USA will INF-Vertrag aufkündigen
Die ersten Pershing-II-Raketen werden gemäß dem INF-Abkommen zwischen den USA und der UdSSR vom Stationierungsort Waldheide bei Heilbronn abtransportiert. | Foto: Harry Melchert/Archiv

Kommentar

Vergessene Atomsorgen

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Wenn es um Atomwaffen geht, ist für Wladimir Putin die Lage klar: Im Fall eines Überraschungsangriffs gegen Russland würden alle sterben, garantiert auch der Angreifer nach einem russischen Gegenschlag. Der entscheidende Unterschied sei, so der Kremlchef vor wenigen Tagen in einer Diskussionsrunde, dass seine Landsleute als Opfer allesamt ins Paradies kämen, während für den Aggressor die Hölle reserviert sei. So einfach.

Flankiert durch die Drohungen, die tödlichsten und unschlagbarsten Waffen des Planeten zu entwickeln und einsatzbereit zu halten, soll Putins Atom-Logik den Russen das beruhigende Gefühl geben, Bürger einer wehrhaften Großmacht zu sein, die weltweit respektiert und gefürchtet werden muss. Auf der anderen Seite des Atlantiks will Donald Trump gerade seinen Landsleuten weismachen: Russland hintergehe Amerika und mache durch verbotene Hochrüstung das strategische nukleare Gleichgewicht zunichte. Er aber, so der US-Präsident, sei mutig und wachsam und durchkreuze nun Moskaus Strategie schlagartig mit dem Ausstieg aus dem INF-Vertrag.

Sie senden zurzeit vor allem innenpolitische Signale aus, Putin und Trump. Beide wollen sie im Atomstreit vor dem heimischen Publikum punkten. Beide rasseln ordentlich mit den Säbeln, ehe sie dann vielleicht einen Schritt zurück machen werden. Die negativen Konsequenzen vom möglichen Ende der INF-Vereinbarungen wären indes für Europa und Asien immens.

Russlands Führung würde sich womöglich versucht fühlen, durch die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Weißrussland oder Kaliningrad wie früher die Nato-Alliierten der USA ins Visier zu nehmen. Oder den Amerikanern asymmetrisch zu antworten, zum Beispiel durch die Weiterentwicklung von chemischen Kampfstoffen à la Nowitschok oder Cyberwaffen für Angriffe via Internet.

Fallen die INF-Begrenzungen weg, hätte Trump seinerseits die Möglichkeit, bei Bedarf aus dem Pazifikraum Nordkorea zu bedrohen oder China unter Druck zu setzen – was wohl die schlimmsten Befürchtungen Irans bestätigen würde. Führte dies dann zu einer neuen Rüstungsspirale, wäre die ganze Welt weniger sicher. Noch ist Zeit da, um zu deeskalieren.