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Irmtraud Kaiser

Seit 75 Jahren Mitglied der SPD: Ein langes Leben voll Standhaftigkeit und Solidarität

Als Irmtraud Kaiser einst in Berlin Mitglied der Sozialdemokratie wurde, war der Zweite Weltkrieg gerade vorüber. In Knielingen und ganz Karlsruhe hat sie seither in vielen Jahrzehnten einiges bewegt.

Zeugin des Jahrhunderts: Die frühere Stadträtin Irmtraud Kaiser ist seit 75 Jahren Mitglied der SPD. Foto: Jörg Donecker

Leute, die zu ihren Entscheidungen stehen – das lehrt die Lebenserfahrung – sind keineswegs die Regel. Die Haltung, die man früher hatte – wie rasch ist sie im Zeichen von Neuerung und Zeitgeist revidiert. Menschen, für die man sich einst entschieden hat, lässt man fahren – um danach die eigene fehlende Zuverlässigkeit als Flexibilität und Dynamik umzudeuten.

Irmtraud Kaiser ist so nicht. Ihren Ehemann hat sie bis zuletzt gepflegt. Zu ihren Überzeugungen als Sozialdemokratin ist sie stets gestanden.

Auch, als die Zeiten ungemütlich waren. Als man, wie zuletzt, der Partei August Bebels und Kurt Schumachers absprach, Volkspartei zu sein. Und als in der SPD Basta-Männer am Ruder waren, die nicht so ganz ihrem Ideal entsprachen.

Seit 1946 in der SPD

Irmtraud Kaiser wird im Dezember 92 Jahre alt. In ihrer Wohnstube in Knielingen ist es blitzblank, alles liegt an seinem Ort. Dass man ihre langjährige Mitgliedschaft bei der Sozialdemokratie bemerkenswert findet, kann die agile Karlsruherin einerseits verstehen.

75 Jahre ist sie schließlich schon dabei, ein Dreivierteljahrhundert. Andererseits: Für jemanden wie sie ist es keine Frage, dass man seinen Überzeugungen treu bleibt. Sie eilt ins Obergeschoss, holt das Parteibuch und legt es auf den Esstisch. Es ist ein Dokument wie aus dem Haus der Geschichte. Am 14. Juni 1946 tritt sie in Berlin-Spandau in die SPD ein. Da ist Irmtraud Kaiser noch keine 17 Jahre auf der Welt.

Vater war Reformpädagoge

Aus einem klassischen Proletarier-Haushalt kommt sie nicht. Die Mutter war Hausfrau, wie das damals meistens so war, der Vater Lehrer. Aber kein autoritärer Pauker, der Menschen gebrochen und so dem Reich willfährige Werkzeuge verschafft hätte.

Vielmehr war er Reformpädagoge und Gründer einer „Lebensgemeinschaft“ genannten Schule, die die Ideale der Anthroposophie hochhielt. 1933, mit Hitlers Machtergreifung, wurde Irmtraud Kaisers Vater seines Dienstes enthoben.

Die Familie schlug sich mehr schlecht als recht durch, später kam Irmtraud Kaiser in die Kinderlandverschickung. Ihren Eltern gelang es, den Kindern deutlich zu machen, dass die Nationalsozialisten der politische Gegner waren, diese Gegnerschaft aber möglichst nicht offen zu Markte zu tragen.

Sozialdemokratisches Umfeld

In die SPD trat Irmtraud Kaiser ein, nachdem sie 1946 von der Kinderlandverschickung wieder zurück gekommen war. Ihr Vater holte sie damals von der Bahn ab – ein Moment, der ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Sie absolvierte eine Lehre zur Schneiderin und engagierte sich beispielsweise für die Arbeiterwohlfahrt.

Die späten 40er Jahre waren für das Leben der demnächst 92-Jährigen in jeder Hinsicht eine prägende Zeit. Es bedurfte ihrer Erinnerung nach keiner großen Überlegung für die Entscheidung, in die SPD einzutreten. Schon Irmtraud Kaisers Großmutter und ihre Eltern waren schließlich Sozialdemokraten gewesen, und am 24. März 1933 hatten sich die Sozialdemokraten als einzige Partei im Reichstag Hitlers Ermächtigungsgesetz verweigert.

Umzug nach Karlsruhe

Kaiser lernte in Berlin ihren Mann kennen; er hatte als Wehrmachtssoldat den Russlandfeldzug überlebt und strebte bei Siemens eine Karriere als Diplom-Ingenieur an. Diese brachte die junge Familie 1954 nach Karlsruhe.

Hier hatte zwei Jahre zuvor Günther Klotz das Ruder im Rathaus übernommen. „Für die damalige Zeit war er der richtige Mann“, bilanziert Irmtraud Kaiser die Zeit des sozialdemokratischen OB. Von 1968 bis 1994 übernahm sie als Stadträtin Verantwortung für ganz Karlsruhe, zwischen 1973 und 1985 hielt sie zudem als Chefin des Bürgervereins Knielingen die Fahne ihre Stadtteils hoch.

Irmtraud Kaiser hat viel in der Stadt bewegt

Dass man etwas erreichen kann, wenn man sich politisch organisiert – diesen Nachweis kann sie mit Blick auf diese Zeit leicht erbringen. Deutliche Fortschritte gab es beim lange problematisch gewesenen Klärwerk, ebenso bei der Deponie West und der Raffinerie. „Die Nordtangente haben wir natürlich abgelehnt“, sagt die erfahrene Kommunalpolitikerin.

Hanne Landgraf machte Politik mit dem Herzen.
Irmtraud Kaiser, SPD-Mitglied

Mit dem Namen Irmtraud Kaiser sind viele Themen im Westen der Stadt eng verknüpft. Etwa der Bau des Knielinger Feuerwehrgerätehauses, die Altenbegegnungsstätte, der Wasserschutz, das Wirken der Arbeiterwohlfahrt.

Beim letztgenannten Stichwort kommt der aufrechten Sozialdemokratin sogleich der Name der Karlsruher Ehrenbürgerin Hanne Landgraf in den Sinn. Die war nicht nur Vorsitzende der Karlsruher AWO, sondern jahrelang auch die einzige Frau im Landtag. „Hanne Landgraf machte Politik mit dem Herzen“, fasst Irmtraud Kaiser ihr Wirken zusammen.

Der Wahl-Knielingerin und Trägerin der städtischen Ehrenmedaille sowie des Günther-Klotz-Preises, Irmtraud Kaiser, wird man das auch attestieren können.

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