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Besorgniserregender Trend

Trockengelegt: Corona-Krise verschärft die Folgen der Pforzheimer Bäderproblematik

Als wäre die Bäderkrise nicht genug, leiden die Pforzheimer Schwimmvereine nunmehr auch unter der Corona-Pandemie. Die Wartelisten für Schwimmkurse sind überfüllt, der Leistungssport hängt in der Warteschleife. Doch der Geschäftsführer des Badischen Schwimmverbands sieht Lösungsansätze.

Sonnigere Zeiten: Bis in den Dezember 2018 hinein war das Huchenfelder Stadtteilbad noch geöffnet. In den kommenden Monaten sollen die Abrissarbeiten beginnen – und anschließend ein neues Bad entstehen. Foto: Harry Rubner

„Wasser gehört zum Leben, wie die Luft zum Atmen.” So kommentierte Katja Mast, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Pforzheim, Mitte 2020 die Nachricht, dass der Bund Fördermittel für den Neubau des Huchenfelder Stadtteilbads zur Verfügung stellt. Aktuell sitzen die Schwimmer in Pforzheim und deutschlandweit jedoch wortwörtlich auf dem Trockenen.

Mit dem coronabedingten Lockdown ruhen bei den Schwimmern, wie in allen anderen Sportarten auch, Übungs- und Wettbewerbsbetrieb. Der Trainingsstopp könnte einen besorgniserregenden Trend allerdings verschärfen. Allein in Pforzheims Grundschulen zählt man laut einer Umfrage zu Beginn des Jahres 2020 unter den Schülern knapp 4.400 Nichtschwimmer. Tendenz steigend.

Überfüllte Wartelisten

Beim SSV Huchenfeld beobachtet man diese Entwicklung mit zunehmender Sorge. „Eine ganze Generation an Schwimmkindern könnte verloren gehen”, mutmaßt Thorsten Bierkamp. Der Sportliche Leiter der Huchenfelder berichtet von überfüllten Wartelisten für kommende Schwimmkurse.

„Wir sind für das komplette Jahr ausgebucht und müssen zusätzlich noch die Kurse nachholen, die nicht stattfinden konnten oder abgebrochen werden mussten”, so Bierkamp. Die Wartelisten habe man zumindest vorübergehend geschlossen.

Bei uns werden mittlerweile zweijährige Kinder angemeldet, damit sie einen Platz haben, wenn sie fünf oder sechs Jahre alt sind.
Britta Tebe, Trainerin beim Schwimmverein Sparta Pforzheim

Ähnlich kritisch sieht die Lage beim Schwimmverein Sparta Pforzheim aus. Dort ist man nicht nur für dieses Jahr, sondern gleich für die nächsten drei bis vier Jahre mit Schwimmkursen ausgebucht. „Bei uns werden mittlerweile zweijährige Kinder angemeldet, damit sie einen Platz haben, wenn sie fünf oder sechs Jahre alt sind”, erzählt Britta Tebe.

Auch bei Sparta sei man mit angefangenen oder abgesagten Schwimmkursen in Rückstand. Dieser Umstand führe zu einem weiteren Dilemma. „Je älter die Kinder werden, desto weniger haben sie Lust, einen Schwimmkurs zu besuchen”, beschreibt die Schwimmtrainerin die Problematik.

Als Übungsleiterin, Schatzmeisterin und Leiterin der Geschäftsstelle in Personalunion hat sie die Gesamtsituation bei Sparta Pforzheim genau im Blick. Auch ein Rückgang der Mitgliederzahlen sei während des vergangenen Jahres bemerkbar gewesen. Diese Beobachtung hat auch Thorsten Bierkamp gemacht. Neueintritte habe es beim SSV Huchenfeld zuletzt kaum gegeben.

Pforzheim fehlen Wasserflächen

Bereits vor Corona war die Lage der Schwimmvereine durch die Pforzheimer Bäderkrise angespannt. Mit den Schließungen des Huchenfelder Stadtteilbads und des Emma-Jaeger-Bads fehlen seit zwei Jahren rund 64 Prozent der ursprünglichen Wasserflächen.

Der SSV Huchenfeld wich seitdem auf das Bad der Konrad-Adenauer-Schule und das Stadtteilbad Eutingen aus. Als der Schwimmbetrieb im Sommer wieder stattfinden durfte, habe man im Vergleich zu anderen Städten sogar noch gut dagestanden.

„Einige Kommunen haben nach dem ersten Lockdown aus Kostengründen gar kein Wasser mehr in die Hallenbäder gefüllt”, berichtet Bierkamp. So saßen zahlreiche Schwimmvereine letztlich tatsächlich auf dem Trockenen.

Bädersterben ist ein bundesweites Phänomen

Der Verlust von Wasserflächen ist jedoch nicht nur ein Pforzheimer Problem. Die gesamte Republik kämpft gegen das kollektive Bädersterben. Laut einer Berechnung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) wurden zwischen den Jahren 2000 und 2017 deutschlandweit jährlich rund 80 Bäder geschlossen. Dazu seien zahlreiche Schwimmstätten marode und in einem schlechten Zustand.

Ende der 1960er-Jahre setzte die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG) den so genannten „Goldenen Plan“ in Kraft. Dieser sollte dem eklatanten Sportstättenmangel in Deutschland entgegenwirken. Mit insgesamt 17,4 Milliarden D-Mark wurde die Sportstätten-Infrastuktur verbessert. Betrachtet man den Zustand vieler Sportanlagen heute, ist seitdem nicht mehr viel passiert.

Wir haben jetzt ein Tief. In zwei bis drei Jahren werden wir das Vorkrisenniveau aber wieder erreicht haben.
Holger Voigt, Geschäftsführer des Badischen Schwimmverbands

Beim Badischen Schwimmverband (BSV) sieht man den Mangel an Wasserflächen als zentrales Problem für die Schwimmausbildung. Holger Voigt ist Geschäftsführer des BSV und erläutert weitere Aspekte, die den Schwimmsport in Bedrängnis bringen. „Die Gesellschaft verändert sich. Heutzutage sind oft beide Elternteile voll berufstätig“, sagt er und ergänzt: „Da bleibt dann keine Zeit mehr, den Nachwuchs zum Schwimmkurs zu bringen.”

Außerdem sei es schwierig geworden, ehrenamtliche Übungsleiter zu finden, was vielerorts zu einem Trainermangel führe. Als dritten Punkt führt Voigt die zunehmende Kommerzialisierung der bestehenden Schwimmbäder an, in denen beispielsweise Aquafitness angeboten wird. Dies könne dazu führen, dass für Schwimmkurse kaum noch Platz sei.

Auch der Leistungssport leidet

Auch der Leistungssport leidet unter dem Lockdown. „Wir laufen Gefahr, dass uns ein bis zwei Jahrgänge an wettbewerbsfähigen Schwimmern verloren gehen”, führt Voigt aus. „Das können wir möglicherweise in einigen Jahren als Delle im Leistungsschwimmen erleben.” Für die Zukunft ist Voigt dennoch zuversichtlich. „Wir haben jetzt ein Tief. In zwei bis drei Jahren werden wir das Vorkrisenniveau aber wieder erreicht haben.”

Bei allem Optimismus ist dem BSV-Chef allerdings auch klar, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Schwimmsport wieder nach vorne zu bringen. „Wir müssen finanzielle Anreize schaffen, um mehr Trainer ausbilden zu können. Außerdem müssen uns die Kommunen unterstützen und so viele Wasserflächen wie möglich zur Verfügung stellen”, zeigt Voigt die Lösungsansätze auf. Ob das ausreicht, um den Nachwuchs wieder für Schwimmkurse zu begeistern, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen.

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