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Borkenkäfer war Geburtshelfer eines neuen Waldes

Totgesagte leben länger: Der Nationalpark Bayerischer Wald wird 50

Vor 50 Jahren wurde der erste Nationalpark auf deutschem Boden gegründet: das Schutzgebiet im Bayerischen Wald. Zusammen mit dem angrenzenden Nationalpark in Böhmen entstand hier das grüne Dach Europas. Mittlerweile gibt es in jedem Bundesland einen Nationalpark.

Jubiläum im Bayerischen Wald: Vor 50 Jahren wurde der erste Nationalpark auf deutschem Boden gegründet. Zusammen mit dem angrenzenden Nationalpark in Böhmen bildet er das größte zusammenhängende Waldgebiet im Herzen Europas. Foto: Krieger

Als die Heimsuchung begann, rauschte es mächtig im deutschen Blätterwald. „Kaputtgeschützt“ titelte der „Stern“ angesichts der Hänge voller Baumskelette wie nach einem Atomschlag, und jene Alarmisten, die schon immer gegen den Nationalpark waren, wiederholten mantrahaft: Hier würde nie wieder ein Wald wachsen. Als der Borkenkäfer Mitte der 1990er Jahre einen Berg nach dem anderen heimsuchte, schlug die ohnehin vorhandene Skepsis vieler Einheimischer gegen das Schutzgebiet in grenzenlose Wut um.

Wer heute auf dem Großen Arber steht, mit 1.455 Metern der höchste Berg des Bayerischen Waldes, und seinen Blick nach Südosten schweifen lässt, erkennt, welcher Glücksfall die damalige Katastrophe war. Denn der gehasste Schädling war der Geburtshelfer eines neuen Waldes, dessen Trumpf Verjüngung statt Monotonie heißt.

Vor 50 Jahren wurde Deutschlands erster Nationalpark im Bayerischen Wald gegründet, ein Stück Wildnis im dicht besiedelten Deutschland. Die Strategie: Die Natur Natur sein lassen. Drei Viertel des Parks sollen bis 2027 sich selbst überlassen werden. Dem Menschen bleibt nur die Rolle des Beobachters.

Der Wald verjüngt sich

Wer sehen möchte, wie sich der Wald nach jedem Windwurf und jeder Borkenkäfer-Attacke regeneriert, fährt zum Seelensteig bei Spiegelau. Zwischen bleichen Baumskeletten recken sich vorwitzige Ebereschen, Buchen und Nadelhölzer der Sonne entgegen. Tote Baumstämme, gehüllt in ein Kleid aus Moosen und Flechten, sind Lebensraum für unzählige Tierarten.

Der Erde entrissene Wurzelstöcke gleichen aufgerissenen Mäulern. Am Wegesrand stehen Holztafeln mit Zitaten von Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Henry David Thoreau über Zauber und Wert des Waldes. Wer Augen zum Sehen hat, braucht sie nicht. Der 1,3 Kilometer lange Wanderweg, der den Wald in seinen Stadien des Werdens und Vergehens präsentiert, spricht für sich.

Der Kampf zwischen Wildnis und Ordnung in Europas grünem Herzen entbrannte schon vor seiner Gründung. Die Geschichte von Deutschlands erstem Schutzgebiet handelt von Wölfen, Luchsen und Borkenkäfern, von Einheimischen, die ihren alten Wald zurückhaben wollen, von Touristen, die sich nach einem Stück Urwald sehnen, von Naturschützern, Bürgerbewegungen, Großgrundbesitzern, Förstern und populistischen Politikern, die Gottes Schöpfung ohne pflegende Hände und Maschinen versteppen, verfinstern und verwildern sehen.

Das schwierige Verhältnis zur Wildnis

Vor allem aber steht der Nationalpark Bayerischer Wald für das schwierige Verhältnis vieler Deutscher zum Thema Wildnis als schutzwürdiges Gut. Der Tierreichtum in Afrikas Savannen mag während des Traum-Urlaubs zwar begeistern, beim Joggen auf garantiert wildnisfreien heimischen Waldwegen aber will man lieber unter seinesgleichen sein.

