueline Gerstner, Standardtänzerin und im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Uns hat das Herz geblutet, als wir unseren Mitgliedern wieder sagen mussten, dass die Räume erneut geschlossen sind.“

Und wie im gesamten Sport hat Corona auch bei den Turniertänzern ein Wettkampfloch gerissen. „Dabei sind es ja gerade die Turniere, die extrem motivieren, auf die man hinarbeitet“, sagt Helm. Ende Februar 2020 war das damals frischgebackene Astoria-Paar, das wegen Trainer Birkehoj aus Ludwigsburg ins Badische wechselte, noch bei den internationalen World Open in Kiew. „Da wurde schon bei der Einreise Fieber gemessen“, erinnert sich Albeck, „aber da dachte man: Okay, das ist in ein paar Wochen rum“.

Hip-Hop-Coach als Motivator

Stattdessen: Stillstand, Lockerungen, Stillstand und eben - Online-Training. Das bietet auch Dominik Sass seinen Mitgliedern an, er führt Kurse durch und produziert Lernvideos. Der Inhaber und Trainer der Ettlinger Urban Dance School für Streetdance und Hip-Hop sieht sich dabei auch als „Motivator, damit alle bei der Stange bleiben“. Bislang mit Erfolg: „Die Resonanz ist super.“

Was auch bei den „Astorianern“ gilt. Der Club habe durch ein neues Online-Schnupperangebot sogar neue Mitglieder gewonnen, sagt Gerstner. In der Not sieht sie auf dem digitalen Weg „definitiv auch eine Chance“, neue Tänzer-Kreise zu erschließen.

Die Turniere als das „Salz in der Suppe“

„Wir motivieren uns alle so gut es geht gegenseitig“, sagt Gerstner, aber das Gemeinschaftliche, das fehle. „Das zusammen tanzen, das zusammen arbeiten“, sagt Sass. Und für seine beiden Leistungsformationen eben auch: die Wettkämpfe. „Die Turniere sind das Salz in der Suppe.“ 2020 blieb in dieser Hinsicht für seine A-Formation „Addicted“ wie auch für die Junioren-Gruppe „True Stylez“ ein komplett ungesalzenes Jahr, der Kalender für 2021 sieht ebenfalls fade aus.

„Das ist zumindest schwer planbar, wir werden wenn spontan über Teilnahmen entscheiden“, sagt Sass, der mit seinen Hip-Hop-Tänzern üblicherweise national wie international präsent ist . „Addicted“ wurde schon Vizeweltmeister und zählt national zu den Top-Formationen. Herausfordernd sei die Situation derzeit speziell für die jungen Tänzerinnen und Tänzer, „die sind in einem Loch“, sagt Sass, der selbst schwierige Zeiten mit seiner Tanz-Schule durchlebt. Homeschooling tagsüber, abends noch Homedancing - da sei es nicht einfach, die Motivation und Energie hochzuhalten.

Auch via Video entwickelt man sich weiter, aber der Feinschliff fehlt

„Wir sitzen alle wie auf heißen Kohlen“, sagt Gerstner mit Blick auf die Zukunft. Natürlich: Auch via Video-Training entwickele man sich weiter, sagen die Astoria-Tänzer, neben einem Standard-Paar die einzigen Kader-Tänzer bei Astoria. Aber „die Feinheiten, den Schliff“, sagt Gerstner, den finde man nur zusammen. „Und manchmal ist es eben auch schwer, Sachen nur mit Worten zu erklären“, ergänzt Helm. Sicher: Alleine im Saal könne man sich besser auf sich konzentrieren. Dafür fehle die direkte Resonanz, der gegenseitige Ansporn - das Miteinander. „Wir würden uns sehr gerne wieder mal um die Musikauswahl streiten“, stellt Albeck fest.

nach oben Zurück zum Seitenanfang