Kunst im öffentlichen Raum hat es nicht immer leicht: Mit „Tonnegold“ versucht Reiner Xaver Sedelmeier eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff Goldstadt anzustoßen. Einstecken musste bisher vor allem die Tonne. | Foto: Weiss

Kunst hinterfragt „Goldstadt“

Der Pforzheimer Glanz darf seine Risse haben

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Der Lack blättert. Wo noch vor einigen Wochen ein makelloser goldener Überzug die Sonnenstrahlen reflektierte, kommt nun dunkles Metall zum Vorschein. Die Installation „Tonnengold“, die während des Goldstadtjubiläums am Marktplatz steht, hat einiges mitgemacht. Zuerst wurde sie aufgebrochen, ihrem vermeintlich ursprünglichen Zweck zugeführt – und als Mülleimer benutzt. Jüngst lag sie schließlich ganz am Boden: Jemand hatte die glänzende Tonne aus ihrer festen Verankerung gerissen und mitsamt Bildtafel umgeworfen. Reiner Xaver Sedelmeier hat die Tonne auf dem Pforzheimer Marktplatz aufgestellt. Doch er ärgert sich nicht im Geringsten über die Vandale. Denn genau damit hat die Kunst ihren Zweck schon fast erfüllt, sagt der Künstler aus Stuttgart im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier.

Die Tonne polarisiert

Dass Skulpturen im öffentlichem Raum bisweilen in Mitleidenschaft gezogen werden, damit müsse man rechnen. Auch dass die goldene Tonne polarisieren könnte und von manchem Passanten belächelt wird, hat Sedelmeier einkalkuliert. Ein Witz sei seine Installation aber nicht. Im Gegenteil: „Mir geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff Goldstadt.“

Als die Installation im April vor dem Neuen Rathaus aufgestellt wurde, glänzte sie noch makellos in der Sonne. | Foto: Sedlmeier

Sedelmeier lebte als Student vier Jahre lang in Pforzheim. Er erinnert sich gut an den Moment, in dem er zum ersten Mal Bilder der Stadt vor dem 23. Februar 1945 sah. In der Stadtbücherei fiel ihm ein Buch in die Hände. „Als ich die Bilder gesehen habe, kamen mir die Tränen. Ich habe da zum ersten Mal verstanden, wie tief diese Stadt getroffen wurde“, erzählt Sedelmeier. Dass die Stadt dennoch immer an ihrem Beinamen festhielt, findet Sedelmeier gleichermaßen nachvollziehbar und absurd. „Man redet von der Goldstadt, aber das ist sie natürlich nicht mehr. Die Stadt hat ihren Glanz nie zurückbekommen und das Trauma nie überwunden. Dass die Stadt ihre Industrie feiern will, ist natürlich legitim. Das soll sie ja auch.“

Zu jedem Jubiläum gehört auch eine kritische Stimme

Als die Kunsthistorikerin Regina M. Fischer über seine Galerie auf ihn zugekommen sei, habe er sich mit genau diesem Spannungsfeld auseinandersetzen wollen. „Zu jedem Jubiläum gehört auch eine kritische Stimme“, betont Sedelmeier. Die Tonne sei für ihn ein entspannendes Symbol zwischen Gold und Abfall. „Man versucht hier in Pforzheim noch immer, den Glanz hochzuhalten. Aber das ist in meinen Augen eine Maskerade. Wenn aber jemand die Tonne beschädigt, dann entwickelt er das Kunstwerk weiter. Gebrauchspuren und Dellen, die machen diese Art von Kunst erst interessant“, erklärt Sedelmeier. Ganz bewusst hat er sein Kunstwerk daher nicht auf einen Sockel gestellt oder etwa in einen Brunnen integriert. „Sie sollte erreichbar sein.“

Sedlmeier testete Wirkung von „Tonnengold“

Bevor er die Tonne auf dem Marktplatz verankerte, testete Sedelmeier ihre Wirkung übrigens an verschiedenen Orten, etwa am Bahnhof, und beobachtete aus der Distanz die Reaktionen. Dabei habe er immer wieder erlebt, dass die Tonne zwar Aufmerksamkeit erntete, aber allenfalls mit einem „Na wegen Goldstadt“ abgetan und nicht hinterfragt wurde. „Dabei birgt der Anblick ja direkt ein gewisse Ironie“, sagt Sedelmeier, der mit seiner goldenen Tonne lieber anecken möchte. Wenn Passanten die Tonne im Vorbeigehen als „Sinnbild für Pforzheim“ bezeichneten, sei ihm das lieber. „Denn die haben es kapiert.“ Was mit der Tonne passieren soll, wenn die Ausstellung „Metall – es ist nicht alles Gold, was glänzt“ am 31. Oktober zu Ende geht, weiß Sedelmeier indes noch nicht. „Aber es ist klar, diese Tonne hat in Pforzheim einiges erlebt.“

Auf der Webseite www.tonnegold.de können Passanten in einem Blog ihre Gedanken und Reaktionen festhalten.