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Mischung aus Museum und Tresen

Karlsruher betreibt seit 13 Jahren eine Fußballkneipe in München

Bevor seine Stammkneipe in München schließt, hat der gebürtige Karlsruher und KSC-Fan Holger Britzius („Holle“) sie 2006 selbst übernommen und mit dem "Stadion an der Schleißheimer Straße" eine reine Fußballkneipe daraus gemacht, die so in Deutschland einmalig ist.

Ein Karlsruher in München: Holger Britzius war früher Journalist und ist jetzt Wirt der Münchner Fußballkneipe „Stadion an der Schleißheimerstraße“. Foto: Rastätter

Bevor seine Stammkneipe in München schließt, hat der gebürtige Karlsruher und KSC-Fan Holger Britzius („Holle“) sie 2006 selbst übernommen. Als er in München arbeitete, ist er 2003 extra zu seiner Kneipe in die Maxvorstadt gezogen. „Da konnte ich nicht zusehen, wie die schließt“, sagt der Fußballfan und gründete das „Stadion an der Schleißheimer Straße“ – eine reine Fußballkneipe, die es so nur einmal in Deutschland gibt.

Wie sieht es in der Kneipe aus? An den Wänden hängen große Monitore für die Fußballübertragungen und überall Fanschals sowie Trikots. Die Sitzplätze sind eine Mischung aus Stadionsitzschalen, Bierbänken und normalen Tischen. Fast kein Fleck ist mehr frei. Und auf der Speisekarte stehen Burger, Currywurst oder Schnitzel – Gerichte, die es auch in einem richtigen Stadion gibt.

Britzius ist in Grötzingen geboren und in Grünwettersbach aufgewachsen. In Durlach besuchte er das Markgrafen-Gymnasium, wo er von seinem Latein-Lehrer den Spitznamen Holle erhielt und dieser hat sich bis heute durchgesetzt. Holger nennt ihn inzwischen niemand mehr. Beim SC Wettersbach trat er als Jugendlicher gegen das runde Leder. Dann studierte der heute 44-Jährige in Essen, allerdings ohne Abschluss. Danach arbeitete er als Journalist, unter anderem bei Premiere, Sky und Sport1. Heute gehört seine ganze Aufmerksamkeit der Fußballkneipe und der Stadtteilwirtschaft „Obacht“, die er seit 2017 übernommen hat. „Viele gehen zum Essen ins Obacht und ziehen dann zum Fußballschauen ins Stadion weiter“, sagt der Badener mit der gleichen Frisur wie Günter Netzer. Fast jeder Fußballinteressierte in München kennt ihn.

Wir leben Toleranz vor.

Für einen Badener und KSC-Fan nicht selbstverständlich ist, dass er die Kneipe seit 2013 gemeinsam mit dem gebürtigen Heilbronner und VfB-Fan Michael Jachan („Michl“) führt. Jachan ist eher für die Zahlen zuständig, beide ergänzen sich gut. „Wir leben Toleranz vor“, sagt Britzius und lacht. Das Derby schauen sie jedoch nicht gemeinsam – so weit geht die Toleranz dann doch nicht.

Die Wände und Decken der Fußballkneipe hängen voll mit den unterschiedlichsten Fanschals und Trikots. Foto: Tanja Rastätter

Wirt begrüßt die Gäste persönlich

Was Britzius in seinem Job reizt, ist Menschen einen schönen Abend mit guten Gesprächen und vielen Toren bereiten zu können. Bei Champions League- und Top-Spielen ist das Lokal bis auf den letzten Platz voll. Etwa 30 der 150 Plätze werden freigehalten, der Rest kann reserviert werden. Die Kneipe lebt vom Wirt: Er begrüßt die Gäste bei jedem Spiel persönlich an der Tür – das ist Chefsache. Wobei ihm das Wort Chef nicht so gefällt. „Holle“ fühlt sich nicht als Geschäftsführer, sondern mehr als Gastgeber oder Freund der Gäste. Dass er alles nicht so ernst nimmt, zeigt auch, dass bei Facebook als Beruf „Model“ und als Unternehmen „Obacht“ in seinem Profil steht.

