ZiSch| Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe | Klasse 1BK2T
Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe, Klasse 1BK2T | Foto: dpa

Heinrich-Hertz-Schule

Ein Mensch auf der Flucht

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Nora Hepp und Michael Hiß | Klasse 1BK2T

Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe

Jamal lebt bei einer Pflegefamilie in Waldbronn

Der 16-jährige Jamal (die Namen wurden geändert) lebt in Waldbronn bei einer liebevollen Pflegefamilie. Er besucht die achte Klasse einer Werkrealschule, spielt Fußball und lernt viel, da er sich eine Ausbildung zum Schneider wünscht. Jamal kommt ursprünglich aus Afghanistan. Nachdem er vor fast zwei Jahren aufgrund der Taliban aus seinem Heimatland fliehen musste, hat er hier nun den Flüchtlingsstatus. Bei unserem Interview mit ihm und seiner Pflegemutter machte der junge Mann einen sehr freundlichen Eindruck. Trotz seiner Schüchternheit und sprachlichen Hindernissen, beantwortete er mühevoll und geduldig unsere Fragen.

Grund der Flucht: Jamal sollte in Afghanistan von der Taliban zwangsrekrutiert werden. Bei einer Weigerung wären er und seine Familie körperlich bedroht worden. Jamals Familie konnte nicht mit ihm fliehen, denn wenn nur ein Familienmitglied fehlt, wird dies nicht so leicht bemerkt. Steht allerdings ein ganzes Haus plötzlich leer, erregt dies Aufmerksamkeit und die Flucht könnte verhindert werden. Die Konsequenzen einer gescheiterten Flucht möchte keiner erleben.

Die Reise nach Deutschland: Die Reise von seinem Zuhause in Afghanistan nach Deutschland dauerte etwa 17 Monate. Jamal reiste mit seinem etwas älteren Cousin und einer kleinen Gruppe aus Afghanistan.  Er sagte, dass es ihm nicht so leicht fällt, über diese Zeit zu sprechen. Das ist leicht nachvollziehbar, denn wen würde eine solche Erfahrung in ständiger Angst ohne seine Familie und unter schlechten Bedingungen nicht emotional bedrücken.

Erste Zeit in Deutschland: Bevor Jamal in seine Pflegefamilie aus Waldbronn aufgenommen wurde, lebte er in einer staatlichen Einrichtung für unbegleitete, minderjährige Asylsuchende („Umas“). Jamals Pflegemutter, Heidi Meier, erzählte uns, dass die Jugendlichen in Drei-Bett-Zimmern mit Gemeinschaftsräumen untergebracht waren. Da die Asylsuchenden quasi keine eigenen Besitztümer haben, reiche dies völlig aus. Allerdings leben die Jugendlichen dort sehr unbeaufsichtigt, viel zu späte Bettzeiten und der Umgang mit Drogen sind dort leider nicht selten.

Die Entscheidung zu helfen: Auf unsere Frage, was zu der Entscheidung Jamal aufzunehmen geführt hat, erzählte Frau Meier, dass sie und ihr Mann davon überzeugt sind, dass wir alle zusammenarbeiten müssen, um das Flüchtlingsproblem zu lösen. Außerdem sah die Familie, dass sie jemandem helfen kann und fand, dass sie diese Möglichkeit auch nutzen sollte. Ursprünglich wollte Familie Meier einen unter 14-Jährigen aufnehmen. Als ihnen aber der 15-jährige Jamal vorgeschlagen wurde, erklärten sie sich zu einem Kennenlernen bereit. Bereits beim ersten Treffen haben sie sich gut mit Jamal verstanden und ihn ins Herz geschlossen. Frau Meier erzählte, dass Jamal zuerst sehr zurückhaltend und schüchtern wirkte und sie trotz sprachlicher Schwierigkeiten seine liebevolle und vielversprechende Persönlichkeit erkennen konnte. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Außerdem machte die Pflegefamilie sich Sorgen, dass Jamal wegen der schlechten Beaufsichtigung in seiner damaligen Unterbringung untergeht und sich aufgrund fehlender Anleitung negativ entwickelt. Diesen Umständen wollten sie Jamal nicht überlassen. Bereits wenige Wochen später zog der Flüchtling bei Familie Meier ein.

Ein neues Leben in Deutschland: Seit rund einem halben Jahr lebt Jamal nun bei der fürsorglichen Pflegefamilie. Er besucht die achte Klasse einer Werkrealschule und parallel eine Vorbereitungsklasse (VKL), die für alle ausländischen Kinder gedacht ist, die nach Deutschland kommen. Das Ziel einer VKL ist vor allem das Erlernen der deutschen Sprache und die Vorbereitung auf weiterführende Schulen. In seiner Freizeit spielt Jamal Fußball, schaut sehr gerne Bollywood-Filme und lernt auch viel für die Schule, um einen guten Abschluss zu schaffen. Die Umstellung des Lerntempos zusätzlich zu einer neuen Sprache ist für Jamal nicht gerade einfach, trotzdem ist es erstaunlich, wie gut er die deutsche Sprache schon beherrscht.
Bei der Ausübung seines muslimischen Glaubens unterstützen seine Pflegeeltern ihn gerne, was ihm sehr wichtig ist. Jamals Zukunftswünsche sind Schneider zu werden, und vor allem in Deutschland zu bleiben. Obwohl er seine Familie, mit der er wegen der Gefahr der Taliban nur selten Kontakt hat, sehr vermisst, möchte er nicht nach Afghanistan zurück und am liebsten bei den Meiers in Deutschland bleiben. Am Leben in Deutschland gefallen ihm der Luxus und der Fortschritt, mit dem wir leben und die Freiheiten und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Außerdem genießt er die Art sich zu kleiden und die Privatsphäre, die es in seiner Heimat so nicht gab.  Was ihm nicht so leicht fällt, ist das viele Lernen und das Gewöhnen an Pünktlichkeit, was er beides zuvor so nicht kannte.

Asylantrag: Jamal hat inzwischen einen Antrag auf Asyl gestellt. Die Familie rechnet damit, dass dieser gewährt wird, allerdings kann es sein, dass er wegen der neuen Asylregelung nach Bulgarien geschickt wird. Frau Meier äußerte ihr Bedauern darüber, denn Jamal aus einer sicheren, stabilen Umgebung mit Unterstützung zu reißen, ist sicherlich nicht gerade förderlich für seine Entwicklung. Abgesehen davon, müsste er wieder einmal eine Familie verlassen und eine neue Sprache lernen. Die Pflegeeltern würden ihn außerdem sehr vermissen, denn sie haben Jamal von Anfang an ins Herz geschlossen.