Skip to main content

Serie: Mittelbadische Sportgeschichten

Als Sloga Rotenfels und der VfR Bischweier die Massen mobilisierten

Vor 50 Jahren fand im Kuppenheimer Wörtelstadion ein Fußballspiel in der untersten Liga des Bezirks Baden-Baden zwischen dem VfR Bischweier und dem FC Sloga Rotenfels statt, das mehr Zuschauer anlockte als zwei Tage zuvor die Bundesliga-Partie des FC Schalke 04 gegen den 1. FC Köln.

Großkampftag in Kuppenheim: Der Bischweierer Kapitän Edgar Rost (links) und Sloga-Spielführer Josip Dokozic gingen voran, als es vor 50 Jahren im ausverkauften Wörtelstadion um den Aufstieg ging. Foto: Gerhard Wiedemann

Den 31. Mai 1971 vergisst Edgar Rost sein Leben lang nicht. „Es war der Pfingstmontag“, sagt er. Der ehemalige Fußballer erinnert sich noch ganz genau daran, was er vor genau 50 Jahren, als blutjunger 20-Jähriger, im Trikot seines Heimatvereins VfR Bischweier erlebt hat.

Im Kuppenheimer Wörtelstadion ging es in einem Entscheidungsspiel um den Aufstieg von der damals ganz unten angesiedelten C- in die B-Klasse. Der Gegner hieß FC Sloga Rotenfels. Das Außergewöhnliche war dabei die Besucherzahl. Offiziell 3.250 zahlende Zuschauer wurden registriert, wobei die Frauen freien Eintritt hatten.

Augenzeugen schätzten, dass bis zu 5.000 Menschen den proppenvollen Sportplatz bevölkerten. Zum Vergleich: Zwei Tage vorher, am 29. Mai 1971, wollten in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn gerade einmal 4.000 Fans das Bundesligaspiel FC Schalke 04 gegen den 1. FC Köln sehen.

Sloga Rotenfels als Publikumsmagnet

Dass sich bei einer Begegnung in der untersten Liga des Bezirks Baden-Baden derart viele Zuschauer einfanden, hatte vor allem auch mit Sloga Rotenfels zu tun. Ein Jahr zuvor, im Mai 1970, war der Verein von jugoslawischen Gastarbeitern gegründet worden.

Djuro Popovic, der die Geschicke des „Jugoslovenski Fudbalski Klubs Sloga Rotenfels“, so der Original-Name, einige Jahre als Vorsitzender lenkte, erläutert: „Bei den Gründungsmitgliedern handelte es sich zum großen Teil um Mitarbeiter von Mercedes-Benz, die Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre ins Murgtal kamen und zum größten Teil in den extra hochgezogenen Wohnheimen lebten.“

Bunte Mischung aus vielen Nationalitäten

Bei Sloga traf man sich nach Feierabend und spielte zusammen Fußball. „Das war eine bunte Mischung von Spielern aus ganz Jugoslawien. Serben, Kroaten, Bosnier und so weiter. Aber auch Türken, Franzosen und Deutsche haben mitgemacht“, so Popovic.

„Sloga heißt übersetzt Eintracht, Harmonie. Der Name war in Anbetracht der vielen Nationalitäten, die bei der Gründung anwesend waren, naheliegend“, erklärt Slobodan Mandic, ein Mann der ersten Stunde beim FC Sloga.

Der neugegründete Club übte eine große Anziehungskraft auf die Landsleute aus. So ist es zu erklären, dass zum Spiel in Kuppenheim geschätzt 1.500 jugoslawische Staatsbürger von überall her angereist waren, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Sie konnten am Ende einen 1:0-Sieg und den damit verbundenen Aufstieg in die B-Klasse Murg feiern.

