Skip to main content

Kultbus

Ein VW-Bulli erzählt einem Kuppenheimer seine Geschichte

Kreisarchivar Martin Walter aus Kuppenheim restauriert einen T1-Bulli und sucht die Vorbesitzer auf: Er findet heraus, dass sein Kultgefährt schon in Indien, in der Sahara und im Irak war.

Spurensuche: Restaurator Martin Walter kümmert sich nicht nur um den Bulli, er will auch seine ursprünglichen Besitzer ausfindig machen. Foto: Hans-Peter Hegmann

Alte Schätze zu bergen gehört zum Beruf von Martin Walter aus Kuppenheim. Er ist Archivar des Landkreises Rastatt und dadurch mit dem Stöbern in Archiven bestens vertraut. Aber auch in seiner Freizeit ist er gerne auf der Suche nach alten Kostbarkeiten. Seit Jahrzehnten ist er auf der Jagd nach automobilen Schätzchen mit Geschichte.

Für ihn ist dann nicht nur wichtig, die Fahrzeuge überwiegend selbst zu restaurieren. Auch die Erforschung der Herkunft und der Lebensgeschichte des Oldtimers hat bei ihm einen hohen Stellenwert. Wenn es sich dann noch um automobile Raritäten handelt, die nur in geringen Stückzahlen oder mit besonderer Ausstattung gefertigt wurden, ist er in seinem Element.

Was für eine Spezies er vor 17 Jahren von einem Freund angeboten bekam, war ihm zunächst nicht bewusst, wie er erzählt. Der VW-Bus Model T1-Bulli ist zwar bereits damals ein begehrtes Modell, aber keine ausgesprochene Rarität – und in diesem Zustand nach vielen Jahren als Gartenhütte missbraucht, sowieso nicht.

Bei einem Blick in das Innere offenbart sich jedoch der wahre Wert. Das Fahrzeug war fachmännisch als „Fernreisemobil“ mit Hubdach ausgebaut worden. Und das zu einer Zeit, als es so etwas in dieser Perfektion noch nicht gab. Die Innenausstattung war auf außergewöhnlich perfekte Art und Weise und mit viel Liebe zum Detail multifunktional zu einem fernreisetauglichen Fahrzeug umgebaut worden.

Mit dem Kfz-Brief beginnt die Recherche

Die Einrichtung konnte jeweils mit wenigen Handgriffen zum Kochen, Essen und Schlafen hergerichtet werden. Dazu kommt noch eine weitere Besonderheit, wie Walter beim Öffnen der ersten Schrankklappe sofort feststellt. Für die vielen Fächer wurde nicht das damals übliche Bootsbau-Sperrholz verwendet. Vielmehr bestehen die Einbauten komplett aus fachmännisch bearbeitetem Stahlblech. Auch in der eigentlichen Struktur der Karosserie waren äußerst fachmännisch viele Eingriffe erfolgt. Das hat ein Profi gemacht, ist Walter überzeugt, und kauft den nicht fahrbereiten Bulli.

Danach beginnt er mit den Recherchen. Er findet den ersten bekannten Vorbesitzer Werner Frey durch Angaben im Kfz-Brief. Dieser wiederum kann Walter eine ganze Menge zur Vorgeschichte des Busses berichten und erzählt ihm, dass er den Bulli 1966 als Student zusammen mit drei Studienfreunden für 500 DM erworben habe. Die erste Fahrt mit dem Fahrzeug erfolgte 1966 nach Indien. Werner Frey und seine Ehefrau übernahmen den VW-Bus 1969 und setzten den Camper bei zahlreichen Fernfahrten ein, die beispielsweise an das Nordkap, in die Sahara oder in den Irak führten.

Die Geschichte begann 1956 in Neu-Ulm

Der inzwischen pensionierte Lehrer Frey weiß auch, dass das Auto 1956 als Bus ursprünglich an einen VW-Händler in Neu-Ulm ausgeliefert wurde. Dessen Bruder war als Ingenieur bei der ebenfalls in Neu-Ulm ansässigen Firma Magirus beschäftigt. Diese war damals ein bekannter Hersteller von Lastkraftwagen. Daneben baute man ab 1951 den T1 zu einem Feuerwehrfahrzeug mit der Typenbezeichnung Kleinlöschfahrzeug (KLF) 8 um.

Ob der clevere Ingenieur den offiziellen Auftrag hatte, daneben auch den Umbau zum Camper auszuführen oder ihn sich in seiner Freizeit vornahm, konnte von Walter nicht mehr eruiert werden, da keine Firmenunterlagen mehr existieren. Ebenso, wo der Ingenieur mit seinem Fahrzeug die ersten rund 200.000 Kilometer verbracht hat, die beim Verkauf auf dem Tacho standen.

Sicher ist laut Walter nur, dass der Mann maximal 1,75 Meter groß gewesen sein kann. „Genau dieses Maß haben das Bett und die Hubdachhöhe“. Dass es sich bei dem Fahrzeug um eine einmalige Rarität, oder gar einen Prototyp handelt, ist für ihn jedenfalls sicher.

Zu Walters Bekanntenkreis gehört auch der bekannte Motorjournalist und Chefredakteur eines Automagazins Jan-Henrik Muche. Ihm nannte Walter während der Recherche für einen Artikel über ein anderes Thema auch ein paar Daten zum Camper. Am vergangenen Wochenende beschäftigten sich nun Muche und der Fotograf Roman Rätzke aus Hamburg einen ganzen Vormittag bei Walter ausgiebig mit dem Fahrzeug.

Der Autor war begeistert und löcherte den Kreisarchivar mit seinen vielen Fragen zur Technik und Geschichte der Rarität. Damit machte er Walter eine Freude – so konnte er selbst Fragen zum kleinsten Detail mit einem gewissen Stolz und Begeisterung beantworten. Der Fotograf bannte innen wie außen ausführlich jede Besonderheit des Campers auf seine Speicherkarte. Das außergewöhnliche Fahrzeug wird dadurch in einer der nächsten Ausgaben der Auto Bild Reisemobil wieder Beachtung erhalten.

nach oben Zurück zum Seitenanfang