Die Doppelhäuser in der Dr. Georg-Schaeffler-Straße im Industriegebiet Nord wurden mit einfachen Mitteln erbaut, haben aber schöne Gärten. | Foto: Ulrich Coenen

14 Doppelhaushälften

Die Stadt Bühl will Sozialwohnungen abreißen

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Alle Mieter sind fassungslos. Vor einigen Wochen erhielten sie völlig überraschend Post von der Stadt Bühl. In nur zwei kurzen Sätzen wurde ihnen mitgeteilt, dass die Kommune die im städtischen Besitz befindlichen Häuser in der Dr.-Georg-Schaeffler-Straße verkaufen will.

„Wir müssen raus“

Bei der Mieterversammlung am 21. Februar, zu der die Verwaltung in den Friedrichsbau eingeladen hatte, bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen. „Wir sollen raus“, berichtete eine der beiden Mieterinnen, die sich jetzt an die Redaktion dieser Zeitung gewandt haben. „Im Laufe des nächsten Jahres sollen wir die Häuser verlassen.“

Sozialwohnungen

Insgesamt sind es 14 Doppelhaushälften mit Sozialwohnungen zu beiden Seiten der Dr.-Georg-Schaeffler-Straße, die um 1950 gebaut wurden. Eine komplette Häuserreihe wurde bereits vor zwei Jahrzehnten für einen Lkw-Parkplatz abgerissen. „Die Gebäude sind alt, aber in einem ordentlichen Zustand“, berichtet die Mieterin, die seit 2008 dort wohnt. „Vor allem die Gärten sind sehr schön.“ Einige Bewohner haben diese mit großem Aufwand gestaltet. Mit Gartenteichen und schönen Bepflanzungen wurden wertvolle Biotope geschaffen.

In Biotope haben alteingesessene Mieter ihre Gärten verwandelt. Sie wollen nicht ausziehen. | Foto: Ulrich Coenen

Mieter schon lange da

„Ich wohne bereits seit 27 Jahren hier“, sagt eine andere Mieterin. „Wir haben viel Geld investiert.“ Mit 73 Jahren möchte die Frau nicht mehr umziehen. „Ich finde es nicht richtig, dass die Stadt den Menschen ihren langjährigen Wohnraum wegnehmen will.“ Viele Bewohner könnten die Mieten, die in Bühl auf dem freien Markt verlangt würden, nicht zahlen. Außerdem böten Wohnungen weniger Platz für Kinder und Haustiere als die Doppelhaushälften in der Dr.-Georg-Schaeffler-Straße mit ihren Gärten. „Wir werden uns gegen die Kündigung wehren“, berichtet ihre Nachbarin.

Mieter, Obdachlose und Flüchtlinge

Die Stadt scheint fest entschlossen, ernst zu machen. „Wir haben auf der Mieterversammlung mitgeteilt, dass wir demnächst die Kündigungen verschicken werden“, erklärt Matthias Buschert, Pressesprecher der Stadt Bühl, auf Anfrage dieser Zeitung. „Die Bewohner sollen Mitte bis Ende 2020 ausziehen.“
Die Hälfte der Menschen, die in der Dr.-Georg-Schaeffler-Straße wohnen, haben einen ordentlichen Mietvertrag mit der Stadt, bei der anderen Hälfte handelt es sich um Obdachlose und Flüchtlinge, die dort eingewiesen wurden. „Wir werden versuchen, die Leute in anderen Wohnungen unterzubringen und werden bei der Suche behilflich sein“, verspricht Buschert.

Preiswerter Siedlungbau

Was mit den Doppelhaushälften, die typische Beispiele für den preiswerten Siedlungsbau der Nachkriegszeit sind, geschehen soll, ist nach Auskunft des Pressesprechers noch nicht abschließend entschieden. Die Gebäude wurden in den Jahren nach ihrer Fertigstellung mehr und mehr vom großen Industriegebiet Nord umschlossen. Buschert spricht von „ungesunden Wohnverhältnissen“, die man eigentlich niemandem zumuten könne. Die Häuser seien von Unternehmen umgeben, die im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten würden.

