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Folgen der Corona-Pandemie

Sportvereine verzeichnen teils signifikanten Mitgliederrückgang – doch der Optimismus bleibt

Die einen trifft es stärker, die anderen weniger stark – betroffen sind allerdings fast alle: Die Sportvereine verzeichnen im Jahr 2020 einen Mitgliederschwund. Dabei zeichnet sich schon kurz vor Ende der Bestandserhebung des Badischen Sportbundes Nord eine Tendenz ab.

Einbahnstraße in der Halle: Zahlreiche Sportanlagen mussten wegen der Corona-Pandemie schließen. Die Vereine hoffen deswegen, bald wieder öffnen zu dürfen – damit aus Einbahnstraßen keine Sackgassen werden. Foto: Noah Wedel/imago images

Das erwartete Minus ist gekommen – und es fällt für einige Vereine doch ziemlich dick aus: Die Corona-Pandemie hat im Kalenderjahr 2020 für einen Mitgliederrückgang in den Sportvereinen gesorgt. Doch der hängt vielerorts nicht mit vermehrten Austritten zusammen.

Beim Badischen Sportbund Nord (BSB) läuft die Bestandserhebung noch bis zum 31. Januar. Mitte der Woche waren etwa 60 Prozent der Vereine erfasst – genau beziffern lässt sich die Entwicklung folglich noch nicht.

„Eine erste Wasserstandsmeldung“, sagt Florian Dürr, stellvertretender Geschäftsführer des BSB und Leiter des Geschäftsbereichs Sport- und Vereinsentwicklung, könne man jedoch geben – und eine Tendenz ließe sich ablesen.

„Aktuell stehen wir bei einem Mitgliederrückgang von 2,5 Prozent“, erklärt er, ergänzt jedoch im gleichen Atemzug, dass „insbesondere einige größere Vereine“ bislang noch nicht erfasst seien.

Rückgang resultiert aus fehlenden Eintritten

Die Rückgänge, so Dürr, resultierten in großen Teilen allerdings nicht aus einer massiven Austrittswelle, „sondern aus nicht realisierten Eintritten“. Häufig seien die Austrittszahlen relativ konstant geblieben – sie ließen sich jedoch nicht auffangen.

Genau in diese Kerbe schlägt auch Gert Rudolph, Vorsitzender des SSC Karlsruhe. In den vergangenen Jahren verzeichnete der SSC bei rund 900 bis 950 Austritten im Jahr stets gut 1.000 bis 1.100 Beitritte – letztere belaufen sich dieses Mal aber lediglich auf knapp 300.

Rudolph kommt damit auf einen Schwund von knapp zehn Prozent. Für einen Verein wie den SSC, der sich zu weit mehr als 60 Prozent aus Mitgliederbeiträgen finanziert, ist das besonders bitter. „Wir spüren eine große Solidarität, es wird aber einige Jahre dauern, 2020 zu kompensieren.“

Ältere Generation fehlt es an technischen Möglichkeiten

Von einer Zehn-Prozent-Marke spricht auch Holger Dörr, Vizepräsident von Pugilist Boxing Gym in Bruchsal. „Die Krux ist, dass wir eben keine neuen Mitglieder gewinnen konnten“, erklärt auch er, die natürliche Fluktuation aber sei geblieben. Besonders für das eigene Fitnessstudio wären die Monate Dezember bis Februar enorm wichtig gewesen.

„Wir bieten Live-Kurse an, haben uns dafür ein kleines Studio eingerichtet“, erklärt Dörr. „Die Resonanz ist auch gut – allerdings fällt gerade die ältere Generation hinten runter, weil sie die technischen Möglichkeiten nicht hat.“

Diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren der digitalen Welt zugewandt haben, können davon zumindest ein wenig zehren.
Felix Banz, Geschäftsführer von Post Südstadt Karlsruhe

Diesen Umstand gibt auch Felix Banz, Geschäftsführer von Post Südstadt Karlsruhe, zu bedenken. Die Vereinsamung der Senioren habe sich – so seine Erfahrung aus dem Verein – verschärft. „Diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren der digitalen Welt zugewandt haben, können davon zumindest ein wenig zehren“, so Banz.

„Uns sind aber tatsächlich viele abhanden gekommen – und leider sind diese Menschen auch oft diejenigen, die ehrenamtlich stark engagiert sind. Da geht viel kaputt“, betont er.

Tatsächlich hat sich der Mitgliederrückgang beim PSK durch die Pandemie auch verschärft. „Schätzungsweise liegen wir bei zwölf bis 15 Prozent Rückgang, haben damit zwischen 500 und 700 Austritte“, so Banz. Die Eintritte seien zudem wie überall spärlich. „Wir haben natürlich die Gründe abgefragt“, erklärt er. Die meisten hätten dabei angegeben, pandemie- und kurzarbeitsbedingt das Geld mehr zusammenhalten zu müssen.

