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„Den Leuten geht es besser als zuvor“

Aus dem Osten nach Bruchsal: Fünf ehemalige DDR-Bürger schildern ihr Schicksal

Wie war das damals? Was blieb als Erinnerung an die persönlich erlebte Wiedervereinigung? Wie ist aus heutiger Sicht die Entwicklung zwischen Ost und West zu bewerten?
von Freier Mitarbeiter
3 Minuten
von Freier Mitarbeiter

Überraschenderweise gibt es bei den befragten Frauen und Männern aus dem Raum Bruchsal, die damals aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen sind, eine weitgehend übereinstimmende Bewertung.

Von Werner Schmidhuber

Gerhard Orintas (68) setzte sich noch vor dem Mauerfall im Westen ab, seine Frau Steffi (64) kam mit den beiden Kindern nach. Dank einer alten Brieffreundschaft fanden sie in Kirrlach eine Bleibe.

Gerhard Orintas Foto: Werner Schmidhuber

Die Familie hat sich sehr gut eingebürgert, sie fühle sich bestens integriert, betonen die Eheleute mit Stolz. Rückblickend meinen sie: „Es ist gut, dass alles so gekommen ist. Und es war richtig, das Land zu verlassen.“ Ihrer Ansicht nach haben ihre Ost-Landsleute von der Einheit profitiert. „Es liegt an jedem Einzelnen, aus sich etwas zu machen“, sagt die Erzieherin. Doch viele verharren noch in ihrer alten Welt.

Steffi Orintas Foto: Werner Schmidhuber

Im September 1989 hatte der Familienvater aus Sachsen endlich ein Visum für eine einmalige Ausreise in den Westen zu einem 70. Geburtstag erhalten. Dort wurde er überzeugt, einfach zu bleiben. Zuhause, in der Nähe von Chemnitz, beantragte seine Frau sodann die Ausreise. Doch das Regime bürgerte sie aus und erklärte sie zu einem staatenlosen Individuum. Immer wieder besuchen die Orintas ihre Verwandten und Bekannten. Und stellen fest: Der Osten ist ein blühendes Land. Den Leuten geht es viel, viel besser als zuvor.

Gerd Höfer (61), ein gebürtiger Zittauer, wohnt seit 1992 in Kronau und betreibt in Kirrlach die Vogelpark-Gaststätte. Als einer der Ersten floh er im Sommer 1989 über die vom Stacheldraht befreite ungarisch-österreichische Grenze. Über viele Umwege landeten der gelernte Koch und seine jetzige Frau Sabine „in dieser wunderschönen Gegend“.

Gerd Höfer Foto: Werner Schmidhuber

Bereut habe er nichts. Sofort würde er wieder die DDR verlassen und das Weite suchen, bekundet er. „Hier fühle ich mich wohl, hier will ich nie wieder weg.“ Ging die deutsche Einheit zu schnell? Ja, besonders die Währungsumstellung. Viele seiner Landsleute fühlten sich von der Entwicklung überrollt und überfordert.

Sabine Guder (53) aus Bad Muskau, jetzt Graben-Neudorf, ist der Umsturz noch im Kopf, als wäre er gestern gewesen. Ihre Tochter, im November 1989 geboren, nennt sie „ein Kind der Wende“. Noch 1990 sollte ihr Mann zur NVA eingezogen werden: der Anlass, dem Osten den Rücken zu kehren.

Bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzfindung half ein Wessi-Onkel aus Karlsruhe. 1992 machten sich Guders selbstständig und eröffneten einen Estrichbetrieb.

Sabine Guder Foto: Werner Schmidhuber

„Wir haben uns richtig entschieden. Ja, wir sind froh, beide Systeme kennengelernt zu haben. Leider sehen sich viele in Ostdeutschland als Verlierer. Aber sie kennen die Diktatur nicht mehr, nicht die Unfreiheit, wollen sich nicht mehr daran erinnern.“

Die junge Frau galt den Kommunisten als „politisch unzuverlässig“ und musste die angestrebte Berufsausbildung abbrechen. Doch alle Schwierigkeiten machten sie im Leben mutiger und kämpferischer, stellt sie heute fest. „Wir haben hier in der neuen Heimat viele gute Freunde gefunden.“

Sylvia Knetsch Foto: privat

1989 hat sie an den Montagsdemos teilgenommen und Widerstand geleistet, ihr Bruder saß aus politischen Gründen im Gefängnis: Sylvia Knetsc h , jetzt in Hambrücken sesshaft und Trainerin beim TV Oberhausen, aufgewachsen in der Nähe von Zwickau. Schuld an der Unzufriedenheit gibt sie vor allem der „Treuhand“, die rücksichtslos alles verscherbelt habe.

Änderungsbedarf sieht sie in dem noch ungerechten Lohngefüge zwischen West und Ost. „Besonders ärgere ich mich, dass Rechtsradikale aus dem vorhandenen Frust Kapital schlagen. Leider gibt es zu viele dumme Leute, die denen auf den Leim gehen“, so die 59-jährige Bewegungstherapeutin.

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