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Intime Studio-Atmosphäre im Kurhaus

Vor 60 Jahren machten die „Sportler des Jahres“ erstmals Station in Baden-Baden

Die Gala Sportler des Jahres ist ein fester Bestandteil des Baden-Badener Veranstaltungsprogramms. Coronabedingt ist diesmal alles anders. Die Organisatoren haben zwar das Kurhaus als Ehrungskulisse zur Verfügung, müssen sich zwangsläufig aber gewaltig einschränken.

Das Lächeln des Siegers: Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel wurde 2010 in Baden-Baden als damals 23-Jähriger zum Sportler des Jahres gekürt und stand danach den Journalisten gut gelaunt Rede und Antwort. Foto: Daniel Merkel

Die traditionsreiche Proklamation Sportler des Jahres, die am Sonntag in Baden-Baden ihre 74. Auflage erlebt, wird von der veranstaltenden Presseagentur Internationale Sport-Korrespondenz (ISK) gerne als das „Familienfest des deutschen Sports“ bezeichnet. Von einem glanzvollen Aufmarsch der Prominenz kann diesmal allerdings keine Rede sein.

Die coronabedingten Einschränkungen lassen keine prächtige Gala im Kurhaus zu, sondern lediglich eine nüchterne Ehrungsrunde in einem übersichtlichen Studiorahmen.

Bescheidene Anfänge

Vor diesem Hintergrund kommen Erinnerungen auf an die Anfangszeiten der Ehrung. Als ISK-Gründer Kurt Dobbratz, der Initiator der Sportler-des-Jahres-Wahl, 1947 erstmals die Sieger auszeichnete, ging es recht gediegen zu. Tennis-Legende Gottfried von Cramm bekam in seinem Domizil eine Blumenvase überreicht – das war’s.

Danach wurden die Preise am Arbeitsplatz der Gewinner ausgehändigt. Die erste Ehrung in einem gehobenen Ambiente fand 1953 statt: Im Stuttgarter Schlossgarten-Restaurant stand Motorrad-Rennfahrer Werner Haas im Mittelpunkt. Er gewann die Wahl vor Fußballer Jupp Posipal und dem Illinger Sprinter-Ass Heinz Fütterer.

In Baden-Baden neue Maßstäbe gesetzt

Erst nach und nach wurde die Proklamation zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Die 14. Auflage der Sportlerwahl im Jahr 1960 war gleichzeitig die erste in Baden-Baden. Vor 60 Jahren wurden dabei im Kurhaus neue Maßstäbe gesetzt.

So war in den Badischen Neuesten Nachrichten zu lesen: „Vielleicht trafen die intimen Feste früherer Sportpressewahlen eher den Geschmack der Sportler und Journalisten. Aber auch das Publikum will teilhaben und so sind aus den Familienfesten Großveranstaltungen geworden mit Filmkameras und einem Heer von Fotografen, ständig ausgeleuchtet von Batterien von Scheinwerfern.

Es herrschte die hektisch-nervöse Atmosphäre eines Fernsehstudios vor, worüber auch die festlichen Weisen des Kurorchesters nicht hinwegtäuschen konnten.“

Georg Thoma und Ingrid Krämer im Rampenlicht

Der Nordische Kombinierer Georg Thoma und Turmspringerin Ingrid Krämer, beide von Natur aus eher zurückhaltend, standen vor sechs Jahrzehnten als Sieger im Rampenlicht und ließen den ungewohnten Presserummel über sich ergehen.

Zehn Jahre später, am 18. Dezember 1970, war Baden-Baden bei der 24. Wahl zum Sportler des Jahres im Fußball-Fieber. Die Nationalelf, die in Mexiko eine denkwürdige WM gespielt hatte, war nahezu vollständig erschienen. Uwe Seeler nahm den Mannschafts-Siegerpokal in Empfang, Weitspringerin Heide Rosendahl setzte sich bei den Frauen durch, Schwimmer Hans Fassnacht bei den Männern.

