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Lörch-Gelände

Neue Wohnungen: Umstrittenes Großprojekt in der Bühler City vor Abschluss

Es ist eine schöne Bescherung für die Stadt Bühl. Ab Montag werden die Wohnungen in den fünf Neubauten auf dem Lörch-Gelände an ihre neuen Eigentümer übergeben. Damit steht eines der umstrittensten Projekte der vergangenen Jahre in der Kernstadt unmittelbar vor dem Abschluss. Die Neubauten fügen sich gut ins Stadtbild ein.

Neue Perspektive: Aus einer Loggia im Obergeschoss der neuen Reihenhäuser auf dem Lörch-Gelände gibt es schöne Ausblicke auf die Eisenbahnstraße. Bühls Prachtstraße entstand im 19. Jahrhundert als „Tor zu Welt“ auf dem Weg zum Bahnhof. Foto: Ulrich Coenen

Während die letzten Bauarbeiten laufen und bevor die Bewohner einziehen, hat der BNN-Redakteur die Möglichkeit, den Architekten Thomas Velten (Büro Planum) bei einem Rundgang über die Baustelle zu begleiten. Überall sind Handwerker der verschiedensten Disziplinen emsig beschäftigt. Velten kann kaum zehn Schritte gehen, ohne immer wieder mit Fragen bombardiert zu werden.

Auf der rund 3 420 Quadratmeter großen Brachfläche zwischen der Eisenbahnstraße und dem Platz Vilafranca (Realschulhof) sind in der zweiten Reihe drei viergeschossige Punkthäuser und entlang der Eisenbahnstraße rechts und links der spätklassizistischen Villa Walchner jeweils ein zweigeschossiges Reihenhaus entstanden. Das komplette Gelände wurde mit Ausnahme der Villa unterkellert, vor allem für die Tiefgarage mit ihren 56 Stellplätzen.

Geheimnis wird erst im Frühjahr gelüfet

39 Wohnungen zwischen 60 und 145 Quadratmeter sind entstanden. Die meisten sind Drei-Zimmer-Wohnungen mit rund 100 Quadratmeter. In die Villa Walchner wird eine Zahnarztpraxis einziehen. Lediglich für den mehr als dreieinhalb Meter hohen Gewölbekeller gibt es eine andere Nutzung. Thomas Velten gibt sich geheimnisvoll. „Der kühle und feuchte Keller ist für Wein ideal“, sagt er. Kein Wunder! Das hatte bereits der Bauherr, der Arzt Hermann Walchner, 1847 im Sinn, der sich aber finanziell gewaltig übernahm und das repräsentative Haus bald verkaufen musste. „In diesem Keller wird im nächsten Jahr etwas für die Stadt völlig Neues entstehen“, sagt Velten.

Die letzten Bauarbeiten laufen: Das Foto zeigt die Rückseite der Villa Walchner (rechts) und eines der neuen Reihenhäuser (links). Foto: Ulrich Coenen

Der Weg dorthin war nicht einfach. „In unserem Büro war ein Architekt über die gesamte Bauzeit seit Anfang 2018 ausschließlich mit der alten Villa beschäftigt“, berichtet der Architekt. Das Haus machte eigentlich einen gute Eindruck, bescherte der Bauherrschaft und ihren Architekten aber jede Menge unerwartete Probleme. Die begannen ausgerechnet im Gewölbekeller.

Alte Villa hing nur an Stahlseilen

Weil alle Neubauten und der Altbau barrierefrei über die Tiefgarage erreichbar sein sollen, musste die Rückseite des Gewölbekellers aufgegraben werden. Weil Gewölbe bekanntlich gewaltige Schubkräfte entwickelt, drohte der Einsturz. „Wir haben mit dem Statiker nach einer Lösung gesucht“, erklärt Velten.

