Dramatische Szenen bei der Schlacht am Simmelturm. 400 Akteure stellen die Ereignisse des Peter-und-Pau-Tages 1504 dar. | Foto: Rebel

Peter-und-Paul-Fest

Bei 37 Grad: 400 Kämpfer schwitzen bei der Schlacht am Simmelturm

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Vor 515 Jahren wagten die belagerten Brettener einen Ausfall – und überrumpelten die württembergischen Truppen. Seit 20 Jahren wird die Schlacht am Simmelturm von den Brettener Landknechten und zahlreichen befreundeten Mittelaltergruppen aus ganz Europa dargestellt. Rund 400 Kämpfer und zahlreiche Kanonen waren denn auch an historischer Stätte im Einsatz. Ein Landsknechtdarsteller erklärt im Video, wie man die Schlacht unbeschadet übersteht.

Tauben sind gar nicht so doof, wie man meint: Im gleißenden Sonnenlicht eines 37 Grad Celsius heißen Sommertages nehmen sie noch genüsslich ein Bad im Brunnen am Simmelturm, dann trollen sie sich – als ob sie eine innere Uhr hätten – rechtzeitig in die Lüfte. Offenbar ahnend, dass ihre Mußestunde sowieso bald ein Ende genommen hätte. Ein heftiges, um es gleich zu sagen. Weniger Grips hat der Gartenrotschwanz, der sich über den Köpfen der sich drängenden Menge im Kirschenbaum niederlässt. Krawumm! Und noch mal: Krawumm! In einem aufstiebenden Wirbel aus Blättern sucht er das Weite im wolkenlosen Himmel. Der hat einfach noch nicht kapiert, dass es beim Peter-und-Paul-Fest um einiges geht. Um alles eigentlich. Und zwar jedes Jahr. Denn da wird nicht nur vier Tage lang gefeilscht, gebadet, sich in Trinkgelage in den verschiedenen Lagern gestürzt beim Peter-und-Paul-Fest. Da werden auch immer wieder aufs Neue die Württemberger in die Schranken gewiesen. Der Rotschopf von Ulrich von Württemberg mag dynamisch sein. Die Bewohner von Brettheim aber sind zäh. Tollkühn. Mutig. Zu allem bereit.

 

Rekordbeteiligung bei Schlacht am Simmelturm

Und bis an die Zähne bewaffnet. Auch am Samstag, zum 20. Mal übrigens, als die wochenlange Belagerung ab dem Mai des mittelalterlichen Jahres 1504 Mitte Juli – Oder Ende Juli? Vor lauter Aufregung hat Chronist Georg Schwartzerdt nicht auf aufgepasst – in eine blutige Abwehr der Württemberger durch die kurpfälzischen Brettheimer mündet. Alles nur wegen eines Erbfolgekrieges, von Landshut ausgehend. Was das Mittelalter alles an Mordinstrumenten barg, das wird den Gästen eine Stunde vor dem Schlachtgetümmel präsentiert. Was es nicht mehr gibt wurde originalgetreu nachgebaut. Zusammengefasst: Büchsen aller Art, groß, klein, zwölffach übereinander gestapelt auf einem Wagen, aber immer erst schussbereit nach einem komplizierten Einfüllvorgang des Schießpulvers. Von der Explosionskraft einer Nussschale erfährt man beim Simmelturm vom historisch mit allen Wassern gewaschenen Heiko Wacker: „Legt das mal bei der Oma in den Backofen und schaut, wie sich die Herdplatte hebt.“

Anspannung und Unruhe bei den Akteuren

Da ist die Hellebarde, das Schweizer Stangenbeil mit scharfem Ende und einem Haken zum Runterziehen der Reiter, schneller griffbereit, aber sie kommt erst zum Einsatz, als die Württemberger zum Anfassen nah sind. Aber erst scheuchen die trommelnden Herolde, von Fanfaren begleitet, die vielen Mücken im Gras auf. Schön, bunt, akrobatisch die Fahnen werfend (und fangend). Man spürt dann doch eine gewisse Anspannung und Unruhe nach einer halben Stunde.

Der fünfjährige Marius, „seit ich zwei Jahre alt bin bei den Schäfern“, sieht sie zuerst: die Fahnen in der Hand der Brettheimerin. Die rote ist wichtig. „Ach ne, ist die grüne.“ Vor lauter Einschulung „und was man da alles braucht“ hat der junge Zuschauer das Signal verwechselt. Aber das kriegt man so oder so mit nach dem ersten Zusammenzucken und Vibrieren des Bodens. Diejenigen, die bereits bei der Waffenschau unter dem Simmelturm saßen haben einen eindeutigen Vorteil: Sie wissen um die gewaltige Kraft des Schießpulvers. Die Ohrenstöpsel ragen bunt aus den Ohren heraus. Empfehlung: Wenn die rote (Stopp-)Fahne hochgehalten wird entfernt man besser das Oropax, sonst werden die Erläuterungen Wackers gedämpft.

Die Schlacht ist in vollem Gange | Foto: Rebel

Und die sind spannend. Zwölf Szenen? Irgendwie vermischt sich alles zu einer einzigen wilden Kaskade an Helmen, Messern, wilden Blicken und Hellebarden, die wie Mikado-Stäbe ineinander verkeilen. Am Rand des Getümmels werden Wunden von schreienden Kriegern ausgebrannt, der Feldpfarrer plündert, einen kurzen Segen murmelnd, die Toten. Wie die Krähen fallen die Marketenderinnen, kaum ist der letzte Pulverdampf nach oben gestiegen und lässt den Blick frei auf einen Berg Leichen, wühlen in den Taschen der Gefallenen.

Ein "Feldscher" verarztet einen Verwundeten.
Ein „Feldscher“ verarztet einen Verwundeten. | Foto: Rebel

 

Und es darf auch gelacht werden bei aller ernsthaften und äußerst realistischen Darstellung der Schlacht. Als die Württemberger sich nämlich das erste Mal an die bereits arg beschädigte Rundmauer Brettheims schleichen und dann vom Ruf des Baders erschreckt werden. Und wieso gehen die nach draußen stürmenden Brettheimer dann auf die Knie? Beten ist nicht angesagt, vielmehr machen sie Platz für die hinter ihrem Rücken abgeschossenen Pfeile. Die raffinierten Hunde.

Hut beziehungsweise Helm ab, dass bei 400 Mitwirkenden aus 13 Brettener Gruppen und zahlreichen internationalen Beteiligten nichts passiert, so echt, wie die Kämpfe wirken.

Eine Frage aber bleibt nach dem wilden und bunten Getümmel: Wieso haben die schlimmsten Waffen Frauennamen? Die schwarze Agnes und die Klara – vor denen muss man sich jedenfalls in Acht nehmen.

„Richtig dreckig aufs Maul“: Ein Landsknecht erklärt den Kampf und seine Ausrüstung