Woodstock
Legendär: Woodstock mit seiner halben Million Zuschauer ging als Mutter aller Festivals in die Geschichte ein. Die Künstler (hier Joe Cockers Band) spielten vor gewaltiger Kulisse. | Foto: © Elliott Landy

50 Jahre Woodstock

Chaos wird Legende wird Chaos

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50 Jahre Woodstock. Wenn das kein Grund zum Feiern ist? Eitel Sonnenschein sieht anders aus. Zumindest, was die Jubiläumsausgabe des Originals angeht, die bald über die Bühne gehen soll.

Am Anfang war Woodstock ’69

Woodstock war Kult, ist Kult und wird wohl auch Kult bleiben. Woodstock ist – trotz dem eigentlichen Urknall in Monterey 1967 – die Mutter aller Rockfestivals, das Jahrhundertereignis des Rock und Pop schlechthin. Oft kopiert, nie erreicht. Im Guten wie im Schlechten. Woodstock ist vor allem auch ein Paradebeispiel dafür, dass alles seine Zeit hat bzw. hatte und insbesondere Genreklassiker für Neuauflagen und Nostalgietrips wenig taugen. Immer wieder mal sollte der friedvolle Geist des Jahres 1969, der sich in gewaltfreiem Protest manifestierte und ein Gegenentwurf zum damaligen Amerika mit Vietnamkrieg und Rassendiskriminierung war, heraufbeschworen werden. Und was kam dabei heraus? Nichts annähernd Vergleichbares. Konnte Woodstock zum ersten echten Jubiläum 1994 noch als halbwegs schmackhafter Aufguss des Originals punkten, fiel die von Gewaltszenen überschattete Edition 1999 granatenmäßig aus der Rolle, schadete dem Renommee des großen Vorbilds sogar mächtig.

Woodstock
Einer der Großen von Woodstock ist auch heute noch gefragt: Carlos Santana.                                           Foto: Maryanne Bilham

Woodstock 50: Fragen über Fragen

Zum großen runden Jahrestag im August 2019 schlägt das vollmundig propagierte Jubelevent „Woodstock 50“ nun abermals hohe Wellen, keine positiven freilich. Seit Monaten jagt eine Frage die nächste: Findet das Festival überhaupt statt? Und wenn ja, wo? Oder ist es längst abgesagt, wie der Hauptsponsor verlauten ließ, der die Zusammenarbeit mit den Machern um Woodstock-„Urvater“ Michael Lang aufkündigte? Nichts Genaues weiß man derzeit.

Alles sehr nebulös

Fakt ist, dass Tickets für die im Wochentakt umfänglich nach unten korrigierte Rock- und Popsause mit Veteranen wie Santana und Grateful Dead sowie „Jungsfüchsen“ wie Superstar Jay-Z noch immer nicht zu haben, sondern nur vorzubestellen sind. Und das fünf Wochen vor dem angeblichen Festival-Startschuss am 16. August! Bis vor wenigen Tagen war offenbar noch keine geeignete Location gefunden, inzwischen soll es laut Woodstock-Webseite Watkins Glen (NY) sein. Dazu gibt es auf der Seite freundliche Statements von Woodstock-Fans, die freilich eher nach Durchhalteparolen klingen. Schwarze Wolken also über „Woodstock 50“. Wie einst über dem legendären Vorbild. Und das ist vorerst nicht meteorologisch gemeint.

Woodstock
Ein Highlight von Woodstock: Janis Joplins Auftritt.                                                                                                      Foto: © Elliott Landy

Woodstock 1969:
eine gigantische liebes- und friedenstrunkene Hippiewalze

Auch damals, 1969, herrscht offensichtliches Chaos: eine gigantische liebes- und friedenstrunkene Hippiewalze rollt auf das – nach Mordszoff mit dem Kaff Walkhill, wo das Festival ursprünglich geplant war – quasi in letzter Minute vom freundlichen Milchbauern Max Yasgur bereitgestellte Weideland in Bethel im US-Bundesstaat New York zu. Da ist wohl noch keinem der Freaks bewusst, bald zum Zeitzeugen eines historischen Mega-Events mit großen Namen der Rock-, Soul- und Folkszene, wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Creedence Clearwater Revival, Otis Redding, Simon & Garfunkel oder The Who zu werden und gleichzeitig die Taufe von neuen Stars wie etwa Joe Cocker („With A Little Help From My Friends“) mitzuerleben.
So die Festivalhungrigen denn ankommen. Denn bei weitem nicht alle der bald eine Million Anreisenden erreichen Bethel tatsächlich; sie bleiben stattdessen in einem gigantischen Verkehrsklumpen stecken und werden von den Cops wieder dahin zurück geschickt, wo sie hergekommen sind.

