Eine Wanderratte im Käfig eines deutschen Tierversuchslabors.
Mäuse sind für die medizinische Forschung sehr wichtig, weil an den Tieren zum Beispiel viele neue Medikamente getestet werden. | Foto: Imago Images/blickwinkel

Ein Experte erklärt

Fünf Gründe, warum wir Tierversuche brauchen

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Tierversuche sind kontrovers und führen immer wieder zu leidenschaftlichen Diskussionen – selbst unter Forschern, für die der Erkenntnisgewinn auf ihrem jeweiligen Gebiet meist die höchste Priorität hat und die Mittel dazu eher zweitrangig sind.

Es gibt jedoch zum Beispiel Mediziner, die Tierversuche grundsätzlich ablehnen, weil sie es für ethisch verwerflich halten, Lebewesen zu Forschungszwecken leiden und sterben zu lassen. Es gebe immer Alternativen, argumentieren diese Experten.

Thomas Korff forscht in Heidelberg auch an Mäusen.
Thomas Korff forscht in Heidelberg auch an Mäusen. | Foto: pr

Stimmt das denn? Ja und nein. So einfach sei es eben nicht, erklärt der Physiologe Thomas Korff, der an der Universität Heidelberg unter anderem die Gefäßerkrankungen im Alter erforscht. Korff lässt dazu an Mäusen experimentieren, aber er richtet sich nach eigenen Worten nach dem „3R-Prinzip“: replace, reuse and refine.

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Das bedeutet: wenn möglich, einen Tierversuch ersetzen, die Menge an Tieren in einem Versuch zu verringern oder die Belastung auf die Tiere durch die Verwendung von nichtinvasiven Methoden zu senken. Aber warum sind Tierversuche nun unentbehrlich?

1. Weil wir die Sicherheit brauchen, dass medizinische Wirkstoffe und Konservierungsstoffe keine Gifte enthalten

Das betrifft auch mögliche Nebenwirkungen von Wirkstoffen. „Man kann die Giftigkeit von Farbstoffen an Kulturen mit humanen Zellen testen“, erklärt Thomas Korff. „Die Tests auf tödliche Dosen werden aber immer mit Tieren durchgeführt. Bei der Entwicklung von Wirkstoffen gibt es keine Zellkulturmodelle, die ganze Organsysteme darstellen können. Wenn die Verbraucher Sicherheit haben sollen, muss das also zunächst an Tieren getestet werden.“

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2. Weil wir Impfstoffe entwickeln und herstellen wollen

Wissenschaftler sind dafür zum Beispiel auf die Forschung an Affen angewiesen, um Krankheiten besser zu verstehen und Therapien entwickeln zu können. An den Tieren können sie die Reaktionen des aktiven Immunsystems oder potenzielle Impfstoffe genauer untersuchen. Wie wichtig die Forschung an Affen für die Infektionsforschung ist, zeigen zahlreiche medizinische Erfolge. Zu den prominentesten Beispielen zählt die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Polio-Virus. Dank der seit Jahren konsequent durchgeführten Impfungen kommt es heute weltweit nur noch zu vereinzelten Ausbrüchen der Krankheit. Auch bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffes spielen Tierversuche eine Rolle.

3. Weil neue Medikamente wegen noch unbekannter Nebenwirkungen nicht an Menschen getestet werden sollen

Das Team des Physiologen Thomas Korff experimentiert an der Uni Heidelberg auch mit Mäusen. Nach seiner Darstellung haben Versuche mit Mäusen wichtige Forschungserkenntnisse gebracht, die später zu neuen Mitteln gegen Herzerkrankungen, Diabetes, Arthritis und Parkinson geführt hätten. Diese Medikamente hätte es sonst in dieser Form nicht gegeben, ist der Forscher überzeugt. „Die Versuche sind wichtig für die Entwicklung von Therapien“, sagt Korff. „So wurden etwa die Behandlungsmethoden von Krebs auch an Mäusen untersucht.“

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4. Weil die Organtransplantationen aus der modernen Medizin nicht wegzudenken sind

Die Operationstechniken würden oft an Tieren getestet, so Thomas Korff. So gelten zum Beispiel Schweine als sehr geeignet dafür, weil Organe von Schweinen und Menschen vergleichbare Größen haben.

5. Weil medizinische Forschung an Tieren noch lange nicht durch „intelligente“ Computersimulationen ersetzt werden kann

Die Künstliche Intelligenz (KI) kann nur so intelligent sein, wie die Personen, die sie programmieren bzw. die Fakten, auf deren Grundlage sie arbeitet. Damit die KI forschen kann, muss man sie also mit Daten und Fakten füttern, unter anderem aus Tierversuchen. „Bis die Fakten in den Lebenswissenschaften als gesichert gelten, dauert es teils Jahrzehnte“, sagt Korff. „Mit der KI kann man gute Vorhersagen treffen, aber ich würde mich auch in 50 Jahren nicht mit einem Medikament behandeln lassen wollen, nur weil eine Maschine es für ungefährlich hält.“

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