Großartig ist die Aussicht aufs Rheintal und die Höhen des Nordschwarzwalds, die Ausflügler auf Burg Alt-Eberstein in Baden-Baden genießen. Traurig hingegen ist das Frauenschicksal, das mit der Ruine verbunden ist. | Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Achim Mende

Ausflugsziel mit Vergangenheit

Die Gefangene der Burg Alt-Eberstein

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Weit schweift der Blick vom Bergfried auf die Schwarzwaldhöhen und über die Rheinebene bis zu den Vogesen. Für die wunderbare Fernsicht ist die auf 489 Meter Höhe gelegene Burg Alt-Eberstein bekannt.

Viele Besucher glauben zudem, hier oben den Atem der Geschichte zu spüren. Sie empfinden die Ruine, die über dem Baden-Badener Stadtteil Ebersteinburg thront, als „wildromantisch“ – ein Eindruck, den Moose und Sträucher in dem alten Gemäuer noch verstärken.

Ob Agnes von Baden im 15. Jahrhundert auch nur zeitweise die Gefühle heutiger Ausflügler geteilt hat? Die Dame verbrachte fast 40 Jahre auf Burg Alt-Eberstein – gegen ihren Willen. Mit Fernblick, aber ohne jede Aussicht, die trutzigen Mauern jemals wieder verlassen zu können. Gefangen gehalten wurde sie vom eigenen Bruder.

Eine Frau sorgt für Gerede

Das Schicksal der Agnes von Baden: Was diese Frau erlebte, ehe man sie in Alt-Eberstein einsperrte, mutet aus heutiger Sicht grotesk an. Im Spätmittelalter sorgte ihr Fall für reichlich Gesprächsstoff – weit über die Orte des Geschehens hinaus.

Dabei deutete zunächst nichts auf die bevorstehenden Turbulenzen hin, als in Ettlingen die Eheverträge für die Adelige ausgehandelt wurden. Markgraf Jakob I. hatte für seine Schwester eine Heirat arrangiert. Diese solle die 24-Jährige weit von ihrer badischen Heimat wegführen. Herzog Gerhard VII. von Schleswig war der Auserwählte.

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Die verschobene Hochzeitsnacht

Die Braut fügte sich in die Pläne ihres Bruders und machte sich alsbald auf den Weg nach Norden. Im holsteinischen Neumünster wurden Anfang Juni 1432 die Heiratsurkunden ausgefertigt. Ein Krieg gegen Dänemark erforderte allerdings eine rasche Abreise des jungen Ehemannes.

Daher wurde die offizielle Hochzeitsnacht samt den damit verbundenen Zeremonien erst einmal verschoben. Sie fand dann Anfang Oktober in Schloss Gottorf bei Schleswig statt.

Der „Zwillingssturz von Gottorf“

Gut drei Monate später stürzte die schwangere Herzogin, vermutlich von einer Treppe. Darauf setzten die Wehen ein – und Agnes brachte ein gesundes Zwillingspärchen zur Welt. „Drei-Monats-Kinder“, die lebensfähig waren? Die Gerüchteküche brodelte. Alles deutete ja darauf hin, dass die Badenerin dem Herzog Kuckuckskinder unterschieben wollte. Und da es in einer Dynastie immer um Erb- und Nachfolgefragen ging, handelte es sich um ein Politikum ersten Ranges.

Vom Ehemann „heimlich beschlafen“

Der „Zwillingssturz von Gottorf“ war ein Skandal ohnegleichen. Allerdings einer, an dem Herzog Gerhard selbst offenbar einigen Anteil hatte. Jedenfalls berief er eine Versammlung der geistlichen und weltlichen Würdenträger seines Landes sowie von Vertretern der Hansestädte Hamburg und Lübeck ein.

Diesem Publikum offenbarte Gerhard, dass er Agnes gegen den Brauch „heimlich beschlafen“ habe – und zwar unmittelbar, nachdem sie ihm angetraut wurde. Also schon im Juni. Einige Ritter bestätigten, dass der Herzog mit ihnen über seine heimlichen sexuellen Erlebnisse mit der eigenen Gemahlin geplaudert habe.

Dass Sieben-Monats-Kinder lebensfähig waren, mochte ja angehen. Die „Echtheitserklärung“ der Zwillinge wurde schriftlich festgehalten und besiegelt. Damit nahm das Gerede vorerst ein Ende.

