ZiSch | Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe | Klasse 1BK2T
Das Logo des Videoportals YouTube. | Foto: dpa

Heinrich-Hertz-Schule

„Mit der Reichweite lockt man viele Kritiker an“

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Katharina Rolli | Klasse 1BK2T
Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe

Ein Interview über Hass auf YouTube

Fast jeder, der im Internet unterwegs ist, kennt es: Ein falsches Bild gepostet, ein „unnormales“ Video hochgeladen, seine eigene Meinung in Form eines Kommentares preisgegeben und schon kommen die Hass-Kommentare. Man wird niedergemacht, beleidigt und manchmal vielleicht sogar auch bedroht. Viele Menschen, die in der Öffentlichkeit des Internets stehen, gehen daran zu Grunde. Sie schließen oft ihre YouTube-Kanäle, löschen ihre Fan-Seiten auf Facebook und hören auf zu twittern. Es gibt aber auch welche, die kämpfen und lassen sich nicht so leicht unterkriegen. Eine davon ist die YouTuberin „Kati Winter Creepypasta“. Sie liest, wie man schon aus dem Namen ihres Kanals herausfinden kann, Creepypastas.

Creepypastas sind Grusel- beziehungsweise Horrorgeschichten, die im Internet verbreitet werden. Im Normalfall geht es in einer Creepypasta um ein verfluchtes oder fehlerhaftes PC-Spiel beziehungsweise um eine Datei, ein Serienmörder, ein übernatürliches Wesen, Geisteskrankheiten, wissenschaftliche Experimente, mysteriöse Ereignisse, okkulte Rituale oder verlorene Folgen von bekannten Serien. Bekannte Figuren aus der Creepypasta-Szene sind beispielsweise „Jeff und Jane the killer“, „Slenderman“, „Eyeless Jack“, „Smile Dog“, „Sonic.exe“ und noch viele weitere.

Neben ihrem Creepypasta-Kanal hat Kati Winter noch einen zweiten Kanal auf YouTube. „Kati Winter Märchenwelt“ heißt dieser und wer mal eine Auszeit von den Creepypastas von ihr benötigt oder an sich gerne Märchen liest, kann dort abschalten und, wie der Name sagt, Märchen anhören.

Im Interview stellt sich Winter den Fragen von Katharina Rolli.

Kati, was hat dich dazu bewogen, mit dem Creepypasta vorlesen anzufangen?

Kati: Ursprünglich hatte ich gar kein Verhältnis zu Creepypastas. Ich hatte einen eigenen Roman geschrieben, der auch verlegt werden sollte. Nachdem der Verlag sich aber nach Wochen plötzlich nicht mehr gemeldet hatte, kam ich auf die Idee, ihn einfach selbst vorzulesen und auf YouTube hochzuladen. Überraschenderweise hatte ich ziemlich schnell einige Zuhörer, die dann den Vorschlag unterbreiteten, ich solle mich mal an Creepypastas versuchen. Im privaten Umfeld hatte ich einige Leute, die auch Creepypastas hörten und die bekräftigten diese Idee. Und so bin ich zu den Creepypastas gekommen.

Wie lange bist du schon auf YouTube aktiv?

Kati: Mein Kanal existiert seit zwei Jahren. So richtig aktiv bin ich jetzt knapp seit einem Jahr. Ich hatte vorher zwei bis drei „Pastas“ hochgeladen und wochenlang nicht reingeschaut. Irgendwann habe ich dann doch mal geschaut, wie die Kommentare so waren und ich war ganz überwältigt davon, wie viel Zuspruch ich erhalten habe. Daraufhin habe ich beschlossen, aktiver zu sein. Erst war es nur mittwochs und samstags, später dann vier Mal in der Woche und diese Routine besteht seit etwa zwölf Monaten.

Wie würdest du das Verhältnis der YouTuber untereinander, insbesondere in der Creepypasta-Szene beschreiben?

Kati: Ich glaube, man muss die Creepypasta-Szene ein wenig von der allgemeinen YouTube-Szene differenziert betrachten. Wir arbeiten alle sehr regelmäßig zusammen. Da gibt es Autoren, Vertoner, Korrekturleser und Übersetzer. Jedes Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt – anders als bei „LetsPlays“ oder „Prankvideos“. Und unser Hauptziel ist weder Geld noch Klicks, sondern der Spaß an der Sache. Daher sind wir alle sehr locker drauf. Es gibt viele feste Freundschaften in der Szene und auch privat unternehmen einige etwas miteinander, wobei YouTube nicht im Vordergrund steht. Von daher ist unser Verhältnis zwischen den Vertonern richtig.

Was hat sich, seitdem du dabei bist, in der Community auf YouTube und anderen Plattformen wie beispielsweise Facebook oder Twitter alles verändert?

Kati: Ich kann da nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen. Anfangs gab es, wie auch sonst überall, immer mal Kommentare, die aufeinander rumgehackt haben. Ich habe von Anfang an deutlich gemacht, dass ich sowas nicht gern sehe und die Leute haben aus Respekt vor mir darauf Rücksicht genommen. Das ist ein schönes Erlebnis. Ansonsten hat sich in den letzten zwölf Monaten nicht viel geändert.

Was hältst du von dem ganzen Hass auf YouTube? Und wie unterscheidest du konstruktive negative Kritik von Hass-Kommentaren?

Kati: Beleidigungen oder doofe Sprüche gibt es wohl überall – allerdings bei uns nicht so oft wie bei anderen Kanälen, da die Geschichte im Vordergrund steht. Daher beschränkt sich die Kritik entweder auf die Vertonung – dann sind es technische Aspekte und auf die sollte man eingehen – oder eben auf die Geschichte, aber die schreiben wir (meist) nicht selbst. Lese ich, dass meine Vertonung nicht so gut war, nehme ich das dankend an und frage nach, an welchen Punkten ich arbeiten kann. Hass würde sich vor allem auf mich als Person beziehen und das hat wiederum nichts mit meinen Videos zu tun.