Sanierungsbedarf ist unstrittig

Der Pressesprecher weist auf den Sanierungsbedarf der sieben Jahrzehnte alten Häuser hin. „Dafür wäre ein Millionenbetrag notwendig“, meint er. „Wir investieren aber lieber in Neubauten.“ Nun denkt man im Bühler Rathaus darüber nach, das Gelände der Doppelhaushälften nach dem Abriss einem dortigen Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

„Kein gesundes Leben möglich“

Auf Nachfrage räumt Matthias Buschert ein, dass der Abbruch von Wohnhäusern angesichts des großen Wohnungsmangels in Bühl ein „sensibles Thema“ sei. „Weitere Investitionen in diese Doppelhäuser machen aber keinen Sinn“, betont er. „Dort ist wegen der Nähe zum Industriegebiet kein störungsfreies und gesundes Leben möglich.“

Bewohner fühlen sich wohl

Das sehen die Bewohner offensichtlich anders. Sie fühlen sich wohl und wollen ihre Häuser nicht kampflos räumen. „Wir fühlen uns durch die Industrie in der Nachbarschaft überhaupt nicht belästigt“, sagt eine Bewohnerin beim Besuch des BNN-Reporters.

Ersatzwohnung an der Bahnlinie angeboten

Aktuell bietet die Stadt allen Mietern als Ersatz für das Wohnhaus mit Garten ein- und dieselbe Drei-Zimmer-Wohnung für 468 Euro Kaltmiete direkt an der lauten Bahnlinie an. Für die Doppelhaushälften mit Garten zahlen sie 316 Euro kalt. Bei notwendigen Sanierungsarbeiten würden die Mieter sogar selbst anpacken.

Kommentar zum Thema

Diese Entscheidung passt nicht in die Zeit. In Bühl explodieren Mieten und Wohnungspreise, viele Menschen finden in der Stadt überhaupt keinen bezahlbaren Wohnraum mehr. Vor diesem Hintergrund darf eine Kommune nicht mehr als ein Dutzend Häuser im öffentlichen Eigentum abreißen, die preiswerten Wohnraum bieten und in denen die Menschen offensichtlich glücklich und zufrieden leben.
Damit konterkariert die Stadt alle ihre bisherigen Bemühungen. Noch im November hat der Gemeinderat bekanntlich ein aufwendiges Vier-Säulen-Programm beschlossen, um den Wohnungsmangel in allen Preissegmenten zu bekämpfen.
Doch damit nicht genug: Gemeinsam mit der Architektenkammer hat die Stadt gerade eine Veranstaltung zum Thema Wohnungsbau im Friedrichsbau durchgeführt. Fred Gresens, Kammervorsitzender Südbaden, hat mehr oder weniger eine hemmungslose Nachverdichtung gefordert, um die Wohnungsnot zu lindern.
Und jetzt das! Die Stadt will 14 Wohnhäuser abreißen, um ein Industriegebiet um einige Quadratmeter zu erweitern. Natürlich sind die Häuser alt, und es besteht erheblicher Sanierungsbedarf. Die von der Stadt genannte Millionensumme scheint aber im Hinblick auf immerhin 14 Wohnhäuser darstellbar, wenn man bedenkt, dass der keineswegs riesige Neubau in der Bergermühlsiedlung rund zwei Millionen Euro verschlingt.
Selbstverständlich handelt es sich bei den Doppelhäusern im Industriegebiet nicht um Luxuswohnungen, sondern um Siedlungsbau aus der Nachkriegszeit. Der wurde damals preiswert errichtet und ist inzwischen in die Jahre gekommen. Die Energiebilanz ist schlecht, und auch sonst besteht Sanierungsbedarf. Die Häuser der alteingesessenen Mieter machen aber einen sauberen Eindruck. Abrissreif sind angesichts der Wohnungsnot diese Gebäude sicher nicht.
Die Verwaltung sollte ihre kaum zu vermittelnde Entscheidung dringend überprüfen. Auch der Gemeinderat muss sich des Themas annehmen, wenn das beschlossene Vier-Säulen-Modell nicht zum Lippenbekenntnis verkommen soll. Eine Kommune muss nicht jeden Wunsch von Gewerbesteuerzahlern nach Erweiterungsfläche erfüllen, wenn dadurch dringend benötigter Wohnraum vernichtet wird.