Die neue Frankfurter Altstadt wurde im vergangenen Jahr eröffnet. Die Nachbauten der im Krieg untergegangen Altstadt wurden aus dem Nichts neu geschaffen. Stephan Trüby kritisiert die Rekonstruktion heftig. | Foto: Ulrich Coenen

Vortrag bei Architekturtagen

Stephan Trüby: „Rekonstruktionsarchitektur als Schlüsselmedium der Rechten“

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Stephan Trüby ist einer der renommiertesten Architekturtheoretiker in Deutschland. Im Rahmen der trinationalen Architekturtage am Oberrhein kommt der Professor an der Universität Stuttgart am 1. Oktober für einen Vortrag nach Bühl. Mit seiner Forschung zum Thema Rechte Räume hat der Direktor des Instituts für Grundlagen Moderner Architektur bundesweit für Furore gesorgt. 

Anfeindungen und blanker Hass

Seit einem Zeitungsartikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist für Stephan Trüby vieles anders. Der Stuttgarter Professor für Architekturtheorie und Direktor des Instituts für Grundlagen Moderner Architektur und Entwerfen an der dortigen Universität hat am 8. April 2018 einen Beitrag mit der Überschrift „Wir haben das Haus am rechten Fleck“ verfasst und damit eine Diskussion über Architektur und Politik entfacht, wie es sie in Deutschland lange nicht gegeben hat.

Doch nicht nur in der Öffentlichkeit schlugen die Wogen hoch. Trüby musste in der Folge mit zahlreichen Anfeindungen und anonymen Drohungen leben. Vor allem in den sozialen Netzwerken im Internet schlug ihm oft blanker Hass entgegen.

Stephan Trüby ist Professor für Architekturtheorie an der Universität Stuttgart. | Foto: Andreas Heddergott

Neue Altstadt aus dem Nichts

Trüby hat sich in seinem Artikel mit der Neuen Frankfurter Altstadt beschäftigt. Das rund 7.000 Quadratmeter große Quartier wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und ab 2012 in historischen Formen aus dem Nichts wieder aufgebaut. Das hoch umstrittene Viertel, das von den einen gefeiert und von anderen als Disneyland verspottet wird, wurde im 9. Mai 2018 der Öffentlichkeit übergeben. Trübys Urteil ist vernichtend.

Vor allem weist er in seinem Beitrag auf rechtsradikale Initiatoren dieser Rekonstruktion hin, nach dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses und der gerade begonnenen Rekonstruktion der Garnisonskirche in Potsdam das dritte große Projekt dieser Art in der Bundesrepublik. „Die Rekonstruktionsarchitektur entwickelt sich in Deutschland derzeit zu einem Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“, urteilt Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Trinationale Architekturtage am Oberrhein

Im Rahmen der trinationalen Architekturtage am Oberrhein, die in jedem Jahr mit rund 200 Veranstaltungen in Baden, dem Elsass und Basel 50.000 Besucher anziehen, kommt der debattenfreudige Professor am Dienstag, 1. Oktober, zu einem Vortrag nach Bühl. Er wird um 18.30 Uhr in der Volksbank über „Moderne – Postmoderne – Altermoderne“ referieren. Der Vortrag wurde durch einen Kontakt dieser Zeitung vermittelt.

Wunsch der Menschen nach Stabilität

Im BNN-Interview weist Trüby ausdrücklich darauf hin, dass er selbstverständlich den allerwenigsten Befürwortern von Rekonstruktionen rechtsradikale Tendenzen unterstellt. Als Grund für die wachsende Zahl der Neuschöpfung von im Krieg untergegangenen Bauwerken sieht er den durchaus nachvollziehbaren Wunsch vieler Menschen in einer globalisierten Welt nach Stabilität. „Rekonstruierte Altstädte stehen für den Wunsch nach Sicherheit in unsicheren Zeiten, in denen die Digitale Revolution die Welt fundamental verändert“, sagt er.

Rechte Räume

Mit dem am 29. Mai erschienenen Heft der Architektur-Zeitschrift Arch+ „Rechte Räume – Bericht einer Europareise“ hat Stephan Trüby seine Kritik erweitert. Gemeinsam mit dem Team seines Uni-Instituts fungiert er als Herausgeber dieser speziellen Ausgabe, die wie eine Bombe einschlug und längst vergriffen ist. In drei Dutzend Beiträgen machen sich die Autoren in ganz Europa auf die Suche nach Rechten Räumen.

Dabei entdecken sie nicht nur offensichtliche wie das Franco-Mausoleum in Spanien, sondern auch den Walter-Benjamin-Platz in Berlin, der von Hans Kollhoff geplant wurde und auf dem sich im Pflasterbelag ein Zitat des faschistischen Dichters Ezra Pound befindet. „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein“, heißt es. Der antisemitische Gehalt dieser Zeile wird klar, wenn man weiß, dass „Usura” das italienische Wort für „Wucher” ist und bei Pound ein Synonym für angeblich „zinstreibendes Judentum” war.

Trüby polarisiert bewusst

Stephan Trüby polarisiert, und er tut es bewusst. „Eine kontroverse, von guten Argumenten getragene Architekturdebatte fehlt in Deutschland seit langem“, meint er – und verweist auf Großbritannien, wo sich der Thronfolger Charles in einer Dauerfehde mit der zeitgenössischen Architektur befindet und angegriffene Architekten wie Norman Foster, Richard Rogers, Zaha Hadid und David Chipperfield sich klar positionieren mussten – mit internationalem Erfolg.

Diese Kultur des öffentlichen Diskurses wünscht sich Trüby auch in der Bundesrepublik. Nicht zuletzt deshalb ist sein Vortrag in Bühl nicht nur für Architekturfans, sondern für jeden politisch interessierten Menschen Pflicht.

Kostenlose Kartenreservierung

Vorträge zur Architektur sind in Bühl beliebt. Dass hat sich im vergangenen Sommer beim Vortrag von Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), über Erwin von Steinbach gezeigt, als knapp 190 Besucher den Friedrichsbau geradezu stürmten. Nur wer reserviert hatte, fand einen Platz.

Auch beim Vortrag von Professor Stephan Trüby von der Universität Stuttgart am 1. Oktober um 18.30 Uhr in der Schalterhalle der Volksbank Bühl dürfte das Interesse groß sein, zumal der Eintritt dank der Unterstützung durch das Kreditinstitut frei ist. Im Anschluss an den Vortrag „Moderne – Postmoderne – Altermoderne“ steht Trüby für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung. Danach lädt das Kreditinstitut die Gäste zu einem Sektempfang.

Kontakt für Bestellungen

Die Volksbank nimmt ab sofort Reservierungen auf verschiedenen Wegen entgegen. Möglich ist dies auf ihrer Homepage unter www.volksbank-buehl.de/anmeldung. Alternativ können sich Interessierte telefonisch unter (07223) 9851216 oder per E-Mail unter pf-marketing@volksbank-buehl.de anmelden.