Vor 50 Jahren setzte sich der Mannheimer Weltrekord-Schwimmer Hans Fassnacht, der im kalifornischen Huntington Beach sesshaft geworden ist, bei der Sportler-des-Jahres-Wahl durch. Foto: Daniel Merkel

Wobei Letzterer bei der Ehrung von seinem Freund Folkert Meeuw, ebenfalls ein deutscher Top-Schwimmer, vertreten wurde. Fassnacht, der die Wahl bereits 1969 gewonnen hatte, studierte in den USA und musste in seiner Wahlheimat Wettkampfverpflichtungen nachkommen. Die Schale, die es als Ehrenpreis gab, erhielt er später beim Heimaturlaub. Im kalifornischen Huntington Beach, Fassnachts Wohnort, hat sie ihren festen Platz im Trophäenschrank.

Olympiasieger Schumann mit Helikopter eingeflogen

Nach Stationen in Sindelfingen (1978 bis 1980), Berlin (1981 bis 1983), München (1984) und Ludwigsburg (1996 und 1997) hat die Sportler-Gala seit 1998 ein dauerhaftes Zuhause in Baden-Baden gefunden, wo die Begleiterscheinungen mitunter den Blutdruck von Klaus Dobbratz in die Höhe treiben. Dem Nachfolger seines Vaters als ISK-Chef kommt da etwa die Veranstaltung im Jahr 2000 in den Sinn.

Damals schwebte der 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann samt Freundin Amewuh Mensah per Helikopter auf der Kurhauswiese ein. „Er kam direkt vom Fernsehauftritt bei Günther Jauchs Menschen - gerade noch rechtzeitig zur Ehrung“, erinnert sich Dobbratz an die spektakuläre Aktion, von der im Saal niemand etwas mitbekommen hat.

Einem Außenstehenden kann man den Aufwand, den wir betrieben haben, gar nicht vermitteln.
Klaus Dobbratz, Chef der Internationalen Sport-Korrespondenz

Weitere zehn Jahre später hatte Sebastian Vettel seinen großen Auftritt. Der Formel-1-Weltmeister, 23 Jahre jung, gab sich im Dezember 2010 völlig locker und avancierte mit seiner frischen Art zum Publikumsliebling. Gestresst war derweil Klaus Dobbratz, dessen Organisationsteam bei der An- und Abreise der Sportlerinnen und Sportler eine logistische Meisterleistung abverlangt worden war.

Maria Riesch, die Sportlerin des Jahres, musste mit Hubschrauber und Privatjet von Courchevel ausgeflogen und über Lyon wieder zurück zum Weltcup-Zirkus befördert werden. Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp kam direkt von einem Spiel aus Berlin, wobei sich der planmäßige Abflug wegen Verlängerung und Penaltyschießen verzögert hatte.

„Einem Außenstehenden kann man den Aufwand, den wir betrieben haben, gar nicht vermitteln“, so Dobbratz. „Als Vettel und Riesch den Bénazet-Saal betraten, musste ich vor lauter Erleichterung schon die ein oder andere Träne verdrücken“, verriet er nach dem Kraftakt.

Ehrung zum 52. Mal in der Kurstadt

Wenn nun am Sonntag erneut die Sportler des Jahres gekürt werden - zum 52. Mal in Baden-Baden - ist vieles ganz so wie am Anfang. Wie bei der Premiere vor 73 Jahren wird es auch diesmal kein großes Hallo geben. Die coronabedingten Einschränkungen lassen im Kurhaus nur eine übersichtliche Schar ausgewählter Personen bei der Ehrung zu.

Anders als vor gut sieben Jahrzehnten bekommt die breite Öffentlichkeit aber immerhin Bilder vom Geschehen in die heimischen Wohnzimmer geliefert. Das ZDF überträgt die Veranstaltung zeitversetzt von 22.15 Uhr bis 23.30 Uhr.

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