Schließlich wurden an der Vorder- und Rückseite der Villa zwei gewaltige Stahlbetonbalken montiert und durch die Gewölbekappen hinweg mit vier Zugankern verbunden. Die hatten jeweils bis zu fünf Stahlseile. „Jeder Anker konnte 17 Tonnen aufnehmen“, sagte Velten. So wurde die Villa während der Arbeiten an den Fundamenten von den Stahlseilen zusammengehalten.

Auch oberirdisch gab es erhebliche Schwierigkeiten. „Offensichtlich ist Wasser wegen Kriegsschäden am Dachstuhl in das Gebäude eingedrungen“, vermutet Velten. Jedenfalls waren die Holzbalken der Geschossdecken im mittleren Bereich verrottet und mussten erneuert werden. Wegen der tonnenschweren Technik für die Zahnarztpraxis musste die Holzkonstruktion teilweise mit Stahlbeton verstärkt werden.

Balkenköpfe waren verrottet

Auch die Fassade war eine Herausforderung. Die Balkenköpfe der Geschossdecke waren ebenfalls verfault. Aus baukonstruktiven Gründen schützten die Architekten die Fassade und damit die Balkenköpfe mit einem drei Zentimeter starken Dämmputz. Das verändert (für den Laien kaum sichtbar) leider auch die Reliefstruktur der Fassade. „Das ist immerhin besser als erneute Schäden an den Balkenköpfen in spätesten 20 Jahren“, sagt Velten.

Die Neubauten fügen sich gut ins Stadtbild. „Natürlich sind wir in der Innenstadt, die dichtes Bauen erfordert“, erklärt der Architekt. „Die Blickachsen aus den Wohnungen gehen aber nicht nur bis zum nächsten Gebäude, sondern deutlich darüber hinaus.“

Noch ein Geheimnis: Im Gewölbekeller der Villa Walchner soll eine für die Stadt einmalige Einrichtung mit Wein entstehen. Foto: Ulrich Coenen

Die Außenanlagen werden übrigens nicht mit Rasen gestaltet. „Wir wollen im Frühjahr Stauden pflanzen, die vom April bis September blühen“, berichtet Velten. „Wir möchten der Natur etwas zurückgeben und achten besonders darauf, dass die Außenanlagen insektenfreundlich sind.“

Von wegen umweltfreundlich: Alle fünf Gebäude auf dem Lörch-Gelände werden an das Nahwärmenetz der Stadt angeschlossen.

Die Bebauung des Lörch-Geländes ist aktuell das größte private Bauvorhaben in der Innenstadt. Es hat die gesamte Kommune seit 2013 in Atem gehalten. Ein in der Schweiz lebender Investor wollte die spätklassizistische Villa Walchner in der Eisenbahnstraße mit ihrer für Bühl einmaligen Beletage abreißen und das gesamte Gelände neu bebauen.

Das hätte ein Lücke in die von zahlreichen Villen gesäumte Bühler Prachtstraße gerissen, die im 19. Jahrhundert als „Tor zur Welt“ in Richtung Bahnhof entstanden war. Der Gemeinderat schützte die Eisenbahnstraße auf Vorschlag von Oberbürgermeister Hubert Schnurr 2015 mit der ersten Erhaltungssatzung im Stadtgebiet.

Den beiden Bühler Geschäftsleuten Tilo Trautmann und Peter A. Lehnhoff gelang es im Frühjahr 2017 mit ein wenig Fortune, das Lörch-Gelände aus dem problematischen Schweizer Privatbesitz zu erwerben. Die Eisenbiegler Projekt GmbH & Co. KG und die 3L-Projekt GmbH & Co. KG planten nun auf dem Gelände der früheren Schnapsfabrik Lörch eine Wohnbebauung, welche die vom früheren Eigentümer vor zwei Jahren abgerissenen vier Firmengebäude ersetzen. Die Villa Walchner blieb erhalten.

Die Wohnungen in den Neubauten sind vor Abschluss der Bauarbeiten längst verkauft.



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