Wer „Wolf“ hört, denkt vermutlich schnell an GW852m – den Grauwolf, der vor rund zwei Jahren aus Niedersachsen in den Nordschwarzwald eingewandert ist. | Foto: Patrick Pleul/dpa

Vortrag

Wildbiologe auf dem Kaltenbronn: Der Mensch muss sich mit Wölfen arrangieren

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Wer „Wolf“ hört, denkt vermutlich schnell an GW852m – den Grauwolf, der vor rund zwei Jahren aus Niedersachsen in den Nordschwarzwald eingewandert ist. Traurige Bekanntheit hat er im April 2018 erlangt, als er in Bad Wildbad 44 Schafe riss. Erst vor wenigen Tagen sind dort sieben weitere Schafe gerissen worden. Ob ein Wolf sie angefallen hat, ist noch unklar.

Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt hat DNA-Spuren gesammelt, die nun analysiert werden. Und nun? Wird die bekannte Zeile „Wer hat Angst vorm bösen Wolf“ wieder bitterer Ernst? Peter Sürth glaubt das nicht.

Die Prognose des Wildbiologen ist zwar bei seinem Vortrag im Infozentrum Kaltenbronn ganz eindeutig: Wölfe werden auf lange Sicht in Deutschland Revier an Revier leben. Doch „langfristig werden wir lernen, damit zu leben“.

Junge Einzeltiere ziehen bereits von der Elbe her gen Süden und wandern von Italien über die Schweiz nordwärts. Sie suchen einen Partner, um ein Rudel zu gründen, und ein Territorium, 150 bis 300 Quadratkilometer groß.

Hinweise auf zweiten Wolf im Schwarzwald

Es gibt reichlich Gebiete, die geeignet und unbesetzt sind. Der Rüde GW852m hat den Nordschwarzwald erkoren. Sichtungen im Südschwarzwald deuten darauf hin, dass sich auch dort ein Wolf niederlässt.

Der Wildbiologe Peter Sürth ist als Referent, Expeditionsleiter und Autor tätig. Er hat unter anderem Teile einer Broschüre des WWF (World Wide Fund For Nature) verfasst, die über das Zusammenleben mit Wölfen informiert. Ferner ist er Mitglied in der Arbeitsgruppe Luchs & Wolf Baden-Württemberg.
Peter Sürth vertritt den Standpunkt, dass Menschen lernen müssen, sich einen Lebensraum mit Wildtieren zu teilen.
2004 hat er die Arbeit an seinem Projekt „Der Weg der Wölfe“ aufgenommen. Ziel ist es, die Perspektive der Tiere besser zu verstehen: Wie sie ihren Lebensraum wahrnehmen und wie sie sich darin verhalten, wo Hindernisse und Reize liegen. Dabei will er auch Konfliktquellen zwischen Mensch und Wolf identifizieren. Er erwandert dafür verschiedene Gebiete. Interessierte können ihn begleiten. Sein nächstes Exkursionsziel für den Sommer ist Spanien und Portugal.
Von 1996 bis 2003 hat er für die Wildbiologische Gesellschaft München und das Carpathian Large Carnivore Project in Rumänien Wölfe, Bären und Luchse erforscht.

Das beunruhigt besonders Viehhalter. Sie mussten schon lange keinen Wolfsschutz mehr gewährleisten. Ab den 1850er Jahren galt das Tier hierzulande als nahezu ausgerottet. Doch Sürth setzt darauf, dass Deutsche von den Rissen und von anderen Ländern lernen, worauf es beim Herdenschutz ankommt. Er geht davon aus, dass auch technische Hilfsmittel entwickelt werden.

Schutzmaßnahmen für Weidetiere sind ein großes Thema

Besonders wichtig findet er Lösungen, die den Jagdtrieb unterbrechen. Dringend empfiehlt er deshalb Elektrozäune, auch wenn sie aufwendig und schadensanfällig sind. „Wölfe springen nicht gerne“, sagt er. Wenn sie zuverlässig einen Stromschlag bekommen, sobald sie einen Durchschlupf suchen, dann lernen sie, sich von Zäunen fernzuhalten.

