NOCH STEHT SIE IN ARBEITERKLUFT DA: Anja (Judith Caspari) wird im Stuttgarter Musical später als Zarentochter Anastasia anerkannt. | Foto: Johan Persson

Musical-Deutschlandpremiere

Anastasia: Eine Revolution mit reichlich Romantik

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Für Historiker war es blanker Horror, in jener Nacht am 17. Juli 1918 in Jekaterinburg: In barbarischer Grausamkeit metzeln Bolschewiki die siebenköpfige Zarenfamilie nieder. Von den Frauen prallen zunächst etliche Kugeln ab – in ihren Korsagen sind Edelsteine eingenäht. Deshalb stechen die Mörder um Offizier Jakow Jurowski im Auftrag Lenins mit dem Bajonett zu. So etwas Grausames will man natürlich nicht an einem netten Abend, wenn man in Sektlaune ist, in einem Musical sehen. Das „Broadhurst Theatre“ am Broadway empfiehlt sein Erfolgsstück Anastasia schließlich bereits ab sieben Jahren. Vor einem Monat ist das Musical nach Madrid hinüber geschwappt und feierte nun im Stuttgarter „Stage Palladium Theater“ seine Medienpremiere in Deutschland.

DA BESTAND NOCH DIE MONARCHIE: Die Zarenmutter (Daniela Ziegler) mit der kleinen Anastasia (Lotta Anna Rubin). | Foto: Johan Persson

Anastasia in Stuttgart beginnt mit einer berührenden Szene im Jahr 1906. Die Zarenmutter schenkt, vor ihrer Abreise nach Paris, Anastasia eine Spieluhr. Man werde sich eines Tages dort auf der Brücke Pont Alexandre III – benannt nach Anastasias Großvater – wiedersehen. Doch dann kommt die Revolution. Das Musical spielt mit dem Mythos, Anastasia habe das Gemetzel überlebt. Als Straßenfegerin Anja, die unter Amnesie leidet, wird sie von den Ganoven Dimitri und Wlad gefunden, die die Belohnung der Zarenmutter einheimsen wollen. Anja erinnert sich immer mehr auf der turbulenten Reise nach Paris, entgeht erneut einem Mordanschlag, verliebt sich in Dimitri – und trifft ihre Nana, die Zarenmutter, wieder.

Das hört sich nach Herz, Schmerz und dies und das an. Doch Hauptdarstellerin Judith Caspari merkt man an, dass sie zu Hause in Kassel massenweise Bücher über die Romanows gelesen hat. Die 24-jährige Sopranistin überzeugt mit Schauspiel und Gesang, wie vor allem auch Dimitri (Milan van Waardenburg) und die Hofdame Lily (Jacqueline Braun). Für Besucher aus der Fächerstadt gibt es ein Wiedersehen mit Daniela Ziegler, die eine verhärmte Zarenmutter verkörpert – zu Karlsruher Musicalzeiten spielte sie in „Victor-Victoria“.

 

Anastasia trägt ein rund 16 000 Euro teures Kleid

Die Geschichte des Musicals Anastasia, abgeleitet auch vom Zeichentrickfilm, funktioniert sehr gut. Grandios ist aber, was die Bühnenbildner leisten. Anastasia, das ist wie 3D-Kino, nur ohne störende Brille. Eine 18 mal zwölf Meter große Wand mit mehr als 430 LED-Kacheln zeigt die verschneite Stadtsilhouette von St. Petersburg oder einen nächtlich illuminierten Eiffelturm gestochen scharf und realistisch. Die Technik macht es möglich, dass beispielsweise die Abendsonne in der Newa reflektiert. Kombiniert mit drei Drehtellern und klassischen Kulissen sind rasante Szenenwechsel möglich. Turbulent ist vor allem die Szene mit der Zugfahrt von Russland gen Frankreich.

KOMMEN SICH NÄHER: Anja/Anastasia (Judith Caspari) und Dimitri (Milan van Waardenburg) | Foto: Johan Persson

Kontrastreich auch die Kostüme: Mehr in Lumpen als in Kleider angezogen sind die Proletarier Leningrads. Opulent hingegen die Roben der Zarenfamilie und Exilrussen. Die Stoffe für das Musical kommen aus den USA. Schneider aus Spanien, Holland, Deutschland und Großbritannien fertigten die Kostüme an. Auf einen Wert von 16 000 Euro geschätzt wird die rote Traumrobe der Protagonistin, 15 Kilogramm schwer, die Judith Caspari in gerade einmal 45 Sekunden anziehen muss. Und überall funkeln in den Kleidern Swaroski-Steinchen. Apropos: Victoria Swarovski, Spross der Schmuck-Dynastie, hatte sich auch für die Premiere am Donnerstagabend angemeldet, wie Richy Müller und Boris Becker. Das Honorar von Letzterem taugt laut den Verantwortlichen der Musicalfirma Stage Entertainment aber nicht zum Schuldenabbau.

 

Anastasia spielt mit Gegensätzen: arm und reich, grau und bunt, laut und leise. Die Musik von Stephen Flaherty kommt teils rotzig-frech wie einst in den Straßenszenen von Bernsteins West Side Story daher. Dazu kontroverse Duette und, selbstverständlich, immer wieder Balladen. Besonders berührt das Publikum das Lied „Im Dezember vor Jahren“, das sich durch das Musical zieht, und das oscarnominierte „Reise durch die Zeit“. Übrigens: Noch nie kauften bei einem Stuttgarter Musical so viele junge Frauen Tickets wie bei der Romanow-Romanze.

NEUES TALENT AM DEUTSCHEN MUSICAL-HIMMEL: Die 24-jährige Sopranistin Judith Caspari. | Foto: dpa

Vielfältig auch die Tänze: von Tango, Walzer über Charleston bis hin zum Ballett. Die in die Jahre gekommene, korpulente Lily, Hofdame der Zarenmutter, gibt dem Publikum sogar den temperamentvollen Kasatschok – samt Spagat. Eine Prachwumme im goldenen Kleid.

Die kurzweilige Reise in die Vergangenheit endet nach knapp drei Stunden. Anastasia entscheidet sich für ihre Liebe zu Dimitri. Verzicht also auf den Adel, stattdessen eine Kussszene zur blauen Stunde auf der Brücke Pont Alexandre III. Das Publikum feiert ihre Entscheidung mit Standing Ovations. So herzergreifend schön kann an sich wüste Historie im Musical sein.