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Begegnung auf der Huchenfelder Straße eskaliert

Autofahrer drohen einem Radler in Pforzheim Schläge an

Ein Radfahrer wird von Autofahrern behindert und bedroht. Der Vorfall ereignete sich vor kurzem auf der Huchenfelder Straße. Eine neue Eskalationsstufe im „Gegeneinander“ von Auto- und Radfahrern?

Sicher auf dem Radweg. Kirstin und Peter Heissenberger (Gruppe hinten), die mit Sohn Nick (rechts) und dessen Freund Jamie auf der Hachelallee unterwegs sind, wünschen sich wie viele Radfahrer mehr Radwege in Pforzheim und in der Region, am besten baulich abgetrennt. Foto: Roland Wacker

Wie so oft war ein Pforzheimer Radfahrer an jenem Sonntag Mitte September auf der Huchenfelder Straße unterwegs. Es ging den Berg hoch, die Autofahrer hinter ihm hätten aber ohne Probleme überholen können, sagt Martin Mäschke, der wie jener Radler Mitglied im ADFC Pforzheim Enzkreis (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) ist. „Zwei Autofahrer stiegen aus, sprachen sich offenbar ab und überholten ihn dann, ohne den erforderlichen Mindestabstand einzuhalten“, weiß Mäschke, weil sein Bekannter den Vorgang mit einer Kamera festgehalten hat. Was dann geschah, ist Gegenstand polizeilicher Ermittlungen.

Die Männer im Auto passten den Radfahrer an der Einfahrt zu einem Waldweg ab, forderten ihn auf, anzuhalten. Als er das nicht tat, stellten sie sich ihm in den Weg. „Der Radfahrer konnte nur ausweichen, indem er trotz durchgezogener Linie und im Kurvenbereich auf den linken Fahrstreifen auswich“, resümiert Mäschke. Einer der Männer habe dem Radler Schläge angedroht.

Radfahrer werden von Autofahrern oft als Hindernis empfunden

Dass solche Begegnungen zwischen Rad- und Autofahrer Einzelfälle sind, will Mäschke gar nicht bestreiten, und die meisten der rund 380 Mitglieder im ADFC dürften das bestätigen. Aggressives Verhalten gegenüber Radlern inklusive Beschimpfungen seien dagegen weniger selten.

Für Johannes Kersting, der seit 35 Jahren Rad fährt, offenbart der oben geschilderte Vorfall die Haltung vieler Autofahrer: „Die Straße gehört uns. Du bist für uns ein Hindernis.“ Als gelegentlicher Autofahrer kennt Kersting beide Positionen im Straßenverkehr. Radfahrer würden von Autofahrern nicht genügend akzeptiert, sagt er.

Platz für Räder: Die Östliche Karl-Friedrich-Straße erhielt im Zuge des Radverkehrskonzepts von 2013 einen Fahrradstreifen. Foto: Herbert Ehmann

Die Pforzheimerin Kirstin Heissenberger fährt, wie ihre ganze Familie, fast täglich Rad und fühlt sich öfter bedrängt von Autofahrern, die ungeduldig, zuweilen aggressiv werden, wenn sie nicht sofort überholen können. „Weil ich auf der Hohenzollernstraße nicht schnell genug war, wurde ich angehupt.“ Im Gegensatz zu Bekannten vermeide sie gefährliche Strecken wie die B 10 auf der Wilferdinger Höhe, wo es keinen Radweg gibt. „Viele fahren auf dem rechten oder linken Gehweg.“ Keine gute Lösung, findet sie, mit Blick auf die Fußgänger.

ADFC: Mehr Sicherheit bringt mehr Räder auf Pforzheims Straßen

ADFC-Vorstandsmitglied Mäschke, Heissinger, Kersting und viele andere Radfahrer sind davon überzeugt, dass man in Pforzheim und dem Enzkreis viel mehr Leute aufs Rad bringen könnte, wenn sie sich sicher fühlen würden. Der Mangel an Radwegen und nicht eingehaltener Sicherheitsabstand beim Überholen bewirken das Gegenteil.

„Viele trauen sich nicht aufs Rad. Gefühlsmäßig hält nur jeder dritte Autofahrer den vorgeschriebenen Abstand“, meint Mäschke. 1,50 Meter im Ort und zwei Meter außerhalb, so schreibt es die neue Straßenverkehrsordnung vor. „1,50 Meter ist wesentlich mehr, als das, was wir normal erleben.“

„Realisierungsprogramm Radverkehr“ ist Grundlage künftiger Planungen

2013 wurde in Pforzheim ein Radverkehrskonzept auf den Weg gebracht. Ein alltagstaugliches Netz an Radwegen oder für Radfahrer geeigneten Streckenverbindungen sollte erarbeitet und innerhalb von zehn Jahren realisiert werden. „Das Konzept ist sehr ausführlich und sehr durchdacht“, lobt Kersting und kritisiert: „Mit der Umsetzung hapert es.“

Im Juni beschloss der Gemeinderat mehrheitlich bei 23 Ja- und 15 Nein-Stimmen das nachfolgende „Realisierungsprogramm Radverkehr“ als Grundlage künftiger Planungen. Die Südverlegung des Enztalradwegs wurde beschlossen mit Ampelquerung an der Jahnstraße. Es sei noch viel zu tun, mahnt Mäschke, um eine Verkehrswende in Pforzheim zu erreichen.

Beim Umbau der Westlichen KF soll es einen Radstreifen geben. Aber eben nur einen „gemalten“. Baulich getrennte Radwege, die nicht mit Fußgängern geteilt werden müssen, wären sicherer und daher generell vorzuziehen, argumentiert der ADFC. Der Verband kritisiert ferner: Es gibt keine sicheren Radwege zu Schulen. Kirstin Heissenberger lässt ihren siebenjährigen Sohn, den sie als sicheren Radfahrer bezeichnet, nicht alleine in die Schanzschule radeln. „Das tun nur vereinzelt ältere Kinder“, sagt sie.

Wieso gibt es keine Prämie für Pedelecs?
Johannes Kersting, Radfahrer

Als einfache, schnell durchsetzbare Maßnahme, mehr Radler auf Pforzheims Straßen zu bringen, schlägt Mäschke eine Öffnung der Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung vor. Kersting ärgert eine „Ungleichgewichtung“, die Autoverkehr bewusst fördere. „Wieso gibt es beispielsweise keine Prämie für Pedelecs?“, fragt er sich. Kersting war früher Polizist und wie sein ADFC-Kollege Mäschke wünscht er sich, dass die Polizei dem Thema Bedrohung durch Autofahrer nachgeht, durch Kontrollen und Ahndungen.

Polizei hat kein wirksames Mittel gegen Abstandsverstöße

Die aggressiven Männer an jenem Sonntag auf der Huchenfelder Straße hat der Radler bei der Polizei angezeigt. Vergehen beim Überholen von Radfahrern werden zu selten verfolgt, beanstandet Mäschke. Es träfen kaum Anzeigen diesbezüglich ein, erklärt ein Polizeisprecher. „Daher ist das für uns kein Unfallschwerpunkt.“

Die Polizei hat bislang kein wirksames Mittel gegen solche Delikte. Es gebe aktuell keine geeignete Methode, zu dichtes Überholen zu messen. „Ein Polizist müsste mit einem Handmessgerät in dem Moment messen, in dem ein Radfahrer an ihm vorbei fährt, der gerade von einem Autofahrer überholt wird“, sagt der Sprecher. Zwar werde der Radverkehr „ganzheitlich“ monatlich kontrolliert, aber dabei gehe es um Dinge wie Verkehrstüchtigkeit.

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