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Sommerrätsel 2020 Lösung 2

Allein unter Wachspuppen: Markgräfin Sibylla Augusta betete tagelang in ihrer Eremitage im Rastatter Schloss Favorite

Im zweiten Teil unseres BNN-Sommerrätsels war die Eremitage im Park von Schloss Favorite bei Rastatt gesucht. Auch Magdalenenkapelle und Einsiedelei gelten als richtige Lösung.

Mystischer Rückzugsort: In der Eremitage im Schlosspark Favorite soll Markgräfin Sibylla Augusta tagelang gebetet haben. Foto: Bayerl/SSG

Statt rauschender Röcke trug sie ein raues Büßerhemd. Statt Hofgeplauder herrschte Stille. Stumme Wachsfiguren waren die einzige Gesellschaft der badischen Markgräfin Sibylla Augusta, wenn sie sich tagelang in ihre Eremitage bei Schloss Favorite zurückzog, um zu beten.

Fast 300 Jahre ist die badische Fürstin nun schon tot, doch ihre Puppen mit den Wachsgesichtern halten heute noch die Stellung in dem düsteren, muffig riechenden Rückzugsort. „Das ist echtes Menschenhaar – und die Augen sind aus Glas“, erklärt Schlossführerin Sybille Haferkorn und zeigt auf das kuriose Wachsfigurenkabinett.

Drei Puppen sitzen auf einem Podest am Tisch beisammen: es ist die Heilige Familie. Eine Stufe tiefer steht ein schlichter Holzhocker. „Darauf soll die Markgräfin gesessen und ihr karges Mahl eingenommen haben“, sagt Haferkorn. Sie sagt das lächelnd. Denn es gibt zwei Gewissheiten. Erstens: „Die Markgräfin war sehr gläubig.“ Zweitens: „Es gibt viele Legenden darüber.“

Mark Twain ging einer Legendenbildung auf den Leim

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain setzte eine eigene Version in die Welt, nachdem er Favorite und die Eremitage im Park besucht hatte. Als „rohes hölzernes Bauwerk ohne jede Verzierung“ bezeichnete er den achteckigen kapellenartigen Bau.

„Es heißt, die Markgräfin habe sich immer mehrere Monate hintereinander der Ausschweifung und einem äußerst lockeren Lebenswandel ergeben, sich dann in diese elende Holzhütte zurückgezogen und ein paar Monate damit verbracht, zu bereuen und sich auf die nächste Vergnügungszeit vorzubereiten“, schrieb Twain in seinem Buch „Bummel durch Europa“.

Beliebt bei Spaziergängern: Schloss Favorite und sein Park bei Rastatt-Förch. Foto: Elvira Weisenburger

Er behauptete fälschlicherweise sogar, Sibylla Augusta sei in der Eremitage gestorben. Nach einer großen „Orgie” habe sie die letzten zwei Lebensjahre dort verbracht: „Sie schloß sich dort ohne Gesellschaft und sogar ohne Dienerin ein, und so entsagte sie der Welt und gab sie auf. Sie kochte selbst in der winzigen Küche; sie trug ein härenes Hemd direkt auf der Haut und geißelte sich mit Peitschen – diese Hilfsmittel zur Erlangung der göttlichen Gnade sind noch heute dort ausgestellt. (...) Sie bettete sich wie eine Sklavin.“

Tatsächlich sind auch heute noch Geißelinstrumente in einer kleinen Vitrine der Eremitage zu bestaunen. Und im sogenannten Schlafzimmer liegt nur eine löchrige Flechtmatte auf dem harten Boden. „Es hieß, die Markgräfin habe darauf geschlafen“, erklärt Schlossführerin Haferkorn, „aber das kann nicht sein, denn die Matte ist aus dem 19. Jahrhundert.“

Und aus der gleichen Zeit stammten auch die Marterinstrumente. Damals kam bereits der Tourismus in Schwung. Die Requisiten waren für die Gäste platziert worden. Twain ging also der damaligen Legendenbildung auf den Leim, als er 1878 das Schlösschen bei Rastatt besuchte – und seine Fantasie tat ein Übriges.

Alles nur Schau?

Was die Küche in der Eremitage angeht: Sibylla Augusta dürfte nie dort gekocht haben. Die Wände über dem Herd sind zwar geschwärzt. Aber: „Der Herd hat gar keinen Abzug“, erklärt Haferkorn. Das sei eine typische „Inszenierung“ des Barockzeitalters gewesen. „Vermutlich bekam die Markgräfin ein schlichtes Essen aus der Schlossküche gebracht, wenn sie hier war“, sagt die Schlossführerin.

Auf dem Boden hat sie wohl auch nie geschlafen. „Der Reiseschriftsteller Johann Georg Keyssler war zu Lebzeiten der Markgräfin hier“, sagt Haferkorn. „Er schrieb, in der Eremitage stand ein schlechtes Bett ohne Vorhänge.“

Als gesichert gilt: In ihre Rolle als Sünderin soll sich die Witwe des „Türkenlouis“ zeitweise tatsächlich sehr hineingesteigert haben. „Hugo von Schönborn kam sie einmal im Büßerhemd entgegen, als er zu Besuch kam“, berichtet die Schlossführerin. Der Speyerer Fürstbischof war der Markgräfin freundschaftlich verbunden. Er soll immer wieder versucht haben, sie von übertriebenen Selbstkasteiungen abzuhalten. Denn phasenweise stand Sibylla Augusta unter starkem Einfluss des Jesuitenpaters Mayr aus Baden-Baden. Sie nahm der Überlieferung nach auch an einem Flagellanten-Umzug in Rastatt teil – mit einer Dornenkrone. Ob sie sich selbst bei der Prozession auch gegeißelt hat, ist offen.