Inzwischen sind die „Ökofaschismus“-Rufe von damals zwar verklungen, doch die Erkenntnis, dass zum Wesen des Waldes auch Luchs und Wildkatze gehören, dass selbst Wölfe und Bären eine Daseinsberechtigung haben und ein sauberer, gepflegter Wald Raubbau an der Natur darstellt, hat sich auch im Jubiläumsjahr nicht überall durchgesetzt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass in einer Fachzeitschrift der Forst- und Holzwirtschaft der Vorläufer für 15 weitere Nationalparks auf deutschem Boden als „wesensfremde Gestaltungsidee“ angeprangert wurde.

Das Schutzgebiet lockt Millionen Besucher an

„Machen wir uns nichts vor”, erklärt Josef Wanninger, zuständig für die Besucherzentren, „der Nationalpark wurde nicht etwa eingerichtet zum Schutz der Natur, sondern war eine Infrastrukturmaßnahme für den wirtschaftlich schwachen Osten Bayern.“ Ein mitteleuropäischer Urwald sollte her, um Touristen in das Zonenrandgebiet zu locken, ein grünes Paradies für Erholungssuchende, die auf 500 Kilometern markierter Wege radeln und wandern, mit Attraktionen für die ganze Familie.

Der Plan hat geklappt: Rund 1,3 Millionen Besucher zieht es Jahr für Jahr in das Schutzgebiet, Jung und Alt, die sich von Rangern ins nächtliche Reich der Tiere entführen lassen, den Baumwipfelpfad erklimmen oder die wildromantische Steinklamm erobern. Die Verwaltung kostet zwar Geld, zudem fehlt der Holzeinschlag in der Kasse – doch bei den Nationalparkgemeinden bleiben dank konsumfreudiger Urlauber etliche Millionen hängen.

Grenzüberschreitendes „grünes Dach Europas“

Es waren drei Macher, die sich – fast 100 Jahre nach der Gründung des Yellowstone-Nationalparks – für das Schutzgebiet im Bayerischen Wald stark machten: der Forstwissenschaftler Hans Bibelriether, der ein Leben lang gegen so genannte „Förster-Forste“ ankämpfte, Hubert Weinzierl, Ende der sechziger Jahre Naturschutzbeauftragter in Niederbayern, sowie der Oscar-prämierte Bernhard Grzimek, dem ein riesiger Freilandzoo mit Wisentherden und 300 Bären vorschwebte.

Nur dass die Flächen rund um den Großen Rachel und den Lusen mit ihren monotonen Fichtenbeständen weder in punkto Größe noch beim Tierreichtum Grzimeks Serengeti das Wasser reichen konnte. Der telegene Tierfilmer zog sich zurück, überließ anderen den Kampf um das Schutzgebiet, der gelegentlich zur Schlammschlacht ausartete.

Fast 30 Jahre lang war Hans Bibelriether Leiter des Nationalparks. Er erlebte mit, wie das Schutzgebiet auf fast 243 Quadratkilometer erweitert wurde und wie nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs das „grüne Dach Europas“ Gestalt annahm. Zusammen mit dem Nationalpark auf böhmischer Seite entstand hier das größte zusammenhängende Waldgebiet im Herzen Europas.

Ein Sturm als Geburtshelfer

Mehr als 30.000 Festmeter Fichtenstammholz warf ein schwerer Sturm über dem bayerisch-böhmischen Grenzkamm am 1. August 1983 in nur einer Stunde zu Boden. Schnell wurde entschieden, die toten Stämme liegen zu lassen. Ein gewagtes Experiment, das die einen als Geburt des Urwaldes feierten, die anderen als Tod des Bayerischen Waldes brandmarkten.

Der Borkenkäfer, der schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im ganzen Böhmerwald und dem angrenzenden Bayern gewütet hatte, machte kurzen Prozess mit den Fichten-Monokulturen. Nur die Mischwälder, in denen die Fichte, der Brotbaum der Waldbauern, nicht dominierte, präsentierten sich in einem grünen Kostüm. Andernorts sah der Nationalpark wie nach einem Kahlschlag aus.

