Mit zwei Rädern auf dem Gehweg: Weil das nicht erlaubt ist, wiesen Kinder vom Kinderhaus Sonnenschein mit einem Flyer auf den Verstoß hin.
Mit zwei Rädern auf dem Gehweg: Weil das nicht erlaubt ist, wiesen Kinder vom Kinderhaus Sonnenschein mit einem Flyer auf den Verstoß hin. | Foto: Lienhard

Verkehr

Falschparken auf Gehwegen ist die Regel – Aktionstag in Bühl

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Sie wissen schon einiges von dem, was im Straßenverkehr wichtig ist, die sieben Kinder und Mädchen aus dem Kinderhaus Sonnenschein im Bühler Wasserbett. Im Stuhlkreis, in den sich auch Bürgermeister Wolfgang Jokerst und eine Mitarbeiterin des Ordnungsamts eingereiht haben, zählen die Kinder, die im kommenden Jahr eingeschult werden, es auf: „Man muss sich immer anschnallen“, „man muss auf der richtigen Spur fahren“, „bei Rot muss man anhalten“.

Wolfgang Jokerst verteilt Lob und lenkt das Thema weg von fahrenden auf parkende Autos. Allzu oft werden sie auf Gehwegen abgestellt, verhindern so mitunter das Durchkommen und zwingen Fußgänger etwa mit Kinderwagen oder Rollator auf die Straße.

Auch für Kinder sind die die Sicht versperrenden Autos ein Problem, wie Erzieherin Nicole Hischmann weiß. Gerade wenn es mal eilig sei, bleibe oft nichts anderes übrig, als sich von Autofahrern über die Straße winken zu lassen: „Dabei sollen wir genau das nicht machen, sagt die Verkehrspolizei immer wieder. Aber manchmal geht es angesichts des Verkehrs nicht anders.“

Um für das Thema zu sensibilisieren, setzt die Stadt gemeinsam mit den Nachbargemeinden Bühlertal, Ottersweier und Lichtenau auf eine Aufklärungsaktion. Unter dem Motto „Gehwegparken ist kein Kavaliersdelikt“ wurde am Donnerstagmorgen auf die Folgen hingewiesen: „Vor allem Kinder auf dem Fahrrad sind darauf angewiesen, dass sie die Gehwege in voller Breite nutzen können“, heißt es vom Bühler Ordnungsamt.

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Ordnungsamt: Auf dem Gehweg darf generell nicht geparkt werden

„Die Auffassung, dass es genügt, beim Parken eine Kinderwagenbreite frei zu lassen, ist falsch. Auf dem Gehweg darf generell nicht geparkt werden, auch wenn er sehr breit ist.“ Was erlaubt ist und was nicht, ist auf Flyern abgebildet.

Der Stapel, den die Mitarbeiterin des Ordnungsamts dabei hat, wird rasch kleiner, denn in der Straße „Im Grün“ muss an zahlreichen Autos ein Exemplar hinter den Scheibenwischer geklemmt werden, denn: „Es ist auch nicht erlaubt, auch wenn man nur mit Rädern auf dem Gehweg steht“, sagt die Mitarbeiterin des Ordnungsamts.

Neues Verkehrskonzept soll 2020 erarbeitet werden

Das aber ist an diesem Morgen eher die Regel als die Ausnahme. Eine Anwohnerin, die gerade zum Fahrzeug kommt, wundert sich: „Das habe ich anders gelernt und auch immer wieder anders gehört.“ Sie regt aber auch weitere Maßnahmen an, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen: „Warum macht man hier nicht eine Einbahnstraße? Eine Ringstraße wäre hier kein Problem.“

Wolfgang Jokerst verweist auf das Verkehrskonzept, das im kommenden Jahr erarbeitet werden soll, und da könne man solche Anregungen aufnehmen: „Ich glaube, wir haben einige Straßen in der Stadt, wo wir das so machen könnten.“

Knöllchen in Höhe von 20 bis 35 Euro

Die Kinder ziehen weiter auf dem Weg, den sie im kommenden Jahr zur Aloys-Schreiber-Schule nehmen, und erkennen rasch, welches Auto nicht den Vorschriften entsprechend abgestellt worden ist. Am Ende sind viele Flyer verteilt.

Noch ist es bei einem Hinweis geblieben – beim nächsten Mal drohen dann „Knöllchen“, je nach Behinderungsgrad zwischen 20 und 35 Euro. „In Frankreich ist es teurer“, sagt die Mitarbeiterin des Ordnungsamts, als ein Flyer an ein Fahrzeug aus dem Nachbarland geklemmt wird – Ausnahmen werden nicht gemacht.

KOMMENTAR: VERSUCH MACHT SCHLAU                                                                                                       Putzig anzusehen war es, wie Kindergartenkinder Flyer unter die Scheibenwischer falsch geparkter Autos klemmten. Der Hintergrund der Aktion war indes sehr ernst, denn im Zweifel geht es auch um das Leben der Kleinen. Falsch geparkte Autos versperren ihnen die Sicht, und nicht jedes Kind weiß schon, worauf es auf der Straße zu achten hat. Deshalb war die Aktion „Gehwegparken ist kein Kavaliersdelikt“ nicht nur begrüßenswert, sondern vor allem: überfällig.
Fußgänger, gar mit Kinderwagen oder Rollator, kennen das Problem ebenso wie Radfahrer: Gehwege und Radwege werden Tag für Tag rücksichtslos zugeparkt, als Ausweg bleibt nur die Straße. Das ist keineswegs nur in Bühl, Bühlertal, Ottersweier und Lichtenau so, weshalb die Aktion gerne auch andernorts stattfinden darf, sei es in Sinzheim oder Achern. Welche Nachhaltigkeit sie entwickelt, steht auf einem anderen Papier, aber nur der Versuch macht schlau. Mag sein, dass der oft gehörte Spruch zutrifft, wonach der Weg zur Vernunft nur über den Geldbeutel führt. Sinnigerweise hat das Verkehrsministerium in Berlin gerade in dieser Woche verkündet, dass die Knöllchen teurer werden sollen. Es wird immer noch zu wenig sein, sagen Kritiker schon. Tatsächlich sind die deutschen Beträge im europäischen Vergleich lächerlich niedrig: Die Höchstgrenze in Deutschland entspricht in anderen Ländern der untersten Stufe.
Auch wenn überführte Sünder gerne über Abzocke klagen, und auch wenn aus den jetzt verteilten Flyern echte Knöllchen werden: Das Geld spielt hier nur die zweite Geige. Es geht um die Sicherheit, nicht nur der jüngsten Verkehrsteilnehmer. Gerade deshalb sind auch die Kommunen gefordert. Mit einer intelligenten Verkehrsplanung können sie manche Gefahren verhindern, bevor sie entstehen; anders als in früheren Jahrzehnten kann es dabei aber nicht sein, dass die Planung komplett auf die Bedürfnisse von Autofahrern ausgerichtet wird. Vor der Verkehrsplanung sollten alle gleich sein.