Skip to main content

Experteninterview

Gewalt und Anfeindungen gegen Lokalpolitiker: „Als Bürgermeister braucht man dickes Fell“

Anfeindungen und Gewalt gegen Bürgermeister sind mittlerweile an der Tagesordnung, auch in Südbaden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Bachelor-Arbeit der Verwaltungshochschule Kehl. Experte Paul Witt erklärt die Ergebnisse im Interview.

Ein Gedenkstein mit der Aufschrift "Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für WERTE eintreten" liegt vor der Walter-Lübcke-Schule. Foto: Swen Pförtner picture alliance/dpa

Gewalt und Anfeidungen gegen Bürgermeister? Woran das liegt und wo die Rathaus-Chefs es besonders schwer haben, darüber sprach Christine Storck mit dem zuständigen Professor Paul Witt, Experte für Bürgermeisterforschung und Ex-Rektor der Hochschule.

An der Umfrage innerhalb der Bachelor-Arbeit haben insgesamt 75 Rathaus-Chefs aus der Ortenau und den Landkreisen Rastatt, Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald und Lörrach aktiv teilgenommen. Ist ihr Leben in diesen doch eher ländlich geprägten Region leichter als im Rest Deutschlands?
Witt:

Leider nein, obwohl ich vorher darauf gewettet hätte, dass wir zu diesem Ergebnis kommen. Aber die Untersuchung hat ergeben, dass rund 68 Prozent der Bürgermeister in Südbaden schon Opfer von Gewalt und Anfeindungen geworden sind. Dabei geht es um Attacken, zum Beispiel Ohrfeigen oder aufgestochene Autoreifen. Vor manchen wurde schon ausgespuckt, einer musste erleben, dass sein Haus mit Eiern beworfen wurde. Die Umfragewerte liegen ziemlich genau im Bundesdurchschnitt.

Woran liegt es, dass Bürger übergriffig werden?
Witt

Offenbar sind die Menschen viel kritischer geworden und hinterfragen mehr. Es wird auch viel öfter Widerspruch eingelegt als früher. Eine große Rolle bei dieser Tendenz spielt sicher das Internet, wo es für gefühlt jedes Problem eine Lösung gibt, was positive, aber auch negative Auswirkungen haben kann. Ein Hasskommentar ist im World Wide Web eben auch schnell mal abgesetzt.

Seit wann gibt es diesen Trend, und verschärfen die Auswirkungen der Corona-Pandemie Ihrer Ansicht nach das Problem?
Witt

Ich habe den Eindruck, dass es sich seit rund zehn bis 15 Jahren verändert, seit auch die Sozialen Medien an Bedeutung gewonnen haben. Früher waren Pastor, Bürgermeister und Schuldirektor Instanzen einer Gemeinde, vor denen man großen Respekt hatte. Wer Kritik vorbringen wollte, musste sich Mühe geben - anrufen, vorbei kommen oder einen Brief schreiben. Das hat sich geändert. Heute geht man schnell auf die jeweilige Facebook-Seite und hinterlässt anonym eine Drohung. Ob der bei vielen gestiegene Frustpegel wegen der anhaltenden Corona-Beschränkungen den Trend befeuert, haben wir nicht untersucht, aber ich kann es mir gut vorstellen.

Wo laufen Bürgermeistern am stärksten Gefahr, Opfer von Anfeindungen und Übergriffen zu werden?
Witt

Die Umfrage hat ergeben, dass die Rathaus-Chefs in kleineren Kommunen unter 5000 Einwohnern ein leichteres Leben haben. Das liegt vermutlich daran, dass die Menschen in den Dörfern sich eher persönlich und näher kennen und die Hemmschwelle für Übergriffe dann größer ist als in Städten, in denen man den Bürgermeistern nur vom Wahlplakat kennt.

Werden die Studierenden an der Verwaltungshochschule Kehl auf die möglichen Schwierigkeiten vorbereitet, wenn sie in ein solches Amt streben?
Witt

Die Gefahr von Anfeindungen wird tatsächlich in manchen Seminararbeiten zur Sprache gebracht. Ausführlicher thematisiert wird es im Studienschwerpunkt Kommunalpolitik, in den sich diejenigen einschreiben, die Bürgermeisters werden möchten.

Was raten sie den ambitionierten jungen Leuten?
Witt

Als Bürgermeister braucht man ein dickes Fell. Wer zart besaitet ist, sollte lieber die Finger von diesem Amt lassen. Generell rate ich allen, Anfeindungen nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. In der Regel sind es Einzelne, die sich nicht im Griff haben, nicht die Gesamtheit der Bevölkerung. Aber ich verstehe natürlich, dass das Risiko körperlicher Attacken Angst macht. Bei solchen Übergriffen sollte man sofort die Polizei einschalten.

Könnte es auch am Image des Bürgermeisteramtes liegen? Müsste man das aufpolieren, um die Situation zu ändern?
Witt

Ich denke schon. Es gibt zwar heute nicht weniger Bewerber als vor 30 Jahren, aber immer noch keine allgemeingültige Qualifikation. Als Bürgermeister ist man öffentlich, das ist eine schwierige Situation. Mit entsprechenden Kampagnen und praktischen Beispielen müsste man gegenüber der Öffentlichkeit zum Beispiel stärker hervorheben, dass Bürgermeister im Dienste ihrer Gemeinde stehen und keine alleinherrschenden Könige in einem Elfenbeinturm sind.

Paul Witt ist Experte für Bürgermeister-Forschung und ehemaliger Rektor der Verwaltungshochschule Kehl. Foto: Renee Arnold

nach oben Zurück zum Seitenanfang