Markgräfin Sibylla identifizierte sich mit Maria Magdalena

Mit der Sünderin Maria Magdalena identifizierte sie sich jedenfalls stark. Der biblischen Frauenfigur ist die Magdalenenkapelle gewidmet, die den hohen Zentralraum der Eremitage einnimmt. Sie und Jesus sind gleich mehrfach als Wachsfiguren darin dargestellt. Bei der Fußwaschung zum Beispiel. Oder bei der Begegnung zwischen Maria Magdalena und Jesus, dem Gärtner. Einen Spaten hält die Jesus-Puppe in dieser Szene in der Hand. Sybille Haferkorn weist auf die Magdalenen-Wachspuppe hin, die vor Jesu Kreuz kniet: „Diese Gesichtszüge - das ist die Markgräfin”, sagt sie.

Eigenartige Atmosphäre: Wachsfiguren dominieren in der Magdalenenkapelle. Foto: Elvira Weisenburger

An den Wänden über den Wachsfiguren hängen diverse Marterinstrumente. Ein Hammer und lange Nägel erinnern an die Kreuzigungsqualen. Die eigentümliche Atmosphäre in der Kapelle wird durch das gelbliche Licht noch verstärkt - es fällt durch die kleinen Oberlichter im Turm. „Schauerlich” fand schon Mark Twain diese Szenerie und die Puppen, diese „toten Gestalten mit Haarschöpfen, mit leichenhafter Gesichtsfarbe und an Fische erinnernden Glasaugen”.

Ein Bild ihrer toten Tochter über dem Eingang

Über dem Eingang zur Magdalenenkapelle hängt ein besonderes Gemälde: Es zeigt eine junge Frau auf dem Totenbett. „Das ist die Tochter der Markgräfin”, erklärt Haferkorn. „Sie war aus politischen Gründen mit dem Herzog von Orléans nach Frankreich verheiratet worden. Sie starb mit 22 Jahren im Kindbett.”

Augusta Marie Johanna war die einzige Tochter der Markgräfin, die überhaupt das Erwachsenenalter erreichte. Sechs ihrer insgesamt neun Kinder starben sehr früh. Diese schmerzlichen Verluste bewogen die Markgräfin auch dazu, diverse Wallfahrten zu unternehmen.

Ihre eigene Mutter hatte Sibylla Augusta, eine geborene Prinzessin von Sachsen-Lauenburg, bereits im Alter von sechs Jahren verloren. Sie wuchs in Böhmen auf. Ihre Familie war vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert. Als 15-jährige Vollwaise wurde die reiche Erbin mit dem 20 Jahre älteren badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm, dem Türkenlouis, verheiratet. Sie soll ihn bewundert haben. Nach seinem frühen Tod ließ sie sich oft im Witwenkleid malen.

Die sittenstrenge Katholikin war zugleich Gastgeberin rauschender Kostümfeste. Sie ließ ihr Schlösschen Favorite aufs Erlesenste ausstatten, liebte manchen Luxus. Ihr opulentes Tafelgeschirr verzückt heute noch die Besucher. „Das war eben der Barockmensch”, erklärt Schlossführerin Haferkorn diese Ambivalenz zwischen Lebenslust und Lebensflucht. Elvira Weisenburger

Schloss Favorite

Bei Führungen in Schloss Favorite sind derzeit im Erdgeschoss der Festsaal, die Schauküche und die Fayencen-Ausstellung zu sehen. Geöffnet ist das Schloss donnerstags bis sonntags von 11 bis 16 Uhr, stündliche Führungen von 11 bis 15 Uhr.

Aufgrund der Pandemie-Sicherheitsstandards sind die übrigen Prunkräume und die engen Räume der Eremitage vorerst nicht für Besuchergruppen zugänglich. Doch ein Spaziergang durch den Schlosspark und zur mystisch anmutenden Eremitage lohnt immer. Infos im Internet: schloss-favorite-rastatt.de.

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner

Bei der Nachricht, dass sie bald mit einem Heißluftballon in die Lüfte abheben wird, entfährt Monika González aus Sasbach zunächst ein kleiner Freudenschrei. Die 63-Jährige nimmt jedes Jahr am BNN-Sommerrätsel mit - bislang ohne Erfolg. „Ich war letztes Jahr schon traurig, dass ich nichts gewonnen habe”, gibt sie zu. Mit der Traurigkeit ist es jetzt vorbei, denn Monika González hat diesmal den Hautpreis gewonnen. Sie selbst ist noch nie mit einem Heißluftballon gefahren. Ihr Mann Jorge hat da schon mehr Erfahrung. Ob er seine Frau bei der Fahrt beruhigen kann? Ganz schwindelfrei ist Monika González nämlich nicht.

Monika González aus Sasbach hat beim zweiten Sommerrätsel eine Fahrt mit dem Heißluftballon gewonnen. Foto: Samuel González

Den Geschenkkorb mit badischen Spezialitäten hat Marianne Laug aus Gaggenau gewonnen.

Die Gewinner der drei Wanderführer sind Ilka Specker-Krasting aus Pfinztal, Friedbert Schwarz aus Bruchsal und Sarah Dollansky aus Graben-Neudorf.

Die drei DVD-Boxen „Zurückgespult” gehen an Gerda Schmitt aus Achern, Wolfgang Baumstark aus Karlsruhe und Elisabeth Schaible aus Waldbronn.

Teil 3 des Sommerrätsels

Der nächste Teil unserer Sommerrätsel-Serie „Rekorde und Kuriositäten” erscheint am kommenden Montag, 17. August.

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