Juli Avemark (rechts) ist Projektleiterin im Jugendtreff La ViE. Immer wieder sind dort auch Gastredner wie Olcay M. (links) zu Gast. | Foto: cf

Die Angst vor dem Coming-Out

Im Jugendtreff La ViE in Karlsruhe können queere Jugendliche einfach sie selbst sein

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„Mama, ich mag Mädchen nicht. Ich glaube, ich mag Jungs“, sagt Olcay und 17 Augenpaare blicken ihn ernst an. Es wird still im Aufenthaltsraum des Jugendtreffs „La ViE“, der mit bunten Möbeln, Luftballons und selbstgemalten Bildern geschmückt ist, auf denen Sätze wie „Love is Love“, also „Liebe ist Liebe“, stehen.

Juli Avemark, die Projektleiterin des La ViE in der Ettlinger Straße, lässt ab und zu den Blick über ihre Schützlinge schweifen. Sie sind gekommen, um Olcay, der bei der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, einem überparteilichen und unabhängigen Verein, arbeitet, über sein Coming-Out sprechen zu hören. Und darüber, wie es ist, Türke und homosexuell zugleich zu sein. Es ist der Vorabend des „IDAHOT“, des internationalen Tags gegen Homophobie und Transphobie am 17. Mai, an dem auch das La ViE seinen dritten Geburtstag feiert. Im La ViE, dessen Träger der Stadtjugendausschuss ist, treffen sich junge Menschen, die sich der LSBTTIQ-Community, also der Gruppe homosexueller, bisexueller, transsexueller, transgender, intersexueller oder queerer Personen zurechnen.

Viel Zulauf von Anfang an

Die Räumlichkeiten dienten einst als Mädchentreff. 2015 wurde dieser jedoch aus verschiedenen Gründen wieder stillgelegt. Im Mai 2016 eröffnete dann das La ViE, der erste offene Jugendtreff für queere Jugendliche, den es in Baden-Württemberg damals überhaupt gab. Über mangelnden Zulauf kann man dort seither nicht klagen. „Wir waren hochfrequentiert, direkt von Anfang an“, erklärt Avemark. Geöffnet ist an drei Tagen pro Woche. An jedem Tag kommen zwischen 15 bis 20 Jugendliche. Was das La ViE von anderen Jugendtreffs unterscheidet, ist aber nicht nur die besondere Zielgruppe, sondern es sind vor allem auch die Probleme, mit denen sich die jungen Besucher in ihrem Leben befassen müssen. Eine ihrer größten Sorgen ist das Coming-Out, der Moment, in dem sie gegenüber ihrer Familie und ihren Freunden laut aussprechen, was sie für sich selbst schon lange erkannt haben: dass sie anders sind als die Rolle, die ihnen die Gesellschaft zugedacht hat.

Auch Eltern sind häufig überfordert

Olcay beschreibt die Ängste, die auch ihn vor seinem Coming-Out beschäftigten: „Schwul? Das darf ich auf keinen Fall sein. Das darf es nicht geben.“ Auch Avemark kann aus eigener Erfahrung berichten: „Die Angst ist riesig. Man hat das Gefühl, man muss das alles mit sich ausmachen.“ Die Jugendlichen, die in den Jugendtreff kommen, müssen allerdings nicht alles mit sich allein ausmachen. „Die Jugendlichen suchen das Gespräch, um sich selber zu sortieren, um Unterstützung zu bekommen. Wir begleiten sie, soweit wir das können“, erklärt Avemark. Die Mitarbeiter des Jugendtreffs versuchen, auch die Eltern mit ins Boot zu holen. „Für die Eltern ist es auch ein Coming-Out. Festgefahrene Rollenbilder sind schwer aus den Köpfen zu reißen“, weiß auch Olcay. „Oft ist der Wille da, aber da ist auch ganz viel Überforderung“, fügt Avemark hinzu.

Von Überforderung ist bei den Jugendlichen am Ende des Abends, zumindest für den Moment, kaum etwas zu spüren. „Wir haben doch alle nur ein Leben. Und dieses Leben möchte ich glücklich leben“, schließt Olcay seinen Vortrag. Danach erfüllt tosender Applaus den Raum.