Skip to main content

Internationaler Schlag gegen das Verbrechen

Mafiaverdacht in Achern: „Wir wollten nur unsere Haushaltskasse aufbessern“

Seit drei Monaten sitzt ein Acherner unter Mafia-Verdacht im Offenburger Gefängnis. Seine Ehefrau lebt seither mit massiven Zukunftsängsten.

In Auslieferungshaft sitzt seit drei Monaten der unter Mordverdacht festgenommene Acherner. Foto: Seeger (Symbolfoto)

Da wo Italien so italienisch ist wie es nur sein kann, da liegt Ciró, der 2.800-Seelen-Ort, der Achern in die Schlagzeilen gebracht hat. Ciró und die Provinz Crotone gelten als Hochburgen der kalabrischen Mafia-Variante ’Ndrangheta; von dort stammen viele der Italiener, die zum Arbeiten, und weil sie sich ein gutes Leben erhofft haben, in die nördliche Ortenau gekommen sind.

Weil man, wenn man in die Fremde muss, dahin geht, wo schon die Freunde und Verwandten wohnen. Ciró und Achern, da gibt es ein Band.

Carmela R. berichtet dem ABB ganz freimütig von den Verbindungen der Acherner Italiener ins ferne Kalabrien. Dass dies mehr ist als eine verhallende Erinnerung, das haben sie und ihre Familie jetzt erfahren müssen.

Denn Carmelas Mann, den sie 2012 in der Oberacherner Pfarrkirche geheiratet hat, sitzt. Im Offenburger Gefängnis wartet er auf seine Auslieferung, weil ihm die italienische Justiz enge Verbindungen zur ’Ndrangheta vorwirft.

Die Sache ist beim Oberlandesgericht in Stuttgart anhängig, und wie man so hört, dürfte es bald zu einer Entscheidung kommen. Der Ehemann wird, wenn man die Zeichen richtig deutet, bald zu seiner Verhandlung an die italienische Justiz überstellt werden, drei Monate nach der spektakulären Festnahme in Achern, als um drei Uhr morgens Beamte des Landeskriminalamtes klingelten.

Existenz der Familie R. steht auf dem Spiel

Carmela R. ist verzweifelt: „Meine Existenz steht auf dem Spiel, ich habe ein Haus und zwei Kinder“, sagt sie, und sie kann gar nicht verstehen, warum die Ermittler ausgerechnet auf ihren Mann gekommen seien.

Ja, er habe schon ab und zu in der Vorweihnachtszeit Mandarinen importiert und an Arbeitskollegen weiterverkauft. Vielleicht hundert Kisten mit jeweils zehn oder 15 Kilo: „Wir wollten nur unsere Haushaltskasse aufbessern.“

Mit den Vorwürfen, dass lokalen Restaurants minderwertige Waren zu überhöhten Preisen aufgenötigt wurden, gar mit Geldwäsche oder dem Transport von Geld und Waffen, habe ihr Mann nichts zu tun.

Es seien nur die Mandarinen gewesen, „und das war auch kein Wucherpreis“.

Mann von Carmela R. soll Kontakte für die ’Ndrangheta in die Region geknüpft haben

Die Durchsuchungen und mehr als 160 Festnahmen in Deutschland und Italien hatten im Januar bundesweit Schlagzeilen gemacht. Welche Rolle spielte der Acherner dabei?

Ihrem Mann, so Carmela R., werfen die Ermittler vor, Kontakte für die ’Ndrangheta hier in der Region geknüpft zu haben; doch da sei nichts dran, er habe lediglich telefonische Verhandlungen über den Preis der Mandarinen geführt, das sei bei einer Telefonüberwachung mitgeschnitten worden und so hätten sich die Vorwürfe ergebe.

Zudem: Ihr Mann habe nicht nur Schicht gearbeitet in einem Oberkircher Industriebetrieb, sondern auch noch am Wochenende zusätzlich in einem anderen Unternehmen, um ein wenig dazu zu verdienen. Wenn man der Mafia angehöre, so fragt Carmela R., hätte man das dann nötig gehabt?

Das Oberlandesgericht hat das letzte Wort

Eine Aussage, die Zweifel sät. Folgt die deutsche Justiz hier blindlings der italienischen, liefert einfach aus weil es ein entsprechendes Ersuchen gibt?

Auf den ersten Blick womöglich ja: „Eine Prüfung des Tatvorwurfs findet nicht statt“, sagt Matthias Merz, Richter am Oberlandesgericht Stuttgart und gleichzeitig dessen Pressesprecher.

Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri, die am frühen Morgen des 9. Januar 2018 nach einer Razzia gegen den ‘Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien und Deutschland einen Mafia-Verdächtigen in Stuttgart vor dem Landeskriminalamt abführen. Foto: Carabinieri/dpa

Dieses Gericht hat zentral über die Auslieferungsersuchen im „Mafia-Fall“ zu entscheiden, auch wenn eigentlich die Justiz in Karlsruhe für den badischen Landesteil zuständig wäre.

Doch da drei von vier in Baden-Württemberg Festgenommenen aus dem Stuttgarter Raum stammen, liegt die Sache nun also beim dortigen Oberlandesgericht und, vor allem, der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart.

Deren Sprecher Jan Dietzel macht klar: Völlig absurden Vorwürfen würde man auch nicht so ohne Weiteres nachgeben. „Der Verfolgte kann an mehreren Stationen Einwendungen gegen die Auslieferung erheben. Dann wird gegebenenfalls beim ersuchenden Staat nachgefragt, und wir geben eine Erklärung ab“.

Das letzte Wort hat dann das Oberlandesgericht.

Mit anderen Worten: Die Justiz schaut durchaus genauer hin. Das alles kostet Zeit, und deshalb sitzt Carmelas Ehemann noch immer im Offenburger Gefängnis. Und das unter verschärften Bedingungen: Bislang habe sie ihren Mann nur zweimal sehen können, jeweils unter den Augen eines Polizisten, dazu dürfe man alle zwei Wochen telefonieren, sagt die Ehefrau.

Man merke ihrem Mann die Haft an, auch die ganze Ungewissheit, der Sorge um die Familie und den Erhalt des Arbeitsplatzes.

Als ich rausging, hatte ich schon eine Maschinenpistole vor mir.
Carmela R. über den Zugriff der Polizei

Der Alptraum, wie Carmela R. ihn nennt, begann am 9. Januar um drei Uhr nachts. Die Polizei habe geklingelt, „meine Eingangstür war abgeschlossen, ich habe nur Geschrei gehört“, sagt sie: „Als ich rausging, hatte ich schon eine Maschinenpistole vor mir.”

Die Polizei habe sich anständig verhalten, ein Beamter habe mit den beiden kleinen Kindern gespielt, damit sie die Situation nicht so traumatisch erleben. Dennoch: „Es war eine Horrornacht, eine Horrorgeschichte“.

Es folgte eine Durchsuchung der Wohnung, Telefonbuch, Handy und auch die Rechnung für die Mandarinen wurden mitgenommen, so die 37-Jährige. Jetzt stehe sie vor den Trümmern ihrer Existenz: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“.

Darf der Beschuldigte ausgeliefert werden?

Wie es weitergeht? Nach drei Monaten juristischen Tauziehens ist Bewegung in den Fall gekommen, eine erste wichtige Vorabentscheidung ist gefallen.

Die betrifft die Frage, ob der Lebensmittelpunkt des Verfolgten – so heißen die Beschuldigten in einem Auslieferungsverfahren – so weit in Deutschland liegt, dass er gar nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen ausgeliefert wird, und ob er eine mögliche Haft später in Deutschland absitzen wird.

Die Entscheidung, so Jan Dietzel, sei R. noch nicht zugestellt worden, deshalb wolle man keine Details bekanntgeben. Doch ein Teil der Einwendungen im weiteren Verfahren sei bereits geprüft, so dass es nun vergleichsweise schnell voran gehe.

Sein Mandant sei, nach allem was er bislang dargelegt habe, „offensichtlich unschuldig“, sagt sein Emmendinger Rechtsanwalt Götz Klinkenberg. Doch der Jurist befürchtet, dass die Prüfung dieser Frage wohl in Italien stattfinden werde.

Dort allerdings hat man sich nach Informationen dieser Zeitung bereits eine solide Meinung gebildet: Der italienischer Anwalt des Verdächtigen hat beim zuständigen Landgericht auf eine Niederschlagung des Verfahrens gedrängt. Die Kammer hat dem Vernehmen nach eine mehrseitige Begründung abgeliefert, warum man an den Vorwürfen festhalte. Es geht vielleicht doch um mehr als nur um Mandarinen.

Razzia gegen die Mafia

Bei der Razzia gegen die Mafiavereinigung ‘Ndrangheta waren im Januar 2018 in Deutschland und Italien mehr als 160 Verdächtige festgenommen worden.

In Deutschland wurden elf Männer im Alter von 36 bis 61 Jahren gefasst – betroffen waren Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

dpa

nach oben Zurück zum Seitenanfang