„Wir versuchen alle bestmöglich durch diese weltweite Krise zu kommen“, sagt Banz und äußert Verständnis. Mit seinem Team habe er bereits Strategien entwickelt, um im Frühjahr – sofern möglich – im Freien möglichst viele und wesentlich mehr Angebote starten zu können. „Das liegt alles fertig in der Schublade. Ich bin froh, wenn unsere Anlagen nicht mehr brach liegen müssen und wieder voller Menschen sind.“

Lange Wartelisten lassen hoffen

Deutlich glimpflicher ist der TV Bretten davongekommen: Seine Mitgliederzahlen sanken von 3.891 auf 3.749 – die Quote bleibt damit bei unter vier Prozent. „Bei den Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahre haben wir am stärksten verloren“, weiß Geschäftsstellenleiter Heiko Valentin zu berichten.

Vieles basiere im Verein in diesem Altersspektrum auf Kursangeboten – und die konnten nicht genutzt werden. „Wir haben allerdings auch lange Wartelisten, die wir abarbeiten werden, sobald wir wieder öffnen können“, sagt Valentin. „Ich bin überzeugt, dass wir einen großen Andrang haben werden und die Leute zurückkommen.“

Wir haben allerdings auch lange Wartelisten, die wir abarbeiten werden, sobald wir wieder öffnen können.
Heiko Valentin, Geschäftsstellenleiter des TV Bretten

Auch der TV Nöttingen scheint mit einem blauen Auge davongekommen zu sein, teilt Hubert Bittighofer, Vorstand Finanzen, mit. Sein Verein zählt zum Stichtag 1. Januar 2021 noch immer mehr als 2.000 Mitglieder, im Vorjahr seien es an die 2.200 gewesen. „Normalerweise halten sich bei uns die Ein- und Austritte die Waage“, so Bittighofer. „2020 waren es besonders im zweiten Halbjahr mehr Weggänge.“

Besonders das Online-Angebot sei auf große Resonanz gestoßen. Genau deshalb bringt der TVN nun auch eine Handy-App auf den Markt, die den einzelnen Gruppen Raum zur Kommunikation bietet und aktuelle Push-Meldungen möglich machen soll.

Kleinere Vereine wohl weniger betroffen

Bislang, sagt Florian Dürr vom BSB, sehe es danach aus, als hätten größere Vereine einschneidendere Rückgänge zu verzeichnen als kleinere. Die Gründe hierfür seien allerdings vielschichtig: „Das kann mit Preisen und Bezahlstrukturen zusammenhängen, genauso aber auch mit der Angebotsstruktur. Große Vereine sind sehr heterogene Gebilde, die auch im Inneren organisatorisch zum Teil unterschiedlich aufgestellt sind.“

Ob der Treueeffekt eine Rolle spielt – dass man sich einem kleinen, familiäreren Verein vielleicht zugehöriger fühlen könnte als einem größeren – so weit möchte Dürr nicht gehen. „Man kann das sicherlich nicht pauschalisieren“, sagt er.

Ich glaube, die Menschen lechzen nach Bewegung und Gemeinschaft.
Gert Rudolph, Vorsitzender des SSC Karlsruhe

Befürchtungen, dass man coronabedingt ganze Jahrgänge – auch mit Blick auf den Leistungssport – verlieren könnte, bestünden durchaus. Gerade wenn Kinder nicht im sportartenspezifisch üblichen Alter an die jeweilige Disziplin herangeführt werden könnten. Für Bittighofer ist das „in der Tat ein wunder Punkt“, besonders wenn er an Trampolin und Turnen denkt. Er sei jedoch überzeugt, dass sich das erholen wird. „Es könnte auch einen genau gegenteiligen Effekt haben, dass sich alle wieder nach Bewegung sehnen“, so Dürr. Das sieht auch Gert Rudolph vom SSC Karlsruhe so. „Ich glaube, die Menschen lechzen nach Bewegung und Gemeinschaft“, betont er.

Und in dieser Sache sind sich sämtliche Vereinsverantwortliche einig: Die Hoffnung und der Optimismus, dass sich die Menschen den Vereinen wieder anschließen werden, ist groß. Florian Dürr kann bestätigen, dass „einzelne Vereine sogar Neugewinnungen“ zu melden hatten. Ein Lichtblick – wenn auch fürs Erste, so lange noch keine klare Öffnungsperspektive besteht, nur ein kleiner.

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