Ligaspiel lockte 1.200 Zuschauer an

Edgar Rost blickt zurück: „Die beiden Mannschaften standen sich bereits eine Woche vorher in Bischweier vor 1.200 Zuschauern am letzten Spieltag der Saison 1970/71 in der C-Klasse, Staffel 3, gegenüber. Nach dem 1:1 wiesen beide Teams an der Tabellenspitze 33:11 Punkte auf. Das Torverhältnis zählte nicht. Der Meister, gleichzeitig Aufsteiger, musste deshalb in einem Entscheidungsspiel auf neutralem Platz ermittelt werden.“

Bischweiers Trainer Josef Jungmann wollte nichts dem Zufall überlassen. Er absolvierte mit seinen Schützlingen am Pfingstsonntag ein Kurz-Trainingslager in der Sportschule Steinbach. Von dort ging es dann tags darauf per Bus nach Kuppenheim.

Für die Sloga-Anhänger war das wie ein Länderspiel.
Edgar Rost, Spielführer des VfR Bischweier

„Als wir dort ankamen, war alles dicht. Wir waren von den Menschenmassen, die sich in Richtung Stadion bewegten, total überrascht und beeindruckt“, sagt Rost. Und: „Für die Sloga-Anhänger war das wie ein Länderspiel.“ War es die ungewohnt große Kulisse, die Bischweier zu schaffen machte?

Nervöse Bischweierer

„Fakt ist, dass wir ziemlich nervös agierten und Sloga leicht feldüberlegen war. In der 77. Minute war es dann soweit. Der Gegner erzielte in der vom Liga-Schiedsrichter Walter Peter souverän geleiteten Partie durch Linksaußen Dobrivoje Roncevic das Tor des Tages. Nach dem Spiel saßen wir ziemlich bedröppelt in der Kabine und mussten erleben, wie Sloga mit seinen Anhängern den Aufstieg feierte“, so Rost.

Meisterlich: Die Mannschaft des FC Sloga Rotenfels sicherte sich am 31. Mai 1971 im Kuppenheimer Wörtelstadion den Titel in der C-Klasse, Staffel 3, des Fußballbezirks Baden-Baden. Foto: Slobodan Mandic

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Bischweier holte den Aufstieg in der Folgesaison nach und arbeitete sich viele Jahre später sogar bis in die Landesliga hoch. Aktuell kämpft der VfR in der Kreisliga A um Punkte.

Bei Sloga Rotenfels gingen dagegen dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Triumph von Kuppenheim die Lichter aus. Dabei mischte der Club, der in seinen besten Zeiten rund 500 Mitglieder zählte, lange erfolgreich im Bezirk Baden-Baden mit. Im Jahr 1979 stieß man im Landesturnier für jugoslawische Vereine in Deutschland sogar bis in die Endrunde vor.

Tragik um eine Sloga-Legende

Zu einer Legende im Verein wurde Istvan „Pista“ Struklic, der unter der Woche in Singen arbeitete und am Wochenende ins Murgtal zum Fußballspielen kam. Trotz verlockender Angebote höherklassiger Vereine, unter anderem auch vom Karlsruher SC, blieb er dem FC Sloga treu.

Es war eine Tragödie, als der leidenschaftliche Fußballer 1996 während eines Einsatzes in der zweiten Sloga-Mannschaft in Gernsbach starb. „Das war furchtbar, ein Schock für uns alle“, sagt Djuro Popovic.

Spielbetrieb kurz vor der Saison 2006/07 eingestellt

Das sportliche Aus für den FC Sloga kam schleichend. In der Saison 2005/06 belegte der Verein in der Kreisliga B4 den vorletzten Platz.

Kurz vor der Runde 2006/07 wurde die Mannschaft wegen Personalmangels vom Spielbetrieb zurückgezogen und kehrte danach nicht mehr auf die Bildfläche zurück.

Das wiederum ändert nichts daran, dass der FC Sloga Rotenfels vor 50 Jahren – an jenem 31. Mai 1971 – zusammen mit dem VfR Bischweier im Kuppenheimer Wörtelstadion die Massen mobilisiert, für Rekordbesuch gesorgt und damit ein Stück mittelbadischer Fußballgeschichte mitgeschrieben hat.

nach oben Zurück zum Seitenanfang