Wie reagierst du auf Hass-Kommentare?

Kati: Es gab in der Vergangenheit einige Vorfälle, die für etwas Unruhe in der Szene gesorgt haben. Persönlich beleidigende Sprüche werden von mir ignoriert oder gelöscht. Ich repräsentiere nicht mich als Person, sondern Gruselgeschichten. „Hater“ erhalten keine Aufmerksamkeit, denn ich weiß, dass diese Leute nichts an meinen Videos auszusetzen haben, sondern unzufrieden mit meiner Reichweite sind – und auf sowas gehe ich im Allgemeinen generell nicht ein. Ich konzentriere mich auf die positiven Dinge und da bleibt keine Zeit für solchen Kinderkram.

Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt mit YouTube aufzuhören, aufgrund des ganzen Hasses und Negativen auf YouTube?

Nein. „Hater“ gibt es nicht so oft bei uns. Es gibt eine kleine unzufrieden Gruppe, die nicht mit dem Erfolg, den ich beispielsweise habe, umgehen kann. Aufzuhören würde diese Leute nur zufrieden machen. Ich schaue aber, was mich und die Community zufrieden macht. Und das ist nur eins: weitermachen!

Kennst du jemanden, der aufgrund von Hass-Kommentaren mit YouTube aufgehört hat?

Kati: Nicht bei den Creepypastas. Aber es gibt genug Leute, die nicht mit Kritik umgehen können und dann entweder den Nährboden für mehr Hass gelegt haben, indem sie darauf eingegangen sind, oder sich zurückgezogen haben. Aber da spielt Unsicherheit eine große Rolle und wir Vertoner versuchen weitestgehend uns gegenseitig ständig den Rücken zu stärken, damit sowas nicht vorkommt. Weiterhin sind wir alle sehr gut vernetzt. Wird jemand „gehatet“, ist es entweder ein unzufriedener Kollege – dann wird das ganz schnell persönlich geklärt – oder ein Zuhörer. Aber damit sollte man dann umgehen können, vor allem, wenn die Resonanz durchgehend positiv ist. Allgemein schauen wir, dass, wenn zwei Vertoner eine Differenz miteinander haben, das nicht nach außen getragen wird. Sowas wäre nur kontraproduktiv.

Was würdest du Leuten raten, wenn sie mit YouTube anfangen wollen? Und welche Tipps würdest du denen geben, die in die Creepypasta-Leser-Szene mit einsteigen möchten?

Kati: Man sollte sich bewusst machen, dass man, egal ob man vorliest oder andere Videos auf YouTube macht, immer eine Person des öffentlichen Lebens wird und auch Leute reagieren, die das eigene Werk nicht gut finden. Mit der Reichweite lockt man viele Kritiker an und die sollte man bis zu einem gewissen Grad ernst nehmen. Und vor allem sollte man auf seine eigene Community hören. Vorschläge annehmen und sich umhören, was empfohlen wird, ist ein guter Anfang. Und dann heißt es: durchhalten. Sehr viele hören nach spätestens sechs Monaten wieder auf, weil sich ein gewisser Erfolg nicht einstellt. Aber sowas braucht eben Zeit. Und man sollte sich bewusst machen, dass man viel Zeit investiert und nicht das Publikum anderer YouTuber hat – und damit auch nicht die Umsätze wie diese. Deswegen sollte der Spaß an erster Stelle stehen. Merkt man, dass es keinen Spaß mehr macht, sollte man sich eine Pause gönnen. Sowas merkt eine Community schnell.

Was für Unterschiede denkst du gibt es zwischen der Creepypasta-Community und anderen Communitys (beispielsweise Game oder Beauty)? Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Kati: Den gibt es definitiv. Wir haben vor allem die Literatur-Interessierten oder wenigstens die Leute, die gerne Geschichten oder Horror mögen. Da gibt es kein oberflächliches Verhältnis zum Video, wie es bei anderen Kanälen der Fall ist. Die Zuschauer binden sich gern die Zeit von einer halben oder einer ganzen Stunde ans Bein, um die Videos zu schauen, das ist bedeutend mehr als „nur“ Unterhaltung. Man hat ein tieferes Verhältnis zum entsprechenden Kanal, als bei einem Beautychannel. Ich habe auch festgestellt, dass meine Videos bei sehr vielen zum festen Teil des Alltages werden. Dass Menschen sich die Geschichten anhören, wenn sie ins Bett gehen oder im Zug sitzen, wenn sie krank oder einsam sind. Und dabei entsteht eine ganz andere Beziehung zu meinem Kanal. Auch sind die Diskussionen anders als unter anderen Videos. Hier sprechen die Leute über Ängste oder Sorgen, weil dies auch offen in den Videos geschieht. Und so ist die Community einfach im Umgang untereinander anders, als das bei anderen Genres der Fall ist. Die Menschen unterstützen sich und versuchen sich nicht, mit Beleidigungen zu übertrumpfen.

Wenn du auf YouTube und allgemein im Internet etwas ändern könntest, was würdest du verändern?

Kati: Bezug nehmend auf den Hass wäre es schon sinnvoller, den Leuten nicht so viel Anonymität zu geben. Denn dies ist der springende Punkt bei Hass-Kommentaren. Das kann ganz schnell auch ein neidischer Kollege sein – auch wenn es die nur sehr vereinzelt gibt – oder ein Bekannter, der verärgert ist.

Das Interview mit Kati Winter wurde am 23. Februar 2017 geführt.