Skip to main content

24 Stunden im Sattel

Radtour über 8.000 Höhenmetern: Zwei Hobby-Radler aus dem Murgtal fahren den Westweg in einem Tag

In 24 Stunden reißen Ben Witt und Roland Wieland auf dem Westweg 305 Kilometer und 8.000 Höhenmeter mit dem Fahrrad runter. Von Erschöpfung keine Spur: Am nächsten Tag sitzen sie wieder in den Sattel.

Die Freunde Rolf Wieland (links) und Ben Witt sind innerhalb von 24 Stunden den Westweg geradelt. Dabei haben sie 8.000 Höhenmeter überwunden. Foto: Rolf Wieland

Sie stehen unter Strom: Ben Witt aus Kuppenheim und Rolf Wieland aus Bischweier brauchen Bewegung. Früher haben sie zusammen mit dem Fahrrad die Alpen überquert. Die Radwege in Österreich kennen sie wie ihre Westentasche und der Ultrabike-Marathon stand für Juni fest im Kalender.

Doch was tun, wenn die Trans-Schwarzwaldtour, der Ötztaler Radmarathon und auch der Ultrabike-Marathon dank Corona ins Wasser fallen? Dann starten die ambitionierten Sportsfreunde eben ihre Privat-Veranstaltung. Mit dem Mountainbike reißen sie auf eigene Faust den Westweg von Pforzheim nach Basel runter. Innerhalb von 24 Stunden. Und weil es so schön ist, ändern sie die Route ein wenig ab und machen noch ein paar Höhenmeter extra.

Wenn, dann schaffen wir zwei das zusammen.
Ben Witt, Radsportler

305 Kilometer liegen hinter ihnen, 8.000 Meter ging es die Berge rauf. Ganze 12.000 Kilokalorien und anderthalb Kilo Körpergewicht strampelten sich die Sportler vom Leib.

Schon länger spukt die Idee für diese Tour in Wielands Kopf, durch die Epidemie wurde sie konkret. „Man kann sich ja sonst nirgends austoben”, sagt er. Im April ruft der 49-Jährige seinen 14 Jahre jüngeren Freund an. Witt überlegt kurz, dann beschließt er: „Wenn, dann packen wir zwei das zusammen.”

Sportler „versteckelten” Essen entlang der Strecke

Ein paar Mal treffen sie sich zum gemeinsamen Trainieren, ansonsten übt jeder alleine. Um ein Gefühl für die Berge zu bekommen, quält sich Wieland an einem Tag zehnmal den Berg Merkur in Baden-Baden hoch. „Ich wollte möglichst viele Höhenmeter zurücklegen”, sagt er. 6.680 Höhenmeter sind zusammengekommen.

Wir konnten nicht alles an Mann tragen, deshalb haben wir was versteckelt.
Rolf Wieland, Radsportler

Nicht nur Muskeln und Ausdauer, auch die Verpflegung muss stimmen. Jeder legt vorab eine Etappe zurück und deponiert Riegel und Energie-Gel für beide. „Wir konnten nicht alles an Mann tragen, deshalb haben wir was versteckelt”, sagt Wieland.

Bei der Tour selbst stehen ein paar Freunde auf halber Strecke am Wegrand und winken mit einem „riesen Mohn-Hefezopf und alkoholfreiem Bier”. Ein anderer Freund hinterlegt Cola und Riegel auf dem Feldberg. „Das war alles akribisch geplant”, sagt Wieland.

Nächte bringen Begegnungen mit Wildschweinen, aber keine Müdigkeit

Hochwertige Helm-Lampen sorgen im Dunkeln für eine gute Sicht - und für manch hautnahes Erlebnis mit wilden Tieren. So rennt ein Dachs in der Dämmerung eine Zeitlang vor ihnen her, dann treffen sie auf Wildschweine. Kritisch wird es nie. Im Zwei-Stunden-Takt überqueren die Biker nachts die drei letzten großen Berge auf ihrer Strecke, den Feldberg, den Belchen und den Blauen. „Ich bin Skifahrer, daher kenne den Feldberg”, sagt Wieland. „Ihn aber bei Nacht hochzufahren, ist etwas Außergewöhnliches.”

Bloß keine süßen Stückle, wir haben ja die ganze Nacht Süßes gegessen.
Rolf Wieland, Radsportler

Was nie aufkommt, ist Müdigkeit. „Wir dachten vorher, wir müssten irgendwann todmüde werden, aber wir waren tatsächlich nie in einem Tief.”

Am Freitagmorgen, nach 23,5 Stunden und diversen Fotopausen, rollen die Sportler glücklich in Weil am Rhein rein. Nach all dem Zuckerzeug gibt es erst einmal Kaffee und eine herzhafte Brezel für jeden. „Bloß keine süßen Stückle, wir haben ja die ganze Nacht Süßes gegessen”, sagt Wieland.

Mit dem Zug geht es zurück nach Rastatt, von dort radeln sie „ganz gemütlich heim”. Wieland putzt sein Fahrrad, auf Schlaf verzichtet er zunächst. Am frühen Abend fällt er erschöpft ins Bett.

Am Tag danach sitzen die Freunde schon wieder im Sattel

So erschöpft, dass sie ihr Rad in die Ecke verbannen würden, sind die Freunde aber noch immer nicht: Unabhängig voneinander sitzen sie gleich am nächsten Tag wieder im Sattel. „Wir wollten einfach wissen, ob noch was geht”, sagt Wieland. Und es geht: Zweieinhalb Stunden radelt er durch die Gegend, dann reicht es auch ihm.

Es reizt einfach, den Körper in den Grenzbereich zu bringen und den Grenzbereich sogar noch ein Stück nach oben zu schieben.
Rolf Wieland, Radsportler

Seine nächste Tour ist noch nicht konkret, kommen soll sie aber auf jeden Fall. Wieland schwärmt von Teamgeist, Natur und Abenteuer. Vor allem aber von Körpererfahrung, wie er sagt: „Es reizt einfach, den Körper in den Grenzbereich zu bringen und den Bereich vielleicht sogar ein Stück weit nach oben zu schieben.”

nach oben Zurück zum Seitenanfang