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Hoffnung auf Durchbruch bei PSG

Titelträume und Talk mit Tuchel: Torhüterin Charlotte Voll aus Karlsruhe erlebt bei PSG ihr zweites Paris-Abenteuer

„Wow, cool“ hört Charlotte Voll häufig, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Die Karlsruherin ist Torhüterin bei PSG. Mit Thomas Tuchel hätte sie dennoch nie geplaudert, wäre da nicht eine Hose aus Hoffenheim gewesen.

Alles im Griff: Torhüterin Charlotte Voll fühlt sich bei Paris St. Germain wohl, auch wenn die Karlsruherin noch auf ihren großen Durchbruch wartet. Foto: Federico Pestellini/imago images

Wenn Charlotte Voll mal wieder die Langeweile plagt und das kommt in diesen Tagen häufiger vor als sonst, dann trifft sie sich mit ihren früheren Kolleginnen zum Kartenspielen. Virtuell versteht sich, denn Ihre Wohnung in Paris darf Voll momentan nur verlassen, wenn sie zum Training, zum Spiel oder zum Einkaufen muss. In der Hosentasche trägt die 21-Jährige dann stets vorschriftsmäßig ein Formular, auf dem der Grund ihres Ausflugs vermerkt ist.

Und überhaupt liegen ja gut 500 Kilometer zwischen ihr und ihren ehemaligen Mitspielerinnen des SC Sand aus dem Ortenaukreis. Voll lebt und arbeitet seit diesem Sommer wieder auf der anderen Seite des Rheins. Ihr Beruf: Fußball-Torhüterin. Ihr Arbeitgeber: Paris Saint-Germain, bei dem sie bereits zwischen 2017 und 2019 unter Vertrag stand.

Fußpflegerin, Osteopath und drei Physios stehen bereit

„Hier in Paris kann ich mich besser entwickeln“, sagt Voll und denkt dabei auch an das gemeinsame Training mit Christiane Endler. Die Chilenin, für Voll schlichtweg „die beste Torhüterin der Welt“, ist der Grund, warum die gebürtige Karlsruherin bei den Ligaspielen des Tabellenzweiten aktuell nur Zuschauerin ist. Wenn in ein paar Wochen die Champions League und der Pokalwettbewerb starten, soll Volls Stunde schlagen. Bis dahin heißt es abwarten und trainieren.

Und das lässt sich rund 15 Kilometer westlich von Paris in Bougival ausgezeichnet, dort haben die PSG-Frauen ihr Trainingszentrum. Die Infrastruktur und die Trainingsbedingungen seien schon andere als zuvor in Sand, erklärt Voll. Gleich drei Physiotherapeuten kümmern sich um die Spielerinnen. Zum Team gehört ein eigener Videoanalyst. Sogar eine Fußpflegerin und ein Osteopath schauen regelmäßig vorbei.

„Wow, cool“ anstatt „Und was machst du wirklich?“

Überhaupt werde der Frauenfußball in Frankreich anders wahrgenommen als in Deutschland. Zu den Spielen kommen mitunter mehrere Tausend PSG-Ultras. „Und wenn ich hier erzähle, was ich beruflich mache, sagen die Leute: Wow, cool“, berichtet Voll, „zu Hause wurde ich dann immer gefragt: Und was machst du wirklich?“

In Paris kann sie von ihrer Passion leben. Nebenher büffelt sie genau wie ihre deutsche Teamkollegin Sara Däbritz für ein Fernstudium. Volls Studienfach: Mediendesign. „In Sand“, erzählt sie, „habe ich als Nebenjob das Stadionheft gemacht.“

Anfänge bei der FSSV Karlsruhe, Stationen in Hoffenheim und Sand

Auf dem Platz hatte sie sich beim SC allerdings nur selten austoben dürfen. Nach nur einem Jahr mit neun Einsätzen in Bundesliga und DFB-Pokal zog es sie wieder zurück nach Paris. Vor ihrer ersten Episode an der Seine hatte Voll für 1899 Hoffenheim in der U17 und der zweiten Mannschaft gespielt. Angefangen hat aber alles in Karlsruhe. Durch ihren Vater, einem der Miterfinder des Kicker-Managerspiels, vorgeprägt, mischt „Charly“ gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester bei der FSSV bis zur B-Jugend in den Jungs-Mannschaften mit. Parallel spielt sie in Mädchenteams, zunächst beim ASV Hagsfeld, später beim Karlsruher SC.

Schließlich wird man in Hoffenheim auf das Torwarttalent aufmerksam – und beim DFB. Von der U15 bis zur U20 durchläuft Voll alle Auswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes, auf ihren ersten Länderspieleinsatz wartet sie allerdings noch. Bei einem großen Turnier, am liebsten bei Olympia, würde die Keeperin gerne einmal im Tor stehen. Vor zwei Jahren war sie bei der U20-WM in Frankreich nur abseits des Platzes gefordert: Mit ihren Sprachkenntnissen half sie bei der Pressearbeit.

Hoffenheim-Hose bringt Kontakt mit Tuchel

Die hatte sie sich schon als junges Mädchen angeeignet. Am Karlsruher Fichte-Gymnasium, wo sie kurz vor ihrem Umzug nach Paris ihr Abitur ablegte, hatte Voll bis zur 10. Klasse den deutsch-französischen Zug gewählt, wovon sie heute profitiert. „Ich bin die einzige Ausländerin bei PSG, die keinen Sprachunterricht nehmen muss“, berichtet sie stolz. Überhaupt habe sie sich das viel schwieriger vorgestellt, zum ersten Mal länger von zu Hause weg zu sein, sagt Voll, die in ihrer Freizeit gerne am Computer zockt oder Musik macht.

Manchmal kann sie sich aber auch in Paris auf Deutsch unterhalten. Mit Däbritz zum Beispiel – oder mit Thomas Tuchel. Mit dem deutschen PSG-Trainer durfte Voll schon mehrmals fachsimpeln – und das, obwohl es zwischen dem Frauen- und dem Männerteam um Neymar, Draxler und Mbappé keine Berührungspunkte gibt. Der Kontakt kam über Tuchels Videoanalyst zustande, der in Volls Nachbarschaft wohnt und die junge Frau eines Tages beim Joggen auf deren Hoffenheim-Trainingshose ansprach. Und wie ist Monsieur Tuchel so? „Sehr entspannt, total offen und sehr informiert in Sachen Frauenfußball“, erzählt Voll.

Wenn ich es hier schaffe, dann kann ich es in jedem Verein schaffen.
Charlotte Voll, Torhüterin von Paris Saint-Germain

Deren Ziele hören sich indes ganz ähnlich an wie die von Tuchel: „Ich möchte mit Paris Titel gewinnen, so wie vor drei Jahren den Pokal.“ Und vor allem möchte sie sich irgendwann als Nummer eins durchsetzen. „Wenn ich es hier schaffe, dann kann ich es in jedem Verein schaffen“, meint Voll. Sie sagt das so, wie sie fast alles sagt: als ob es gar nicht so schwer wäre.

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