Der Linke von der Kanzel: Gregor Gysi in der Durlacher Stadtkirche. | Foto: Sandbiller

Als Redner in der Stadtkirche

Gregor Gysi in Durlach: „Fürchte mich vor religionsfreier Gesellschaft“

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Dass Gregor Gysi zum Tag der Deutschen Einheit ein paar kritische Dinge über den Vollzug der Wiedervereinigung sagen würde, überrascht wenig. Dass ihm vor einer religionsfreien Gesellschaft graut, schon eher. Am Donnerstag war der Linken-Politiker in der Durlacher Stadtkirche zu Gast.

Von Hein G. Klusch

„Es ist für einen Pfarrer nicht ganz leicht, einen wie mich einzuladen. Aber wenn man etwas Neues wagen will, gehört halt Mut zum Risiko dazu.“ Mit diesen Worten begann der Linken-Politiker Gregor Gysi seine Rede beim „Politischen Gottesdienst“ in der voll besetzten Evangelischen Stadtkirche in Durlach.

Seit 2001 gibt es diese Veranstaltung mit einem Politiker als Gastredner, die immer am Tag der Deutschen Einheit gemeinsam von der Evangelischen Gemeinde und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen organisiert wird. Für die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes sorgte der Gospelchor „spirited voices“ unter der Leitung von Johannes Blomenkamp.

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Heitere Anekdoten und politische Analyse

Als Motto hatte sich Gregor Gysi mit „Alle Mauern werden fallen“ ein Wort des Propheten Ezechiel vorgegeben. Damit war natürlich gemeint, dass vor 30 Jahren die Mauer fiel. In einer gutdosierten Mischung aus privaten, heiteren Anekdoten und präziser politischer Analyse schilderte Gregor Gysi die damaligen Ereignisse, die er als Rechtsanwalt maßgeblich begleitet hatte.

Besonders wichtig ist ihm eine Aussage: „Es war nicht Helmut Kohl, der die Wiedervereinigung herbeigeführt hat, das haben die mutigen Bürger der DDR selbst organisiert.“ Zudem sei es eine friedliche Revolution gewesen, bei der kein einziger Schuss gefallen sei, betonte der Bundestagsabgeordnete und ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken.

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Vier Fehler seien bei der Wiedervereinigung gemacht worden, die sich auch nach 30 Jahren auf das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen auswirken, sagt Gregor Gysi. Zum einen hätte sich Gesamtdeutschland durchaus zu einer neuen Rolle in der Welt als neutraler Vermittler entschließen können. Man sei aber in der Nato, beim Westen geblieben.

Bewährte Strukturen der DDR

Zweitens hätten sich viele Ostdeutsche gedemütigt gefühlt, weil sie nicht nur das Grundgesetz sondern auch alle Symbole der BRD übernehmen mussten. Man hätte auch durchaus einige bewährte Strukturen der DDR übernehmen können, etwa die Gleichstellung der Geschlechter oder die Berufsausbildung mit Abitur.

Und schließlich habe die Treuhand die ostdeutschen Firmen abgewickelt statt gefördert. „Damit wäre das Selbstbewusstsein im Osten gestiegen und die Lebensqualität im Westen verbessert worden“, führte Gregor Gysi aus.

Mit der Aussage, dass sich viele Ostdeutsche als „Verlierer der Geschichte“, als Deutsche zweiter Klasse fühlen und für populistische Parolen anfällig sind, war Gysi in der Gegenwart angekommen. Seine Forderung: „Wir müssen endlich gleiche Löhne und Renten in ganz Deutschland erreichen und damit die Lebensleistung der Ostdeutschen anerkennen“.

Schulterschluss mit den Kirchen

Phänomene wie das Aufkommen populistischer Parteien oder das wachsende soziale Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich sind für Gysi kein deutsches, sondern ein weltweites Problem. Um dem entgegenzuwirken, könne auch die Kirche ihren Beitrag leisten. „Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte mich vor einer religionsfreien Gesellschaft“, sagt der Linken-Politiker.

Denn die Kirchen würden nicht nur für Tradition und für Werte wie Barmherzigkeit und Solidarität stehen. Sein Fazit: „Wenn wir eine Welt mit sozialer Gerechtigkeit und Frieden schaffen wollen, brauchen wir Gläubige und Ungläubige. Alle werden wir nicht bekommen, aber eine Mehrheit reicht.“ Zum Schluss erntete Gregor Gysi noch einen Lacher für sein Lob des Altarschmucks: „Der Gärtner hat sich wohl gedacht, bei dem nehme ich rote Nelken. Das finde ich schön.