Auch Herdenschutzhunde könnten für manche Halter eine Option sein. Zusätzlich rät Sürth, die schwächsten Tiere – Kälber etwa – nachts in den Stall zu holen.

Das Risiko für den Menschen ist nicht null. Aber es ist sehr klein.

Wildbiologe Peter Sürth zum Zusammenleben mit Wölfen

Auch Spaziergänger und Radler könnte der Gedanke an einen Wolf im Gehölz schrecken. Peter Sürth sieht’s gelassen. „Das Risiko für den Menschen ist nicht null. Aber es ist sehr klein.“ Er verweist auf die rumänische Stadt Brasov, die mitten im Wolfsgebiet liegt. „Die Menschen gehen hier ganz normal Radfahren, wandern.“

Und das, obwohl die Tiere keineswegs scheu sind. „Alle Wölfe in Mitteleuropa sind Menschen gewöhnt, weil sie uns sehen, riechen und hören.“ Sie benutzen Wanderwege und Straßen, jagen in Weinbergen Hasen und Rehe, durchstreifen Siedlungen und Gärten.

Bettelnde Wölfe sieht der Experte als „Riesenproblem“

Vorsicht ist geboten, wenn ein Wolf Bettelverhalten zeigt – sprich: angefüttert worden ist und sich nun in bester Hundemanier um Snacks bemüht. Das sei ein „Riesenproblem“, sagt Sürth mit Nachdruck. „Der muss mindestens unter Beobachtung. Oder geschossen werden.“

Die Situation werde unberechenbar: Der Wolf könnte aufdringlich werden, und der Mensch aggressiv reagieren oder ihn streicheln wollen. Im schlimmsten Fall beißt das Wildtier zu.

Peter Sürth rät, ruhig und selbstbewusst zu zeigen: „Es gibt bei mir Nichts.“ Sollte der Wolf nicht locker lassen, empfiehlt er, sich langsam zu entfernen und eventuell Handtasche oder Rucksack abzulegen. Das lenkt neugierige Tiere ab. Sollte der Wolf folgen, raten Broschüren zur Einschüchterungs-Taktik: groß machen, anschreien, bewerfen. Der Vorfall sollte später unbedingt gemeldet werden.

Martin Hauser, der Wildtierbeauftragte im Kreis Rastatt, ist unter (0 70 85) 72 16 und (01 75) 2 23 26 98 erreichbar.

Der gemeinsame Lebensraum muss fair geteilt werden.

Wildbiologe Peter Sürth zur Herausforderung für die Zukunft

Die Herausforderung sieht Sürth langfristig darin: Der Wolf muss lernen, dass Menschen uninteressant sind – keine Gefahr, kein Futtergeber. Der Mensch wiederum muss lernen, Wölfe in Ruhe zu lassen und Konfliktpotenziale zu verringern.

Auf seiner Webseite „Der Weg der Wölfe“ macht Sürth seine Position ganz klar: „Der gemeinsame Lebensraum muss fair geteilt werden, auch mit den Wildtieren die uns stören, uns einschränken oder Geld kosten können.“

Flächendeckender Abschuss ist nicht zu erwarten

Ein Mann im Publikum hat da wenig Hoffnung: „Was den Menschen stört, wird abgeschossen.“ Doch Sürth hält eine politische Entscheidung, Wölfe flächendeckend zu töten, für unrealistisch. Dem stehen deutsche und europäische Schutzregelungen entgegen – und auch ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein für Tierschutz.

Es ist zwar schon jetzt möglich, einzelne Wölfe zu erschießen, wenn es keine anderen Schutzmaßnahmen gibt. Doch die Länderbehörden müssen jeden Abschuss genehmigen.