Herzog Gerhard stirbt

Agnes’ Glück währte indes nicht lange. Denn Herzog Gerhard erkrankte schwer. Seine Frau überredete den Patienten, mit ihr in ihre Heimat zu reisen, wo die heilenden Wasser von Baden-Baden ihm Erleichterung bringen mochten. Doch Herzog Gerhard erreichte sein Ziel nicht, er starb in Emmerich.

Agnes kehrte sofort nach Schleswig zurück, um ihre Rechte und die ihrer Kinder geltend zu machen. Doch der Bruder des Verstorbenen, Herzog Adolf VIII., verweigerte ihr die Einreise – und den Kontakt zu den Zwillingen. Dabei wollte Adolf von der Echtheitserklärung für die Kinder jetzt nichts mehr wissen.

Auch die vertraglich vereinbarte Witwenversorgung sollte die Mutter der „Bastarde“ nicht erhalten. Von Hamburg und Lübeck aus flehte Agnes den badischen Markgrafen in mehreren Briefen an, seiner „armen, elenden Schwester“ beizustehen.

Agnes verliert den Kopf

Markgraf Jakob bemühte sich redlich. Er wandte sich an den Kaiser und sorgte dafür, dass sich auch die Hansestädte mit dem Fall der Herzogin Agnes befassten. Alles in allem sah es gar nicht so schlecht für sie aus. Nicht wirklich auskömmlich war jedoch die finanzielle Unterstützung, die Markgraf Jakob seiner Schwester zukommen ließ.

Agnes verlor den Kopf. Sie machte sich auf den Weg in Richtung Süden. Damit verärgerte sie ihren Bruder schwer. Denn Jakob sah durch die Heimkehr der Witwe seine Position im Streit mit Herzog Adolf geschwächt. Ein neues Heiratsprojekt sollte die Situation retten.

… und wieder ein Skandal

Diesmal wollte Markgraf Jakob seine Schwester an den Herzog von Schlesien-Oels verschachern. Doch Agnes weigerte sich. Schlimmer noch – sie verlobte sich mit einem verarmten Adeligen aus dem Hegau, den sie aus ihrer Jugendzeit kannte.

Wieder war Agnes von Baden „das“ Gesprächsthema. War sie mit ihren Geliebten vielleicht schon vor ihrer Hochzeit mit Herzog Gerhard enger vertraut gewesen, als dies die Schicklichkeit zuließ? Der neuerliche Skandal und der Ungehorsam seiner Schwester erbosten Markgraf Jakob so, dass er Agnes auf Alt-Eberstein einsperren ließ. Die Burg war seit dem 13. Jahrhundert im Besitz seiner Familie.

Endstation Alt-Eberstein

Ihre Kinder hat die Gefangene von Alt-Eberstein nicht wiedergesehen. Das Mädchen starb hinter Klostermauern, der Junge soll beim Spielen ertrunken sein. Vielleicht hat ihn aber auch, wie es eine niederdeutsche Chronik berichtet, Herzog Adolf von Schleswig umbringen lassen.

Zur Versöhnung von Agnes mit ihrem Bruder Jakob kam es nie. Obwohl der Kaiser selbst und auch das Konzil von Basel den Markgrafen zur Nachsicht aufriefen, blieb er hart. Ja, er legte sogar in seinem Testament fest, dass Agnes auch nach seinem Tod nicht freigelassen werden dürfe.

Zum Schluss konnte sie sich nicht einmal mehr an dem Panorama-Blick erfreuen, der heute Ausflügler begeistert. Erblindet starb Agnes nach fast 40 Jahren auf Alt-Eberstein im Jahr 1473.

Die Burg Alt-Eberstein thront auf einer „Felsnase“ über dem Baden-Badener Stadtteil Ebersteinburg. Die Ruine ist auf eigene Gefahr kostenlos zugänglich. Vom 18 Meter hohen Bergfried hat man eine schöne Aussicht auf das Rheintal und die Höhen des Nordschwarzwalds bis zur Hornisgrinde. Weitere Infos zur Burg Alt-Eberstein gibt es bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg.

Ebersteinburg-Rundweg: Ein Besuch der Burgruine Alt-Eberstein lässt sich gut mit einer Wanderung verbinden. Elf Kilometer lang ist etwa der abwechslungsreiche Ebersteinburg-Rundweg, der auch an der Ruine des Alten Schlosses vorbeiführt. Die reine Wegzeit beträgt gut drei Stunden. Hier geht es zur Wegbeschreibung.