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Extreme Erfahrung in fremdem Land

Torhüter aus Rastatt spielte als erster deutscher Fußball-Profi im Iran

Ronny Kockel, Fußball-Torhüter aus Rastatt, blickt auf eine bewegte Karriere zurück. Sein spektakulärstes Engagement hatte er beim iranischen Erstligisten Paykan Teheran.

Ausverkauftes Haus: Als Ronny Kockel (links) mit Paykan Teheran im Stadtderby gegen Persepolis antrat, strömten 60.000 heißblütige Fans ins Stadion. Foto: pr

Ronny Kockel hatte einen Traum. Der Fußball-Torhüter aus Rastatt wollte unbedingt erstklassig spielen. In der Saison 2007/08 ging dieser Wunsch in Erfüllung, wenn auch komplett anders als Kockel sich das vorgestellt hatte. Der im sächsischen Räckelwitz geborene Keeper, der in Mittelbaden für den FC Rastatt 04, FV Plittersdorf und VfB Gaggenau aktiv war, hatte eigentlich die deutsche Bundesliga im Visier.

Nach den Stationen VfR Pforzheim, SV Sandhausen, TSF Ditzingen, VfV Hildesheim, Stuttgarter Kickers, Olympiakos Nikosia und Eintracht Trier war es 2005 dann auch fast soweit, als er als dritter Torwart zum Aufgebot des Bundesligisten Arminia Bielefeld gehörte.

Bei Arminia Bielefeld auf der Bank

Die Ostwestfalen hatten nach ihrem damals siebten Aufstieg in die Bundesliga den Klassenverbleib vorzeitig in trockene Tücher gebracht. In den letzten beiden Spielen der Saison 2004/05 gegen Hansa Rostock und den VfL Wolfsburg durfte Kockel an der Seite von Patrick Owomoyela und Delron Buckley auf sein Bundesliga-Debüt hoffen. Doch daraus wurde nichts. Interimstrainer Frank Geideck gab Stammtorhüter Matthias Hain den Vorzug und ließ Kockel auf der Bank schmoren.

Drei lange Jahre später kam dann die nächste Chance, in der höchsten Liga zu spielen. Und diese nutzte er – allerdings nicht in Deutschland, sondern in Vorderasien. Kockel, obwohl zuvor in Nikosia nicht glücklich geworden, ließ sich auf das zweite Auslandsabenteuer ein und nahm das Angebot von Paykan Teheran an. In der iranischen Premier Football League absolvierte er 2008 acht Partien.

Warmlaufen unter strengen Blicken: Die Porträts der Ayatollahs waren auch auf dem Trainingsgelände von Paykan Teheran allgegenwärtig. Foto: pr

Mit seinem Engagement in Teheran schrieb Kockel Fußball-Geschichte. Während bis dahin schon einige deutsche Trainer in der Islamischen Republik tätig waren, unter anderem Egon Coordes, Ernst Middendorp, Rainer Zobel und Klaus Schlappner, war Kockel der erste aktive Spieler aus Deutschland, der sein Geld als Fußball-Profi im Iran verdiente.

Das war schon eine extreme Lebenserfahrung, die mich geprägt hat.
Ronny Kockel / Fußball-Torhüter

„Das war schon eine extreme Lebenserfahrung, die mich geprägt hat “, sagt der 44-Jährige. „Ich bin da ganz alleine rüber, die Verständigung war schwierig.“

Blutiges Glücksritual

Vieles erwies sich als gewöhnungsbedürftig. So etwa, dass vor den Begegnungen regelmäßig ein Schaf geschlachtet wurde und die Spieler durch das Blut des getöteten Tieres waten mussten – ein vermeintliches Glücksritual, an dem sich Kockel anfangs auch beteiligte. „Als wir dann gegen Rahahan mit 0:5 verloren haben, bin ich da nicht mehr durchgelaufen. Von Glück konnte keine Rede sein. Wenn ich nicht so gut gehalten hätte, wären es zehn Gegentore geworden“, erzählt Kockel..

Es war eine bis dato für ihn unbekannte Welt, mit der er sich tagtäglich konfrontiert sah. Kritik am eigenen Verein war den Spielern vertraglich untersagt. Verschleierte Frauen, absolutes Alkoholverbot, das gemeinsame Gebet vor den Spielen, die heißblütigen Fans, die Einzelkabine beim Duschen, damit keiner zu viel vom anderen sah, der abenteuerliche Verkehr in der Metropole Teheran, die Gastfreundschaft der Menschen.

Kockel saugte die Eindrücke in sich auf und möchte die Erfahrungen nicht missen. Aus der Politik hielt er sich heraus. „Natürlich verfolge ich die Entwicklungen, aber ich bin zum Fußball spielen da und nur darüber spreche ich“, ließ er sich damals zitieren.

Abruptes Ende des Engagements

Das abrupte Ende des Iran-Engagements hätte er sich gerne erspart. In der Saison 2008/09 sollte es sportlich bei Paykan weitergehen. Nach dem Urlaub in der badischen Heimat erlebte er nach der Rückkehr in den Iran aber eine böse Überraschung. „Der Verband hatte während meiner Abwesenheit ein Gesetz verabschiedet, das ausländischen Keepern verboten hat, in der höchsten iranischen Liga das Tor zu hüten. Damit sollten die einheimischen Torhüter gefördert werden“, schildert er die Umstände, die für ihn das Aus im Iran bedeuteten.

Es war aber in jedem Fall eine außergewöhnliche Geschichte.
Ronny Kockel

„Es war aber in jedem Fall eine außergewöhnliche Geschichte“, sagt Kockel, der dem Fußball bis heute treu geblieben ist. Beim KFC Uerdingen nach dem Iran-Abenteuer als Spieler und Trainer beschäftigt, coacht er derzeit die A-Junioren des Krefelder Clubs VfR Fischeln. „Eine Aufgabe, die mir viel Spaß macht“, so der zweifache Familienvater, der in Kamp-Lintfort wohnt und als Bau- und Belegungsmanager für Seniorenheime sein Geld verdient.

Ronny ist ein Aushängeschild des Fußballs in Krefeld.
Thomas Schlösser / ehemaliger Vorsitzender des VfR Fischeln

Der ehemalige VfR-Vorsitzende Thomas Schlösser, Urgestein des Vereins, weiß, was er an dem Rastatter hat: „Ronny ist ein Aushängeschild des Fußballs in Krefeld.“

Ronny Kockel spielte 2008 für den iranischen Erstligisten Paykan Teheran. Foto: pr

Träume hat Kockel immer noch. Es muss darin ja nicht um die Bundesliga gehen. „Wir wollen den Jungs hier etwas bieten und in der Niederrheinliga bleiben. Es wäre prima, wenn das klappt“, sagt einer, der den Fußball lebt – egal ob ganz oben oder an der Basis.

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