Die Ukrainer gedenken am Mittwoch der Toten bei den Massenprotesten auf dem Maidan-Platz in Kiew vor fünf Jahren.

Kommentar

Verblasste Träume

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Es ist verständlich, dass viele Ukrainer heute mit einer Mischung aus Trauer und Wut an die dramatischen Ereignisse vor fünf Jahren in Kiew zurückdenken. Der Traum, in einem freien, unabhängigen und demokratischen Land zu leben, trieb damals Tausende Menschen auf die Straße. Auf dem Maidan-Platz in Kiew schrien sie sich die Seele aus dem Leib bei den Protesten gegen den Machtmissbrauch der russland-hörigen Staatsführung. Dutzende ließen auf den Barrikaden ihr Leben.

Der ukrainische Traum von einer besseren Zukunft ist seitdem verblasst. Die Vision einer engen und prosperierenden Partnerschaft mit der westlichen Staatengemeinschaft ging bald in den Wirren der schweren Wirtschaftskrise und des blutigen Bürgerkrieges im Osten des Landes unter. Der schwierige Alltag in einem durch und durch von Korruption durchsetzten Staat ließ die Menschen an den unfähigen Hoffnungsträgern in der Regierung verzweifeln.

Genauso wie die weitgehend verpuffte „orangene Revolution“ neun Jahre zuvor scheint der Maidan-Aufstand ihnen nun ein fataler Irrweg gewesen zu sein. War er das wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass das zwischen Osten und Westen hin- und hergerissene Land zum Spielball geopolitischer Interessen geworden war und bei seinem Aufbruch in die demokratische Moderne zu wenig Hilfe vom Ausland erhalten hatte?

Für die Ukraine gibt es nur einen Weg zu Frieden und Stabilität. Er führt entlang der Weichen der Minsker Abkommen und beinhaltet eine schwer vorstellbare, aber notwendige Normalisierung der Beziehungen zu Russland. Ohne einen realen Waffenstillstand und eine politische Dauerlösung für die Separatistengebiete Donezk und Luhansk wird das Land nicht zur Ruhe kommen und die überfälligen Reformen starten können.

Es liegt nicht alleine an den Machthabern in Moskau, dass die Ukraine in einer Dauerkrise steckt. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Führung in Kiew versagt und viele ihrer Versprechen nicht eingehalten hat. 2019 bekommt das Land bei der Präsidentschaftswahl eine neue Chance, die es nutzen muss.