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Kleiner Steg wird wohl nicht ersetzt

Wo ist die Brücke über den Kraichbach geblieben?

Bis Juli war die Brücke am Kraichbach bei Kislau noch da. Jetzt ist sie weg und wird von Kronauern und Mingolsheimern schmerzlich vermisst. BNN-Leserin Jutta Rudloff hat viele Fragen. Die erste Spur führt ins Regierungspräsidium.

Nostalgische Stimmung: Jutta Rudloff und ihr Hund Flash vermissen den Steg über den Kraichbach, von dem seit Juli nur noch die Trampelpfade auf Mingolsheimer und Kronauer Seite zeugen. Foto: Petra Steinmann-Plücker

Von unserer Mitarbeiterin Petra Steinmann-Plücker

Sie sei fleißig genutzt worden, und das sowohl von Mingolsheimer als auch von Kronauer Seite. „Doch im Juli diesen Jahres war sie einfach weg“ – die kleine, schmale Brücke aus Metall, die Fußgängern mit und ohne Hund die Überquerung des Kraichbachs in der Nähe der Justizvollzugsanstalt (JVA) Kislau ermöglichte. Jutta Rudloff aus Mingolsheim wendet sich an die BNN-Redaktion, um etwas über das Schicksal des eisernen Stegs zu erfahren, von dem jetzt lediglich die Trampelpfade auf beiden Seiten zeugen.

Leserin Rudloff wohnt in der Nähe des Bahnhofs Bad Schönborn/Kronau, und sie stellt eine ganze Reihe Fragen, über die sie auch mit Bürgern „hüben wie drüben“ schon gerätselt habe: „Warum wurde die Brücke entfernt? Von wem? Wann kommt eine neue? Wem gehört diese Brücke? Wer hat sie erbaut? Zu welchem Zweck? Wie alt war die Brücke? War sie wirklich schon 100 Jahre alt?“

Ein Anruf beim Bauamt der Gemeinde Bad Schönborn erhellt zunächst die Verantwortlichkeit: Der Kraichbach fällt als Gewässer erster Ordnung in den Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe. Von dort ist zu erfahren: „Der Steg war in einem sehr schlechten Zustand und nicht mehr verkehrssicher.

Da der Steg nicht zum Hochwasserschutz und zur Gewässerunterhaltung gebraucht wird und weder die Gemeinden noch die JVA auf Nachfrage ein Interesse an ihm bekundet haben, wurde dieser entfernt.“ Aus dieser Aussage ist abzuleiten, dass es wohl keinen Ersatz geben wird. Der Abriss fand in der Woche 28, also Anfang Juli, durch den Landesbetrieb Gewässer im RP Karlsruhe statt, die Gemeindeverwaltungen und die JVA waren kurz vorher darüber informiert worden.

Brücke über 100 Jahre alt

So viel zu den nackten Fakten. Just zum Zeitpunkt der BNN-Recherche hält sich Marc Ryszkowski, Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege Stuttgart, in anderer Sache in Kronau auf. Die fehlende Brücke, vor allem aber die Frage nach Herkunft und Alter weckt sein Interesse. Anhand von frühen Luftbildern von Kislau, vermutlich zwischen 1913 und 1919 entstanden, findet er heraus: eine Brücke ist genau an der Stelle zu sehen, und es sei nicht unwahrscheinlich, „dass diese schon vor dem Zeitpunkt der Luftaufnahmen vorhanden war“. Er kommt zu dem Schluss: „Eine Brücke ist jedenfalls für diese Stelle seit mehr als 100 Jahren belegbar“.

Nicht 100, aber 60 Jahre zurück erinnert sich der Mingolsheimer Albert Schanzenbach, dass er mit seinen Freunden damals als zehnjähriger Bub „an der Kraichbach“ mit selbstgebastelten Angeln und aus Mutters Nähkorb „geliehenen“, zurechtgebogenen Nadeln als Haken auf Fischfang gewesen sei – auf der Kronauer Seite natürlich, heimlich über den Steg geschlichen, „weil auf unserer Seite haben wir uns nicht getraut“. Außerdem habe man sich am Kraichbach als „Oder-Neiße-Linie“ zwischen Kronauer und Mingolsheimer Jungs verabredete „Schlammschlachten“ geliefert und den Übergang verteidigt.

Auch Theo Ritschel aus Kronau, geboren 1938, sagt: „Übers Brückle bin ich schon drüber gelaufen, als ich fünf war, und rostig war es in meiner Jugend schon“. Wie zahlreiche Fußgänger aus Mingolsheim und Kronau vermisst Jutta Rudloff den Steg, der sie sonntagsmorgens von Mingolsheim nach Kronau zum Brötchenholen geführt und den sie oft beim Spaziergang mit ihrem Australian Shephard-Rüden „Flash“ genutzt hat. Sie bedauert sehr, dass dieses eiserne historische Zeugnis so sang- und klanglos verschwunden ist und wohl auch nicht wieder hergestellt wird.

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