Eine Mischung aus Museum und Tresen

Die Fangemeinde des Lokals ist riesig. „Was die Faszination ausmacht? Die Kneipe ist Fußball pur, eine Mischung aus Museum und Tresen“, so der Wirt über sein „Stadion“ , wie es abgekürzt genannt wird. Das Publikum sei stets bunt gemischt. Durch die Reservierung könne passieren, dass Schalker gemeinsam mit Dortmunder Fans an einem Tisch sitzen. Spätestens seit die Kneipe mehrmals in der Tagesschau zu sehen war und auch Austragungsort der Sky-Sendung „Mein Stadion“ – moderiert von Ulrich Potofski – war, ist sie bei Fußballfans kein Geheimtipp mehr. Das hat auch die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur erkannt. Sie wählt dieses Jahr die „Beste Fußballkneipe des Jahres“ . Hier ist das Münchner Fandomizil nominiert. „Wenn das klappt, wäre das der ‚Oscar für mein Lebenswerk‘“, sagt „Holle“ über den Preis.

Das Stadion an der Schleissheimer Straße - Hammer Fussballkneipe. pic.twitter.com/S0rpl7KnXI

— ThomasJenewein (@ThomasJenewein) April 6, 2019

Veranstaltungen in der Fußballkneipe

Besonderen Spaß bereiten ihm und seinem Partner die Veranstaltungen im „Stadion“. Der ehemalige Fußballtrainer Dragoslav Stepanovic habe beispielsweise ganze drei Stunden nur aus seinem Leben erzählt. Seine Frau sei an dem Abend so begeistert gewesen, dass sie ihn immer wieder angetrieben habe, weitere Geschichten zu erzählen. Doch auch bedrückende Lesungen, wie etwa die von Uli Borowka über Alkohol im Fußball gab es in der Kneipe oder musikalische Auftritte wie der des ehemaligen KSC-Spielers Andreas Görlitz und seiner Band „Whale City“ .

Leidenschaftlicher Springsteen-Fan

Außer dem Sport gehört Britzius‘ Leidenschaft der Musik und hier vor allem Bruce Springsteen. Ganze 25 Konzerte sah er bereits von dem amerikanischen Rockmusiker. Viele weitere sollen folgen. Im Oktober veranstaltet er eine Springsteen-Party in seiner Kneipe, zu der Fans aus der ganzen Republik kommen. Dann wird aus der Münchner Fußball- für einen Abend eine Musik-Kneipe.

Du kriegst mich raus aus Karlsruhe, aber Karlsruhe nicht raus aus mir.

Das „Stadion“ ist außerdem Treffpunkt der Zugroasten Supporter KArlsruhe (ZSKA). Das ist ein KSC-Fanclub von Exil-Karlsruhern, die in München wohnen. „Du kriegst mich raus aus Karlsruhe, aber Karlsruhe nicht raus aus mir“ lautet der Slogan der Fangruppe. Ein Spruch, der die Gemütslage des Wirts nicht besser beschreiben könnte.

Stadion an der Schleissheimer Straße, München #MSV pic.twitter.com/SVWHw2OGJe

— Kurt Thielen (@zebrakurt) May 2, 2019

Britzius vermisst die Feste in Karlsruhe

Bis auf Sonntag und Montag ist „Holle“ jeden Tag in der Kneipe. Die beiden freien Tage gehören seinem siebenjährigen Sohn. In Karlsruhe ist der gelernte Journalist derzeit wenig. Was ihm in München aus der badischen Heimat vor allem fehlt, sind die „Feschdle“. „Kleine Straßen- oder Dorffeste gibt es in München so gut wie nicht“, sagt Britzius. „Damit bin ich aufgewachsen.“ Auch zum Fußballspielen komme er in der bayrischen Metropole selbst nicht mehr. Eine Rückkehr nach Karlsruhe schließt der 44-Jährige nicht aus, vielleicht wenn sein Sohn größer ist. „Momentan ist alle so gut, wie es ist“, sagt der Exil-Karlsruher, der aktuell nicht mehr mit der Mutter seines Sohnes zusammen ist.

Lieblingskicker Rainer Schütterle

Neben dem Karlsruher Sport Club gehört seine Fußballliebe der deutschen und irischen Nationalmannschaft. „In Karlsruhe habe ich viel Zeit in Irish Pubs verbracht, diese Liebe ist nicht verblasst“, erzählt Britzius, der noch immer ein Panini-Bild von dem irischen Fußballspieler Ray Houghton in seinem Geldbeutel hat. Bei den Karlsruher Kickern ist Rainer Schütterle sein absoluter Liebling aller Zeiten. „Der hat sich noch nicht bei mir hier in München sehen lassen“, sagt der KSC-Fan.

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