No Kassenhäuschen, no money

Eigentlich wollen Michael Lang (24), der in Florida einen Laden für Cannabis-Zubehör betreibt, und Artie Kornfeld (25), Vizepräsident von Capitol Records und bereits ein ausgebuffter Hitschreiber, mit den Einnahmen aus dem dreitägigen Musikmarathon ein Tonstudio in Woodstock finanzieren. Doch das Chaos durchkreuzt ihre Pläne.

Woodstock
Woodstock Festival Bethel, NY 1969. Photo By ©Elliott Landy, LandyVision Inc.

Man schraubt hektisch an der Bühne herum, vergisst darüber jedoch, eine stabile Umzäunung hochzuziehen und Ticketbuden aufzustellen. Ende vom Lied: Abertausende von musikgierigen Popjüngern machen die Spielzeugzäune kurzerhand platt. No Kassenhäuschen, no money. Sieben Dollar hätte das Tagesticket kosten sollen, 18 Dollar die Dreitageskarte. So aber wird Woodstock eher unfreiwillig zum wohl ersten „Umsonst-und-Draußen“-Festival der Rockhistorie.

Richie Havens spielt alle Stücke, die er kennt, manche auch ohne den Text zu kennen

Doch nicht nur die Fans stecken in Monsterstaus, auch viele Musiker sitzen fest. Die Band Sweetwater zum Beispiel. Sie schwitzt in der Hitze der Blechkarawane statt auf der Bühne. Und so springt kurzerhand Richie Havens für sie ein, dem die zweifelhafte Ehre zuteilwird, seinen auf vier Songs angesetzten Gig gehörig aufzublasen und die Grasraucher bei Laune zu halten, bis Ablösung naht. Havens nennt das augenzwinkernd „die Zeit totschlagen“. Was angesichts ungenügender Songreserven freilich zur echten Herausforderung gerät. „Havens spielt alle Stücke, die er kennt, und covert aus dem Stegreif heraus Beatles-Songs, von denen er weder den Text noch die Akkorde kennt“, berichtet Julien Bitoun in seinem zum 50. Jubiläum erschienenen „Woodstock“-Buch. Zum Schluss improvisiert Havens frei eine letzte Nummer; die zur Legende werden soll und ihn in eine tiefe Trance eintauchen lässt: das großartige „Freedom“, das auf dem Folk-Spiritual „Motherless Child“ basiert.

Der unsterbliche Auftritt von Country Joe McDonald

Alleingelassen wie mutterlose Kinder fühlen sich angesichts der schier unendlichen Menschenmassen auch etliche Bühnen-Protagonisten, die sich vor lauter Lampenfieber fast in die Hose machen oder sich gleich hilf- und gnadenlos zuballern. Mancher spielt auch nur mit angezogener Handbremse: Ravi Shankar zum Beispiel, der wegen des zwischenzeitlich einsetzenden sintflutartigen Regens um seine kostbare Sitar bangt. Oder Country Joe McDonald, der einem vollgerauchten, LSD-gedopten und bereits apathisch wirkenden Popauditorium gegenübersteht, das sich einen feuchten Shit darum schert, was der Barde da zum Besten gibt. Bis ihrer Countryschaft schließlich die Jahrhundertidee zufliegt, den ins Halbnirwana Abgedrifteten zuzurufen „Give me an F…“. Und die Woodstock-Community wie aus einem Hals das „F“ schmettert. Was die nachfolgenden Buchstaben „u“,“c“ und „k“ in Kombination damit ergeben, kann sich jeder halbwegs versaute Bildungsbürger selbst zurechtreimen. Country Joe hat jedenfalls seinen unsterblichen „Feel-Like-I‘m- Fixin‘-To-Die-Rag“ und die Vietnamkrieg-Protestler eine neue Hymne.

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Woodstock Festival Bethel, NY 1969. Photo By ©Elliott Landy, LandyVision Inc.

