Skip to main content

Nach 25 Festen ist Schluss

Das Aus für das Dorfbachfest in Ottersweier ist besiegelt

Das Dorfbachfest in Ottersweier ist Geschichte. Die 25. Auflage im Sommer 2019 war gleichzeitig die letzte. Einer der Gründe: Die Vereine finden immer weniger ehrenamtliche Helfer. Erstmals hatte das Fest im Jahr 1990 stattgefunden.

Der Dorfbach in Ottersweier hat als idyllischer Festort augedient. Nach 25 Dorfbachfesten wird die 1990 begonnene Veranstaltungsreihe beendet. Foto: Claudia Dottermusch

Das Dorfbachfest in Ottersweier ist Geschichte – und zwar endgültig: „Die Messe ist gelesen, das Totenglöcklein hat geläutet“, sagte Bürgermeister Jürgen Pfetzer nach einer Besprechung mit Vereinsvertretern aus Ottersweier und Unzhurst. Das 25. Dorfbachfest, das Ende Juni dieses Jahres gefeiert wurde, war das letzte in der 1990 begonnenen Veranstaltungsreihe.

Nicht allzu überraschend

Allzu überraschend kommt das Aus nicht. Beim Neujahrsempfang 2018 hatte Pfetzer gesagt, dass das Fest auf der Kippe stehe. Für das Silberjubiläum, das 25. Fest, nahmen die Vereine noch mal einen Anlauf. Jetzt aber geht es nicht mehr, wie bei der Besprechung am Mittwochabend deutlich wurde. Bis auf einen saßen Vertreter aller 13 noch am Dorfbachfest beteiligten Vereine (1990 waren es noch 18, zwischenzeitlich sank ihre Zahl auf neun) am Tisch und ließen das zurückliegende Fest Revue passieren. Dabei machten sie deutlich, dass sie nicht mehr genügend Helfer motivieren können.

Gemeinde trug  Großteil der Last

Pfetzer hatte im Januar 2018 schon darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Festlast längst auf die Gemeinde übergegangen sei: „Seit zehn Jahren organisiert die Gemeinde federführend und trägt mit Verwaltung und Bauhof fast die gesamte Last. Für die nötige Infrastruktur hat sie immer schon gesorgt.“ Das Gemeindeengagement sei auch gerechtfertigt gewesen, „da das Fest ein Imageträger für die Vereine und die Gemeinde ist“.

Wirtschaftliche Bilanz unterschiedlich

Ein zweiter Punkt war die wirtschaftliche Seite. „Die Bilanz ist in diesem Jahr heterogen ausgefallen. Manche Vereine waren recht zufrieden, andere sprachen von einer totalen Pleite und einem der wirtschaftlich schlechtesten Dorfbachfeste“, berichtet Pfetzer. Das habe auch mit dem Wetter zu tun gehabt, denn nach einem guten Samstagabend habe der Sonntag mit fast 40 Grad nicht zum Festbesuch animiert. Ein wirtschaftliches Auf und Ab habe es bei den Festen aber immer mal gegeben.

Vereine werden zur Angebotsplattform

Entscheidend sei deshalb auch die mangelnde Bereitschaft, hinter den Theken zu helfen. Die Vereine entwickelten sich ungewollt immer mehr zu einer Angebotsplattform, auf der man sich bediene, Engagement darüber hinaus werde seltener. Schon beim Neujahrsempfang 2017 hatte Pfetzer gesagt: „Viele Menschen fühlen sich in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft sehr wohl, schätzen Vereinsangebote und -aktivitäten sehr. Nur fallen diese nicht vom Himmel, sondern leben vom Engagement Vieler. Wenn aber an Festen alle nur noch vor dem Tresen feiern, aber nicht mehr hinter dem Tresen helfen wollen, sterben solche Traditionsfeste aus.“

Den einzigen Grund für das Aus des Dorfbachfests möchte Pfetzer darin aber nicht sehen: „Vielleicht hat es mit der Zeit an Attraktivität verloren, der Reiz des Neuen war verbraucht. Solche Feste benötigen neue Impulse oder auch Locations.“ Mittlerweile schlage das Festpendel auch wieder in die andere Richtung: „Mein Vorgänger Werner Kunz hat das Fest 1990 eingeführt, um die vielen einzelnen Vereinsfeste zu bündeln. Jetzt geht es wieder in genau diese Richtung. Wir kehren ein Stück weit in die alte Welt der Einzelfeste zurück.“ Pfetzer weiß aber auch, dass nichts festzementiert ist: „Vielleicht sieht das in ein paar Jahren schon wieder ganz anders aus.“

Ideen für Nachfolgefest

Jedenfalls soll 2021 wieder ein Anlauf zu einer gemeinschaftlichen Unternehmung genommen werden, wie bisher am letzten Juni-Wochenende, aber an einem anderen Ort. „Die Vereinsvertreter haben vereinbart, darüber zu reden, wir koordinieren jetzt einen Termin. So gut wie alle haben zugestimmt“, sagte der Bürgermeister. Wie ein Nachfolgefest aussehen, wo es steigen könnte, darüber wollte er noch nichts sagen. Nur so viel: „Ideen gibt es.“

KOMMENTAR

Der schönste Platz ist immer an der Theke, behauptet ein Liedtitel. Was dabei leicht und immer häufiger vergessen wird: Damit es vor der Theke so richtig schön ist, muss hinter ihr kräftig gearbeitet werden. Das ist in der Gastronomie so, und das ist bei zahllosen Vereinsfesten so. Beide haben noch etwas gemeinsam: Es wird immer schwieriger, Personal zu finden. Die Gründe dafür sind natürlich grundverschieden, weil die Jobs in der Gastronomie Geld einbringen sollen, während bei den Vereinen ehrenamtlich gearbeitet wird.

Dass die Bereitschaft dazu seit Jahren schmilzt, hat das Aus für so manches Traditionsfest gebracht. Nun also auch das Ottersweierer Dorfbachfest: schade drum. Es hat ungezählten Besuchern schöne Stunden und kulinarische Entdeckungen beschert (wo sonst könnte man in Mittelbaden belgisches Bier genießen, ein kleiner, aber feiner Aspekt!). Dass die Festgeschichte in diesem Sommer nun zu Ende gegangen ist, scheint das Spiegelbild einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu sein, an der vor allem die Vereine – beileibe nicht nur in Ottersweier – zu knabbern haben. Ehrenamtliches Engagement wird zwar allenthalben gewürdigt, und der Beispiele gibt es viele. Aber die Basis wird zunehmend dünner. Der Hang zur ungebremsten Individualität, die das Ich weit über das Wir stellt, wird die Gesellschaft weiter verändern, ob zum Guten, darf bezweifelt werden. Sicher werden viele Menschen das Aus für das Dorfbachfest beklagen. Wenn nur die Hälfte von ihnen auch bereit gewesen wäre, sich für ein paar Stunden hinter der Theke zu engagieren, wäre es vielleicht auch anders gekommen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang