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Leere auf dem Rasen

Verantwortliche im Fußballkreis Pforzheim vermissen den Sport

Die Saison 2020/21 im Amateurfußball? Annulliert. Seit dem 9. April ist das ein Fakt. Doch wie geht es Aktiven wie Ehrenamtlichen im Fußballkreis Pforzheim im Dauer-Stillstand? Sechs Betroffene berichten.

Betäubende Stille statt tobenden Mengen: Die Sportplätze der Region – wie hier in Dillweißenstein – sind derzeit verwaist. Foto: Harry Rubner

Vor einer Woche hat auch der Badische Fußballverband (bfv) die Saison und damit eine monatelange Hängepartie offiziell abgepfiffen. Seither kennen die Amateurkicker auch den Paragraf 4c der Spielordnung des bfv, dieser regelt eine Annullierung der Runde.

Nicht einmal das Ausspielen der restlichen Hinrundenpartien in den einzelnen Ligen der Männer, Frauen und Jugend war angesichts der Pandemie-Lage und der daraus resultierenden Einschränkungen mehr möglich. Anders als beim Abbruch im Vorjahr endete die Saison 2020/21 ohne Wertung – und beginnt 2021/22 einfach von Neuem.

Seit Ende Oktober ruht der Betrieb auf den Plätzen – bald sechs Monate sind das nun schon. Die BNN-Sportredakteure erzählen zum historischen Abbruch sechs Geschichten aus dem Fußballkreis.

Zum zweiten Mal voll ausgebremst

Ausgebremst: Gökhan Gökce, Trainer der GU, hofft auf die nächste Saison. Foto: Harry Rubner

Keine Frage: Der Kader des Fußball-Kreisligisten GU-Türkischer SV Pforzheim ist für höhere Spielklassen prädestiniert. Coach Gökhan Gökce kann auf etliche Spieler mit Verbands- und Landesligaerfahrung zurückgreifen. Um, nachdem der Aufstieg in der abgebrochenen Runde 2019/20 nach Quotientenregelung als Tabellenzweiter nur knapp aufgrund des Torverhältnisses verpasst wurde, endlich in die Landesliga zu kommen, wurde vor der Saison tief ins Portemonnaie gegriffen.

Neun Siege in neun Spielen und 40:3 Tore belegen, dass sich die Investitionen auszahlen sollten. Der erneute Abbruch ist für GU ein Schlag in die Magengrube – sportlich wie finanziell, wenngleich Gökce sagt: „Wenn nicht gespielt wird, kriegt niemand Geld. Und Sorgen, was die Finanzen betrifft, haben andere Vereine ja auch.“

Der Großteil der Mannschaft, die vereinzelt verstärkt werden soll, bleibt an Bord. Dass die Saison 2020/21 ebenfalls abgebrochen wurde, hat Gökce nicht überrascht. Er bedauert es, dass nun bereits zwei Spielzeiten kaputt gemacht wurden, bringt aber auch Verständnis auf. Gökce: „Die Gesundheit steht über allem.“ Wenn es nach ihm und dem Verein geht, hätte die Saison jedoch nicht ab-, sondern lediglich unterbrochen werden sollen. „Man hätte jetzt pausieren und später im Jahr weiterspielen können“, findet Gökce. „Immer nur zu annullieren, damit macht man es sich zu einfach.“ Angreifen will GU dennoch wieder. „Wir wären froh, bald trainieren zu können. Die Jungs wollen kicken.“

Gökhan Gökce: Der Ex-Trainer des Oberligisten 1. CfR Pforzheim hat mit dem Kreisligisten GU-Türkischer SV Pforzheim auch in Zukunft viel vor.

Das Ziel weiter vor Augen

Traum lebt weiter: André Pohl, Coach des 1. FC Pforzheim 2018. Foto: Andre Pohl

Die Saison hatte sportlich positiv begonnen. Nach sechs Spielen belegte der von Andrè Pohl und Marc Wollmer gecoachte 1. FC Pforzheim 2018 in der Fußball-Kreisklasse C1 Platz zwei. Die Chance, aufzusteigen, war da. Dass nun wieder nichts aus dem Traum wird, war Pohl indes schon lange klar. „Der Abbruch hat mich nicht überrascht. Nachdem zuvor bereits andere Landesverbände in Deutschland so entschieden hatten, war mir klar, dass auch der Badische Fußballverband nachziehen wird“, sagt Pohl.

Er ergänzt: „Ich finde, man hätte mit der Entscheidung durchaus noch warten können. Vielleicht wäre im Mai oder Juni noch Zeit geblieben, die fehlenden fünf, sechs Spiele nachzuholen, um mittels Quotienten-Regelung werten zu können. Auch unsere Mannschaft hätte gerne weitergespielt.“

Die Gier und Lust, unbedingt eine Liga höher anzukommen, sind beim FCP groß. Als es kürzlich aufgrund niedriger Inzidenzen möglich war zu trainieren, standen beim C1-Ligisten 36 Mann auf der Matte. „Ich hoffe, dass die neue Runde komplett gespielt werden kann. Aber selbst bei einer Einfachrunde wären wir dankbar dafür, dass wir überhaupt wieder kicken können. So macht es einfach keinen Spaß“, so Pohl. Bis auf Torhüter Vitali Mositschuk (berufliche Gründe) bleibt der Kader zusammen. Mit Denis Zenko, Francesco Di Sazio, Yasin Aktas, Benjamin Eisenhardt, Zoltan Szalto, Marc Eber (alle SV Kickers Pforzheim) und Kevin Rizza (kommt vom TSV Maulbronn) gibt es bereits Neuzugänge.

Andrè Pohl: Der Übungsleiter des 1. FC Pforzheim 2018 träumt vom Aufstieg in die Kreisklasse B – und hofft auf die nächste Saison.

Personalplanungen statt Duelle auf dem Rasen

Mit Herzblut dabei: Michael Reiling, Trainer der ersten Frauenmannschaft des FC Ersingen Foto: FC Ersingen

Drei Siege, drei Niederlagen – die ersten sechs Saisonspiele in der Fußball-Landesliga waren für die Fußballerinnen des FC Ersingen durchwachsen verlaufen. Vor der Saison hatte sich das Team von Coach Michael Reiling, der von Sven Sauter unterstützt wird, eigentlich vorgenommen, vorne mitzuspielen. „Aus der Kraichgauer Gegend kamen aber einige starke Teams in die Liga“, berichtet Reiling. Eine Ausrede soll das nicht sein. Und inzwischen, seit die Saison abgebrochen wurde, ist das auch Makulatur. „Wir haben ja nicht mal die Hinrunde zu Ende gespielt“, so der FCE-Trainer.

Das Aus der Spielzeit hat ihn nicht überrascht, „für mich ist die Entscheidung sinnvoll. Ohne vernünftig Sport betreiben zu können, macht das keinen Sinn“, so Reiling. Nun stehen Gespräche mit den Spielerinnen an. Eine Aufgabe, die Ersingens Frauentrainer jedes Jahr aufs Neue zu lösen hat. „Wir haben zwar genügend Mädels und gehen auch in der nächsten Saison wieder ins Rennen. Aber viele müssen aufgrund ihres Studiums oder ihrer Ausbildung kürzertreten.

Das macht die Planungen nicht immer ganz einfach“, sagt Reiling, der hofft, dass künftig die Staffelgröße ein wenig angepasst wird. In dieser Saison traten 14 Teams gegen den Ball, „besser wären meiner Meinung nach zehn oder elf Teams. Kleinere Staffeln würden für mich mehr Sinn machen“, sagt Reiling, der mit seiner Mannschaft, sobald es erlaubt ist, wieder trainieren will.

Michael Reiling: Der Trainer, der die erste Frauenmannschaft des FC Ersingen gemeinsam mit Sven Sauter betreut, hofft auf kleinere Staffeln.

Fokus liegt klar auf der Entwicklung

Weist die Richtung: Marius Diebold, Spielertrainer des TuS Ellmendingen Foto: Harry Rubner

Der TuS Ellmendingen hätte nicht besser in die Saison starten können: Acht Spiele, acht Siege und starke 31:9 Tore standen für den Tabellenführer der Kreisklasse A2 zu Buche, ehe die Saison abgebrochen wurde. Bitterkeit herrscht wegen des Abbruchs aber keineswegs. „Es ist natürlich schade – aber wenn man die Corona-Fallzahlen sieht, war es sicher richtig so“, sagt Spielertrainer Marius Diebold, der das Team gemeinsam mit Ken Hoffmann trainiert.

Mit 27 Jahren ist Diebold der Zweitälteste in der Mannschaft, der Altersdurchschnitt der Ellmendinger liegt gerade einmal bei 22 Jahren. Seitens des Vereins, sagt Diebold, habe man daher auch keinen Druck gehabt, aufsteigen zu müssen. „Für uns liegt der Fokus auch in der nächsten Saison klar auf der Entwicklung der einzelnen Spieler“, sagt der Spielertrainer, „wir wollen als Mannschaft weiter zusammenwachsen. Wenn es dann wieder so erfolgreich laufen würde, wäre das natürlich toll.“

Das Team bleibt jedenfalls zusammen, zwei A-Junioren werden zur neuen Saison hochgezogen, dazu könnte es eventuell ein bis zwei externe Verstärkungen geben, sagt Diebold. In erster Linie hofft der 27-Jährige jedoch, dass bald etwas mehr Gewissheit herrscht, wie es weitergeht. „Aktuell ist ja vieles in der Schwebe“, sagt er. „Das ist gerade auch für die vielen, vielen Ehrenamtlichen, von denen die Amateurvereine leben, bitter – deshalb gilt ihnen ein großer Dank.“

Marius Diebold: Mit dem TuS Ellmendingen war der Spielertrainer sensationell in die Saison gestartet. Der Aufstieg war aber ohnehin kein erklärtes Ziel.

„Abstieg wäre kein Beinbruch gewesen“

Voll engagiert: Joachim Hailer, Abteilungsleiter Fußball beim Pforzheimer Kreisligisten TSV Wurmberg-Neubärental Foto: Joachim Hailer

Zu glauben, die Verantwortlichen des TSV Wurmberg-Neubärental wären nur froh über den Saisonabbruch, weil die Mannschaft mit einem mageren Pünktchen aus neun Spielen den Schluss der Kreisliga-Tabelle zierte, ist ein Trugschluss. Tatsächlich empfinde man den Zeitpunkt des Abbruchs nun als richtig – jedoch waren alle im Verein bereit, für das große Ziel Klassenverbleib zu kämpfen, betont der Fußball-Abteilungsleiter Joachim Hailer. „In den beiden Wochen, in denen wir kürzlich trainieren durften, waren trotz des Mistwetters fast alle da. Die Stimmung war sehr gut, wir wollten unbedingt wieder kicken, weil wir einfach Spaß am Fußball haben“, sagt er.

So oder so gehe man das Thema Klassenverbleib beim TSV entspannt an: „Wir sind einer der wenigen Vereine, die kein Geld bezahlen, ein absoluter Amateurverein“, sagt Hailer, „wir würden mit dieser Truppe und den Trainern auch den Gang in die A-Klasse antreten, ein Abstieg wäre für uns kein Beinbruch gewesen.“ Vor allem, weil in den vergangenen drei Jahren ein großer Umbruch stattgefunden hatte. „Unserer jungen Truppe hat sicher ein wenig die Reife gefehlt“, so Hailer. Die werde aber mit der Erfahrung kommen.

Genau deshalb ist schon jetzt wieder Enthusiasmus spürbar. „Wir freuen uns auf den Tag, an dem wir wieder auf dem Platz stehen können“, sagt Hailer. Und dann verfolgt das Team das gleiche Ziel: den Verbleib in der Kreisliga.

Joachim Hailer: Der Fußball-Abteilungsleiter des Kreisligisten TSV Wurmberg-Neubärental setzt in seinem Verein ausschließlich auf eigene Spieler.

Abschied ohne den so nahen Aufstieg

Stiller Abschied: Sebastian Weber, Trainer des SV Spielberg, legt sein Amt nieder. Foto: Oliver Hurst GES/Oliver Hurst

Acht Spiele, acht Siege, 29:4 Tore. Besser starten als der Verbandsligist SV Spielberg geht nicht. Dann die Zwangspause, schließlich die Annullierung der Runde. „Dass die Saison abgebrochen wird, ist aus gesellschaftlicher Sicht nachvollziehbar, aber aus sportlicher Sicht brutal für uns. Wir hatten einen super Lauf, alles hat gestimmt“, sagt Sebastian Weber: „Wir Trainer hätten uns gern mit dem Aufstieg verabschiedet.“

Denn gestimmt hat alles nur innerhalb der Mannschaft und zwischen Spielern und Trainern. Wegen Differenzen mit der Sportlichen Leitung gaben Weber und Co-Trainer Sören Kaiser Anfang Februar ihren Rücktritt zum Saisonende bekannt. Nicht ohne der Mannschaft zu versprechen, dass sie mit ihr das große Ziel Rückkehr in die Oberliga noch erreichen wollten. Entsprechend motiviert hätten sich alle zusammen auf den erhofften Restart vorbereitet. „Wir wollten das alle gemeinsam durchziehen.“

Allein 41 Online-Trainingseinheiten leitete Weber daher seit Anfang November, am vergangenen Montag die letzte. Seither hätten sich etliche Spieler gemeldet und ihr Bedauern ausgesprochen, dass die so fruchtbare Zusammenarbeit so „blöd und krass“ ende. Webers Versprechen aber steht: „Falls es die Lockerungen irgendwann zulassen, werden wir unseren Ausstand geben. Es ist uns ein großes Anliegen, uns bei der Mannschaft persönlich zu bedanken.“

Sebastian Weber: 2019 wurde Sebastian Weber Cheftrainer beim damaligen Oberligisten SV Spielberg. Wegen Differenzen mit der Sportlichen Leitung hört er beim Verbandsligisten auf.

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