Skip to main content

Interview mit Pascal Winkel

Sportlicher Leiter der Baden Rhinos zur Corona-Pause: „Es geht ums nackte Überleben“

Sportlich gelang den Baden Rhinos vom Eishockey-Regionalligisten ESC Hügelsheim ein glänzender Start in die Saison. Nun ist die Runde unterbrochen – mit gravierenden Folgen für den Verein. Der Sportliche Leiter Pascal Winkel erläutert im BNN-Interview die Hintergründe.

Macher an der Bande: Pascal Winkel unterstützt die Baden Rhinos des ESC Hügelsheim in dieser Saison auch als Co-Trainer. Momentan ist der Funktionär jedoch verstärkt abseits der Eisfläche gefragt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Pascal Winkel bestaunte einst als Jugendlicher die kanadischen Kufenkünstler in Rastatt. Während des Studiums in Bayern spielte er Eishockey für den TSV Erding und die Blackbears Weihenstephan. Zurück in der Heimat, gehörte der 46-Jährige aus Rastatt-Plittersdorf 2009 zu den Gründungsmitgliedern der Baden Rhinos des Regionalligisten ESC Hügelsheim.

Am Baden-Airpark bekleidete Winkel seitdem viele Ämter, doch so gefordert wie momentan war der Sportliche Leiter, Zweite Vorsitzende und derzeit auch Co-Trainer wohl selten. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Florian Konrad spricht Winkel über die erneute Zwangspause, deren Folgen und Pläne für die Zukunft.

Am vergangenen Wochenende war das deutsche Eishockey nach langer Zeit wieder medial präsent. War der Deutschland Cup aus Ihrer Sicht das erhoffte Lebenszeichen?
Pascal Winkel

Lebenszeichen ja, aber ich glaube nicht mehr und nicht weniger. Man muss sehen, wer die Gegner waren und dass es ohne Zuschauer und richtige Medienpräsenz stattfand. Es ist ähnlich wie mit dem Handball-Länderspiel am Wochenende. Ein Signal nach dem Motto: Hört zu, wir sind noch da, lasst uns weiterleben.

Ob die DEL noch vor Weihnachten startet, soll erst kommende Woche entschieden werden. Welche Perspektiven sehen Sie für Deutschlands Top-Liga?
Pascal Winkel

Durch das ständige Verzögern ist es schwierig für die Fans und die Vereine. Man hat laufende Kosten und muss immer schauen, wie man von einem Monat zum nächsten kommt. Hoffentlich wird jetzt eine Entscheidung getroffen, damit jeder Bescheid weiß – egal in welche Richtung. Großbritannien hat die Eliteliga zum Beispiel komplett abgesagt, das wäre auch eine Möglichkeit. Ich sehe es aber positiv und hoffe, dass um Weihnachten herum wieder gespielt wird. Die DEL2 hat gerade angefangen. Es wäre schade, wenn beim Aushängeschild des deutschen Eishockeys nichts stattfinden würde.

Mit ausbleibenden Zuschauereinnahmen hat auch der ESC Hügelsheim in der Regionalliga zu kämpfen. Zu den ersten beiden Heimspielen vor der erneuten Zwangspause durften nur 350 Fans kommen. Was bedeutet der erneute Lockdown für die Baden Rhinos in wirtschaftlicher Hinsicht?
Pascal Winkel

Mit der Reduzierung der Zuschauerzahl hat man von Anfang an gerechnet. Darauf haben wir uns eingestellt und versucht, es zu kompensieren. Natürlich ist es um einiges weniger, wenn wir nur 350 in der Halle haben als im Schnitt 800 bis 900. Aber eine Saison bekommen wir damit hin, indem alle etwas zurückstecken. Der Lockdown im November tut uns richtig weh und kostet nochmal richtig Geld. Wir haben entschieden, das Eis nicht abzutauen und es vier Wochen zu halten. Hier haben wir, je nach Wetterverhältnissen, laufende Kosten zwischen 12.000 und 16.000 Euro. Und null Einnahmen. Kein Trainingsbetrieb, keine Vermietung von Eiszeit an Hobbymannschaften, kein Publikumslauf. Diese Einnahmen brechen jetzt alle weg.

Das Eis wurde im November in einen „Stand-by-Modus“ versetzt, um etwas an Kosten zu sparen. Macht dies einen großen Unterschied?
Pascal Winkel

Das ist die große Frage, denn wir haben damit keinerlei Erfahrung. Ich habe mit der größten Firma gesprochen, die in Deutschland für Eishallen zuständig ist. Wir haben die Eisdicke reduziert, das heißt wir haben weniger Volumen zu kühlen. Normal sind wir bei fünf Zentimetern Eis, jetzt sind wir bei etwa drei Zentimetern. Das ist bei einer Fläche von 1.800 Quadratmetern ein großes Volumen, das nicht gekühlt werden muss. Bei der Temperatur sind wir von minus acht Grad auf minus vier Grad gegangen. Das Eis komplett abzutragen und wieder aufzubauen, könnten wir wirtschaftlich nicht stemmen.

