Von wegen müde - Kettcar-Gitarrist Erik Langer spricht im BNN-Interview voller Freude über seine Erinnerungen an bisherige Auftritte in Karlsruhe.
Von wegen müde - Kettcar-Gitarrist Erik Langer spricht im BNN-Interview voller Freude über seine Erinnerungen an bisherige Auftritte in Karlsruhe. | Foto: Rake Hora

Erik Langer im Interview

Kettcar-Gitarrist: „Ich werde immer an das ,Wir‘ glauben“

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Die Anfahrt war mühsam. Kurz vor Kassel bleibt der Tour-Bus von Kettcar liegen – mitten in der Nacht. Erst vier Stunden später geht es weiter in Richtung „Das Fest“. Etwas übermüdet kommt Erik Langer zum Gespräch mit den BNN. Nach nur wenigen Sätzen ist von der Müdigkeit jedoch nichts mehr zu spüren. Der Gitarrist spricht über seine Erinnerungen an die bisherigen Auftritte in Karlsruhe, warum Musiker politisch klar Stellung beziehen sollen und die Scheinheiligkeit der oberen Zehntausend.

Ihr seid nicht zum ersten Mal in Karlsruhe. Was ist dir von den bisherigen Auftritten in Erinnerung geblieben?

Ich habe viele Erinnerungen an Karlsruhe. Hier haben wir schon zu unseren frühesten Zeiten Halt gemacht, damals noch im alten Substage. Das vergangene Mal waren wir im neuen Substage. Ein wunderbares Konzert für uns. Es war besonders wichtig und emotional, denn der Auftritt war unser erstes oder zweites Konzert nach der langen Pause. Es hat uns deutlich gezeigt: Da draußen sind noch ein paar Leute, zumindest in Karlsruhe, die uns nicht vergessen haben.

Bei „Das Fest“ spielt Ihr auch nicht zum ersten Mal…

Daran habe ich auch viele Erinnerungen. Tatsächlich nicht nur gute: Zuletzt waren wir hier 2013 kurz vor unserer Pause. Die war auch dringend nötig, denn wir waren total durch. Wir haben viel Zeit gemeinsam auf engem Raum verbracht und hatten das Gefühl, wir hätten alles gesagt, was wir zu sagen hatten. Das war tatsächlich ein schwieriges Konzert. Deswegen freue ich mich ganz besonders, dass wir zurück sind. Ich habe ein sehr gutes Gefühl für heute Abend.

Spielt bei Eurer Rückkehr auch der Charakter von „Das Fest“ eine Rolle?

Ich will jetzt nicht wieder, wie so viele, auf den Hügel zu sprechen kommen. Dabei macht er schon etwas her: Diese Menschenwand vor sich zu sehen, das hat man nur auf ganz wenigen Festivals. Es ist aber auch die ganze Atmosphäre hier. Egal, ob man sich durch das Publikum bewegt oder hinter der Bühne: Es ist immer entspannt. Man merkt, dass hier so eine gewisse positive und menschliche Philosophie über allem schwebt. Das genießen wir sehr.

Anatol Fischer und Eva-Christin Scheu im Gespräch mit Kettcar-Gitarrist Erik Langer.
Anatol Fischer und Eva-Christin Scheu im Gespräch mit Kettcar-Gitarrist Erik Langer. | Foto: Rake Hora

„Das Fest“ ist bekannt als ein Festival, das sich gesellschaftlich positioniert. Ihr macht das auch – besonders seit eurem Album „Ich vs. Wir“. War das eine bewusste Entscheidung, politisch Stellung zu beziehen?

Ja, das war relativ schnell klar. Wir haben 2015 angefangen, an der Platte zu arbeiten, in dem Jahr als Merkel ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ sagte und die Flüchtlingsdramatik hochgekocht ist. Uns war klar, dass wir das nicht unkommentiert lassen können. Wie soll man in solchen Zeiten unpolitisch bleiben?

Gab es ein konkretes Ereignis?

Nein. Wir wurden eher überschwemmt mit Nachrichten und unsäglichen Bildern. In diesem Kontext entstand die Platte. Es hat ja eine Politisierung der gesamten Gesellschaft stattgefunden. Niemand kann es sich heute leisten, unpolitisch zu sein. Damals Anfang der 90er gab es Rechte, Linke und Neutrale. Das geht heute nicht mehr. Quatsch! Vergesst es! Die Zeit ist vorbei.

Tatsächlich gibt es aber viele Künstler, die sich mit politischen Äußerungen zurückhalten. Es gibt genug, die eine große Reichweite haben, diese aber nicht nutzen.

Das stimmt. Aber viele Leute, die sich lange weigerten, politische Aussagen zu treffen, Helene Fischer zum Beispiel, sahen sich irgendwann dazu genötigt. Ich begrüße das. Ich finde, wenn man eine solche Aufmerksamkeit genießt, hat man eine Verantwortung und eine Pflicht. Ich brauche nicht von jedem ein politisches Statement, aber manchmal wünsche ich mir mehr.

