Zeitreise im historischen Depot: In dieser Wagenhalle an der Karlsruher Tullastraße können die Besucher an jedem zweiten Sonntag im Monat alte Bahnen erkunden. | Foto: jodo

Der Geist vergangener Zeiten

Besucher erkunden in Karlsruhe historische Straßenbahnen

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Wer sich auf eine Zeitreise in die Karlsruher Vergangenheit begeben möchte, ist hier genau richtig: Das historische Depot der Verkehrsbetriebe an der Tullastraße atmet den Geist vergangener Zeiten.

Die Straßenbahnen sind zum Teil über 100 Jahre, und an diesem Sonntag sind sie besonders herausgeputzt. Dafür gesorgt hat der Treffpunkt Schienennahverkehr Karlsruhe (TSNV), der sich die Pflege und den Erhalt der historischen Bahnen zum Ziel gesetzt hat. Bis Oktober können Interessierte an jedem zweiten Sonntag im Monat zwischen 13 und 18 Uhr in ein Stück Straßenbahngeschichte eintauchen.

Und die wird eindrucksvoll vermittelt – zum Beispiel von Christian Boden. Er ist eines von 250 Mitgliedern des TSNV. Sein Herz hat er bereits in seiner Kindheit an die Straßenbahnen verloren und weiß deswegen so einiges über sie zu berichten. „1843 gab es die ersten Schienen in Karlsruhe“, erzählt Boden seinen aufmerksamen Zuhörern. „Zu dieser Zeit wurde der Hauptbahnhof eröffnet – an der Stelle, an der heute das Badische Staatstheater steht.“ Damals verkehrte die Eisenbahn, später auch die Dampfbahn.

Mit der Pferdebahn zum Mühlburger Tor

1877 fuhren zudem die ersten Pferdekutschen vom Durlacher Tor zum Mühlburger Tor. Die sogenannte Pferderbahn war in privater Hand – und nicht ganz günstig: „Die Fahrt mit ihr musste man sich leisten können“, berichtet Boden. Haltestellen gab es nicht, gehalten wurde an jeder Straßenkreuzung. Weswegen man zu Fuß durch die Karlsruher Innenstadt meist schneller unterwegs war – bequemer war die Pferdebahn aber allemal.

Im Inneren der historischen Wagen verdeutlicht Boden die Zeit, in der sie entstanden. Da ist etwa der Wagen 100, der „Spiegelwagen“. Gebaut wurde er Ende der 20er-Jahre, innen ist er mit edlem Holz verkleidet, die Mitfahrenden saßen auf Polstern. An den Innenseiten reihen sich mehrere ovale Spiegel aneinander. „Man fuhr mit der Bahn nicht nur zur Arbeit, sondern beispielsweise auch ins Theater“, sagt Boden. In den Spiegeln konnten die Damen (und gewiss auch die Herren) vor dem Aussteigen noch rasch den korrekten Sitz des Hutes überprüfen.

Erinnerungen an grün-gelb-schwarz karierte Polster

In den „Kriegsstraßenbahnwagen“ der 30er- und 40er-Jahre ist das Interieur dann spartanischer und zweckmäßiger. „Die großen Türen ermöglichten schnelles Ein- und Aussteigen, es gab viele Steh- und wenige Sitzplätze“, beschreibt Boden. Die Wagen, die dann in den darauffolgenden Jahrzehnten gebaut wurden, dürften einem Großteil der Karlsruher noch bekannt sein: Auf den Hartschalensitzen der alten Holzklasse können sich die Besucher ebenso niederlassen wie auf den grün-gelb-schwarz karierten Polstern der einstigen Linie A ins Albtal.

Das historische Gewissen

„Wir sind das historische Gewissen der Verkehrsbetriebe“, sagt Christian Boden schmunzelnd. Ziel des TSNV ist es, die 15 alten Straßenbahnen und den einen historischen Bus zu erhalten, vorzuführen – und gegebenenfalls auch einzusetzen. Ein Teil der historischen Fahrzeuge kann für besondere Anlässe gemietet werden. So hofft der Verein, neben den Bahnen auch die historische Wagenhalle II für die Zukunft zu erhalten.

Öffnungszeiten:
Das historische Depot aus dem Jahr 1913 ist bis Oktober immer am zweiten Sonntag im Monat von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Das Innere der Fahrzeuge kann bei Führungen erkundet werden. Das Depot ist derzeit nur über die Gerwigstraße auf Höhe der Hausnummer 62 zugänglich. Nähere Infos auch unter www.tsnv.de.