Im Schlam(m)assel: Hilfe aus der Matschepatsche

Zu finanziellen, vertraglichen und infrastrukturellen Problemen (The Who wollen Cash auf die Kralle, obwohl die Kasse vor Leere gähnt; eine beschissen mickrige Zahl von Klohäuschen für eine halbe Million „notdürftige“ Menschen!) gesellt sich dank Petrus, der wohl die Blumen der Popkinder nicht vertrocknen lassen will, buchstäblich ein Schlam(m)assel. Bald stehen die Jünger Woodstocks knietief im Morast. Wenn sie sich nicht schon im Drogenrausch suhlen. Was die Gemeinschaft allerdings umso fester zusammenschweißt. Wildfremde Menschen helfen einander mit diesem und jenem aus der Matschepatsche.

Woodstock
Woodstock Festival Bethel, NY 1969. Photo By �Elliott Landy, LandyVision Inc.

Der Geist von Woodstock

Genau das machte denn auch letztlich den Geist von Woodstock aus. Das Love&Peace-Festival gilt heute als Symbol für die Verwandlung einer Untergrundbewegung in ein Massenphänomen.

„Woodstock machte Amerikas Jugend auf einen Schlag volljährig.“

David Crosby

Dass es die amerikanische Kultur für immer verändert hat, davon ist auch Woodstock-Veteran David Crosby überzeugt: „Woodstock machte Amerikas Jugend auf einen Schlag volljährig. Die Kids wurden sich bewusst, wie verschieden sie von ihren Eltern waren. Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Festivals ist gewaltig.“

Woodstock
Elliott Landy, Woodstock, NY, 1970.                                                                                         Photo By ©Elliott Landy, LandyVision Inc.

Elliott Landy: der Fotograf

Einer der im Summer of ’69 in Bethel dabei war, ist der Fotograf Elliott Landy (76), ein Freund von Michael Lang. Eine neue  Multimediashow des Amerikaners ist anlässlich des Woodstock-Jubiläums auch in Deutschland zu sehen, in Karlsruhe sogar als Teil der beliebten Schlosslichtspiele im August. Ausgerechnet Karlsruhe, in dessen Günther-Klotz-Anlage seit 1985 das liebevoll „Woodstöckle“ genannte „Fest“ über gleich mehrere Bühnen geht (diesmal sogar mit einem Woodstock-Bühnennachbau en miniature). Mit weit über 100 000 Besuchern in jedem Jahr ist das Spektakel, im Gegensatz zum großen Woodstock, allerdings eine sichere Bank und vorbildlich organisiert. Und mit mehr als einem Hauch von Gemeinschaftsgefühl gekrönt: Tolle Bands, tolles Publikum, tolle Stimmung. Geht doch!

 

Elliott Landy, Fotograf von Woodstock

Der Chronist

Der Fotograf Elliott Landy ist einer der bedeutendsten Chronisten der amerikanischen Gegenkultur der 60er Jahre. Als offizieller Festivalfotograf schoss er Bilder vom dreitägigen Woodstock-Spektakel. Wie Landys Fotografien das Bild dieser Zeit prägten, zeigt der Band „Woodstock Vision: The Spirit of a Generation“ und die gleichnamige Ausstellung. Ein kurzes Gespräch von Olaf Neumann mit Landy.

Woodstock
50 years after: Elliott Landy heute.     Foto: Markus Steffen

Wie haben Sie sich auf Woodstock vorbereitet?

Landy: Jedenfalls nicht mit einem Joint! Wenn ich arbeite, rauche ich nichts. Auf dem Festival zu fotografieren, war in technischer Hinsicht eine Herausforderung. Man musste alles von Hand machen und pro Film konnte man nur 36 Aufnahmen machen. Ich musste mir also genau überlegen, wen oder was ich aufnehmen wollte. Am Ende hatte ich 76 Filmrollen in der Tasche.

Welches Woodstock-Foto würden Sie als Ihr bestes bezeichnen?

Landy: Wahrscheinlich eines der Panoramafotos, die in meinem Buch „Woodstock Vision“ zu sehen sind. Ich glaube, diese Bilder fangen ganz gut ein, worum es bei diesem Festival wirklich ging. Aber ich habe auch Backstage wunderschöne Bilder von zum Beispiel Ravi Shankar mit seiner Sitar gemacht.

www.dasfest.de

Schlosslichtspiele Karlsruhe 2019