Die trockenen Stümpfe der abgestorbenen Fichten ragten wie Totempfähle in den Himmel. Schön war das nicht, und schon gar nicht das, was Stadtkinder und Dorfbewohner unter intakter Natur und gesundem Wald verstanden. Natur Natur sein lassen – das musste auch rings um den ersten deutschen Nationalpark erst gelernt werden.

Totholz als Lebensraum für Tiere

„Der größte Waldfriedhof Europas“, wie ein Magazin damals titelte, hat sich zum produktiven Waldkindergarten gemausert. Denn Totholz ist enorm wichtig als Dünger und Lebensraum. Auf umgestürzten Bäumen, die langsam vor sich hin modern, sprießen Fichten, Eschen, Ulmen und Buchen, machen sich Flechten, Moose und Pilze breit – darunter der rotbraun leuchtende Duftende Feuerschwamm, der nur in fünf weiteren Wäldern auf der Welt vorkommt und seinem Namen dem intensiven Rosenaroma verdankt.

Ein Großteil der geschätzten 14.000 Tierarten des Nationalparks leben in den abgestorbenen Stämmen - alle möglichen Käferarten, aber auch Habichtskäuze, die hier ihre Bruthöhlen bauen. Auch größere Tiere haben den Nationalpark für sich entdeckt. In die Fotofallen der Wissenschaftler tappen mittlerweile alle großen Säugetiere, die es in Mitteleuropa gibt – außer dem Braunbären.

2015 sahen die Forscher zum ersten Mal Wildkatze, Elch und Wolf auf den Fotos. Die Borkenkäfer-Katastrophe war gleichsam die Stunde Null für den totgesagten Wald, der sich nicht nur stark verjüngt präsentiert, sondern auch dichter und artenreicher als zuvor ist.

Der Mensch als Beobachter

Fast drei Viertel des Schutzgebietes mit seinen Mooren, Bergbächen und Gipfellagen bleiben sich selbst überlassen, ohne dass der Mensch eingreift. „Hier entsteht der Urwald von morgen“, heißt es denn auch in Infobroschüren und Artikeln, und den Satz, „die Natur auch mal Natur sein zu lassen“, hat inzwischen fast jeder Kommunalpolitiker drauf. Dabei gibt es echte Wildnis in Deutschland allenfalls noch auf wenigen, kaum zugänglichen Bergflanken, und selbst dorthin gelangen diverse, vom Menschen in die Luft gepustete Schad- und Nährstoffe.

Will die Bundesregierung ihre 2007 beschlossene Strategie zur biologischen Vielfalt umsetzen, nach der zwei Prozent der Fläche Deutschlands „wild“ sein sollen, wird sie mehr Parks ausweisen müssen, „wo wir Wäldern und Fluren ihre Freiheit lassen, wo wir den Mut zum Nichtstun haben und die Kraft zur Einsicht aufbringen, dass uns die Natur überhaupt nicht braucht“, so der Wildnispionier Hubert Weinzierl.

Heute hat jedes Bundesland einen Nationalpark

Es mussten sage und schreibe 45 Jahre vergehen, bis alle 16 Bundesländer wenigstens ein Zipfelchen Nationalpark abbekommen haben. Zuletzt kamen die Nationalparks Schwarzwald und Hunsrück-Hochwald dazu. Wer 16 Schutzgebiete für ausreichend hält, kommt womöglich angesichts einiger Zahlen ins Grübeln: Alle Parks zusammengenommen entsprechen nämlich gerade einmal 0,6 Prozent der Landfläche Deutschlands.

Und das ist deutlich weniger als zum Beispiel in den Niederlanden, der Tschechischen Republik oder in Frankreich, ganz zu schweigen von Österreich, wo etwa drei Prozent der Staatsfläche das Nationalpark-Siegel tragen. Roswitha Bruder-Pasewald

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