Muss man es dann auch ertragen, wenn das politische Statement von einer Band aus einer Ecke kommt, die man nicht so bevorzugt? Stichwort Freiwild…

Nö. Das geht gar nicht. Gerade in diesen Zeiten solche nationalistischen Texte rauszuhauen, das geht gar nicht. Das ist unverantwortlich!

 

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Euer Album heißt „Ich vs. Wir“. Wird das „Wir“ gewinnen?

Ich sage einmal so: Ich werde immer Idealist bleiben, ich werde immer an das „Wir“ glauben. Doch es wird immer schwerer. Egal an welcher Thematik du dich abarbeitest – am Klimaschutz oder den Nazis im Bundestag.

Du sprichst von der AfD?

Das sind für mich eindeutig Nazis. Da muss man nicht von „Neurechten“ sprechen. Solche Wörter benutze ich nicht. Das sind Nazis. Wer etwas Anderes sagt, relativiert das.

Bei eurer neuen EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit“ hat sich der thematische Fokus geändert. War die politische Problematik nicht mehr so gravierend?

Nein. Wir haben Stellung bezogen zu diesen Themen. Dann hatten wir neue Ideen und wollten etwas nachlegen. Auf der EP geht es wieder um Gesellschaftspolitisches. Der Song „Palo Alto“ widmet sich Digitalisierungsverlierern – einem Thema, das unsere Lebensrealität in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Oder „Scheine in den Graben“: Diese Scheinheiligkeit von dem oberen einen Prozent in Deutschland. Die organisieren mal eine Spendengala und werfen mit etwas Geld um sich, aber keinem tut es wirklich weh, und es bringt auch keinem wirklich etwas. Man hat manchmal das Gefühl, dass sie es nur tun, um sich wohlzufühlen und um sich im Glanz der Wohltätigkeit zu sonnen. Darüber machen wir uns etwas lustig.

Gibt es falsches Engagement? Man könnte auch sagen: Immerhin…

Dieses Immerhin… Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Unser Lebensstil wird für die nachfolgenden Generationen katastrophale Auswirkungen haben. Und was machen wir? Ein bisschen was. Aber wir brauchen eine gesellschaftliche und globale Revolution. Die wird nicht kommen. Ein schlauer Mensch sagte mal: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dieser Satz begleitet mich – gerade, wenn es um solche Themen geht.

An wen genau geht die Kritik – an die oberen Zehntausend oder an die Politik, die die oberen Zehntausend nicht stark genug fordert?

Definitiv an die Politik. Letzten Endes sollte Politik dazu da sein, das Leben aller Menschen besser zu machen. Darum geht es in einer Gesellschaft, gerade in einer Demokratie, die auch noch einen sozialen Anspruch hat. Da hat man tatsächlich das Gefühl, dass in den letzten Jahrzehnten die oberen Zehntausend gepampert wurden. Es gab es immer Theorien über den Trickle-down-Effekt – wenn es denen gut geht, dann geht es den anderen auch gut. Das ist Quatsch, das hat sich als falsch herausgestellt. Es muss sich grundlegend etwas ändern.

In „Notiz an mich selbst“ singt Marcus Wiebusch „Und als Mozart in deinem Alter war, da war er schon 20 Jahre tot. Wann wurdest du nicht, was du hättest sein können“ – seid ihr damit zufrieden, wo ihr heute steht?

Ich beantworte das einmal etwas hippiesk: Ich bin sehr glücklich, mit dieser Band jetzt hier zu sein. Ich möchte gerade nirgends anders sein. Wir machen das seit 18 Jahren gemeinsam, und es fühlt ich so gut an. Wir haben einen Job, der uns viel Freude macht, der uns auf eine gute Art fordert und der im besten Fall andere Menschen zum Nachdenken anregt und vielleicht auch glücklich macht.

Zum Abschluss: Was erwartet die Zuschauer heute Abend vor dem Hügel?

Ein Potpourri aus 18 Jahren Bandgeschichte. Wir fahren heute groß auf, haben das große Besteck dabei. Wenn die Leute Glück haben, wird Reimer vielleicht das ein oder andere Anekdötchen erzählen.

Und was erwartet Eure Fans in den nächsten Jahren?

Man kann Kreativität nie zu 100 Prozent steuern. Wir werden erst eine Platte veröffentlichen, wenn wir das Gefühl haben, das ist veröffentlichungswürdig. Wir sind jetzt schon dran und haben uns fest vorgenommen, mit den nächsten Veröffentlichung nicht wieder so lange zu warten. Es gibt wieder viel zu sagen.

Kettcar sind zurück bei „Das Fest“ – und wie! Mit im Gepäck bei ihrem dritten Auftritt in der Günther-Klotz-Anlage: Titel aus 18 Jahren Bandgeschichte, eine außerordentliche Spielfreude und eine unmissverständliche politische Botschaft. Bei „Der Tag wird kommen“, einem Song aus dem Solo-Ausflug von Sänger Marcus Wiebusch, schnellen vor der Bühne zahlreiche Hände in die Höhe – gegen Homophobie und gegen Fremdenfeindlichkeit.