Hat der ESC Hügelsheim Mittel aus dem Corona-Hilfspaket des Bundes beantragt und falls ja, um welchen Betrag geht es dabei?
Pascal Winkel

Im März, als nach dem Saisonabbruch auch Einnahmen wegfielen, haben wir gleich die Soforthilfe in Höhe von 5.000 Euro beantragt und auch bekommen. Die Corona-Hilfe Sport muss man relativieren. Im Breitensport bekomme ich pro Mitglied zwölf Euro. Das hat der Badische Sportbund großzügiger Weise aufgerundet auf insgesamt 2.300 Euro. Mehr ist nicht abrufbar als gemeinnütziger Verein. Wir hoffen jetzt natürlich auf die November-Hilfe und die 75 Prozent des Umsatzes aus dem Vorjahr. Das würde uns sehr helfen und wäre ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Sportlich begann die Saison mit dem neuen Trainer Cedrick Duhamel erfolgreich mit drei Siegen aus vier Spielen sowie zehn Punkten. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Pascal Winkel

Wir sind natürlich zufrieden, wie wir gestartet sind. In der Kombination mit Cedrick und mir als Assistenztrainer haben wir eine gute Lösung gefunden. Ich halte ihm viel den Rücken frei, was organisatorische Dinge angeht, damit er sich auf die Mannschaft und Trainingsarbeit konzentrieren kann. Das scheint im Moment ganz gut zu funktionieren.

Bis Ende November ist der Spielbetrieb gestoppt. Wie sehen Sie die Chance, dass es für die Baden Rhinos am 5. Dezember gegen Stuttgart weitergeht?
Pascal Winkel

Wir schauen uns wie viele andere jeden Tag die Infektionszahlen an und hoffen, dass diese sinken, damit wir im Dezember wenigstens den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen können. Wie es mit dem Spielbetrieb aussieht, ist schwierig zu beurteilen. Wenn es heißt, dass es am 5. Dezember wieder losgeht, dann stehen wir an der blauen Linie, begrüßen den Gast aus Schwaben und holen uns die drei Punkte. Ich hätte kein Problem damit, die ersten Spiele im Dezember ohne Zuschauer zu absolvieren. Wie die weitere Saison aussieht, müssen wir als gesamte Liga zusammen mit dem Verband entscheiden. Eventuell müssen wir von einer anderthalbfachen Runde auf eine einfache Runde gehen.

Seit 2011 spielen die Baden Rhinos in der Regionalliga. Wie lauten die mittelfristigen Ziele?
Pascal Winkel

Das ist in der augenblicklichen Situation schwierig. Natürlich hat man Pläne, Wünsche und Visionen. Aber die hat man alle hinten angestellt. In erster Linie geht es ums nackte Überleben. Wir wollen mittelfristig definitiv um die Meisterschaft mitspielen und den Titel mal nach Hügelsheim holen. Langfristig muss man die Augen offenhalten, in welche Richtung es gehen kann. Sowohl Sponsoren als auch Fans wollen sicherlich auch mal mehr sehen. Aber da muss man auch ein gewisses Maß an Vernunft an den Tag legen und schauen, ob dies umsetzbar ist an unserem Standort.

Wie stehen Sie zu einem Aufstieg in die drittklassige Oberliga, die ausschließlich aus bayerischen Vereinen besteht, darunter Traditionsstandorte wie Riessersee, Rosenheim oder Füssen?
Pascal Winkel

Man hat schon oft beobachtet, dass es Vereine, die ein Aufstiegsrecht ohne sportliche Ambitionen wahrnehmen, schwer haben. Für diese Saison wurde uns beispielsweise angeboten, einen fehlenden Platz in der Oberliga einzunehmen. Das war für uns aber zu keinem Zeitpunkt eine Option.

Mit höheren sportlichen Zielen verbunden ist auch die Infrastruktur. Wie lange kann in der aktuellen Halle noch gespielt werden?
Pascal Winkel

Wirtschaftlich ist es ein Drahtseilakt aufgrund der hohen Energiekosten. Es ist ein großer Sanierungsstau da, weil immer nur ein Minimum an Budget für Modernisierungen vorhanden ist. Diese Halle ist alt, bricht uns aber nicht über dem Kopf zusammen. Wir betreiben die Halle komplett im Ehrenamt. Realistisch gesehen können wir noch vier, fünf oder maximal sechs Spielzeiten dort absolvieren, wenn nichts Außergewöhnliches passiert.

Was ist dann in sieben Jahren? Dem Vernehmen nach ist eine neue Spielstätte am Baden-Airpark in Planung…
Pascal Winkel

Wir möchten den Standort Hügelsheim sichern. Das wird mittelfristig nur über einen Hallenneubau gehen. Denn eine Kernsanierung dieser Halle würde den Kosten eines Neubaus wohl nahekommen. Es gibt Visionen, aber wie spruchreif diese sind, ist schwierig zu beurteilen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang