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Viel Unsicherheit

Wie Karlsruher Kulturveranstalter mit Corona-Einschränkungen in die Saison starten

Endlich wieder auf die Bühne – das dürfte bei vielen Künstlern die zentrale Hoffnung bei der nun beginnenden Herbstsaison sein. Doch für die Organisatoren bleibt viel Unsicherheit.

Zurück auf die Livebühne: Auf diesem Weg sind derzeit etliche Künstler, darunter die deutsche Band „Heroes“, die sich vor der Musik von David Bowie verneigt. Am 4. Oktober gastiert die Formation im Jubez - vor Corona-bedingt reduziertem Publikum auf festen Sitzplätzen. Foto: Mr. Joas Photography

Trotz Corona beginnt das Bühnenprogramm wie üblich in der zweiten Septemberwoche. Beispielsweise im Jubez, wo am 19. September der Stand-Up-Comedian Stefan Danziger auftritt und eine Woche später, am 26. September, die Reihe „Die witzige Dreifaltigkeit“ fortgesetzt wird.

Doch natürlich ist es kein Saisonstart wie üblich: Klar ist, dass jeder Abend den Corona-Regeln folgen muss. Und nicht nur deshalb ist es für die Veranstalter noch unklar, wie es mit dem Publikumszuspruch aussehen wird.

„Derzeit ist alles ein ‚work in progress‘“, sagt beispielsweise Martin Holder vom Mühlburger Kulturzentrum Tempel. Dort wird am Donnerstag, 17. September, erstmals seit dem Shutdown wieder ein Indoor-Konzert geboten. Der Karlsruher Jazz-Drummer Michael Mischl präsentiert mit seinem Trio Trimar unterschiedliche Facetten des Latin Jazz. Mit dabei sind Alberto Diaz Castillo am Piano und Carlos Josué Remis Lorenzo am Bass.

Am Freitag, 18. März, spannt dann das Duo Café del Mundo unter seinem Motto „guitarize the world“ auf zwei Gitarren den Bogen von Bach bis zu Santana. Und am Samstag, 19, März, gibt es eine Premiere des Tiyatro Diyalog: In dem Solostück „Die heimatlose Wahrheit“ spielt Theaterleiter Ruşen Kartaloğlu einen Meddah, einen traditionellen türkischen Geschichtenerzähler, der in Konflikt mit der Obrigkeit gerät.

Derzeit ist alles ein „work in progress“.
Martin Holder, Kulturzentrum Tempel

In der Scenariohalle des Tempels werden unter Corona-Bedingungen gerade mal 30 bis 40 Menschen Platz finden – je nachdem, ob die Besucher einzeln oder in Kleingruppen kommen. „Wir müssen aber erst mal schauen, ob und wie die Leute überhaupt kommen“, räumt Holder ein. Genau so sieht es auch Klaus-Peter Weber vom Jubez, der im großen Saal seines Hauses eine Kapazität von rund 70 Besuchern sieht - normalerweise wäre dort Raum für rund 300 Sitzplätze.

Die Freiluft-Programme im Sommer hätten zwar ganz gut funktioniert, sagen Weber und Holder, deren Einrichtungen beide am Kulturring-Festival „Toujours Kultur“ auf dem Schlachthof-Gelände beteiligt waren. „Da hat man schon gemerkt, dass das Publikum sich freut, wenn wieder etwas geboten wird“, so Weber. Auch die ungewohnte Atmosphäre mit Distanz und festen Sitzplätzen habe gut funktioniert. „Aber wie das jetzt drinnen wird, zumal wenn es erst mal so warm bleibt, kann niemand sagen.“

Unsicherheit bei internationalen Acts

Insofern setzt sich auch mit dem Saisonstart die Unsicherheit der vergangenen Monate fort. „Es war zwar ein großer Schritt, dass Maßnahmen jetzt eher lokal als global getroffen werden und nicht alles auf einmal geschlossen wird“, befindet Weber. „Aber letztlich ist es immer noch sehr schwierig, Veranstaltungen zu planen.“ So ist bei internationalen Künstlern weiterhin unklar, ob sie tatsächlich auf Tour gehen können - und bei vielen würde sich der Aufwand angesichts der eingeschränkten Besucherkapazitäten gar nicht lohnen. Daher sind viele der eigentlich für diesen Herbst geplanten Konzerte bereits ins Frühjahr 2021 verschoben. „Das führt dazu, dass wir dort schon jetzt kaum noch freie Termine haben“, erklärte Weber, der hofft, nicht erneut umplanen zu müssen.

Wir müssen erst mal schauen, ob die Leute überhaupt kommen.
Klaus-Peter Weber, Jubez

Sicherer ist die Situation bei regionalen und nationalen Acts. So gastiert am 8., Oktober die David-Bowie-Tribute-Band „Heroes“, die sich schon vor einiger Zeit erfolgreich im Jubez vorgestellt hat und die vielseitige Karriere des unvergessenen Stars beleuchtet. Zudem gibt es internationale Künstler, die in Deutschland leben wie der Bluesgitarrist Jim Kahr (29. Oktober). Ansonsten umfassen die ersten Wochen eher Lesungen und Kabarett. „Richtige Rockkonzerte wären bei den derzeitigen Einschränkungen fürs Publikum eher schwierig“, gibt Weber zu bedenken.

Daher habe man sich entschlossen, zunächst einmal Programm zu bieten, das vor sitzendem Publikum funktioniert und nicht auf mehrere hundert Besucher ausgelegt ist. Nach den bereits erwähnten Comedy-Programmen folgen am 29. September die musikalische Lesung „Viel Lärm um alles“ mit Thomas Zimmer und Volker Schäfer, am 30. September eine Romanlesung von Thorsten Nagelschmidt, der eigentlich als Sänger der Punkband Muff Potter bekannt ist, und am 2. Oktober Musikkabarett mit Henning Schmidtke. Im Rahmen der Karlsruher Literaturtage schließen sich ein Theaterstück („Die Schattenfrau“ am 6. Oktober) und eine Lesung (Lisa Krusche und Stefanie Schweizer am 11. Oktober) an.

Musiker bereit zum „Abspecken“

Doch es gibt Ausnahmen: Die Zöller Network Session, die Konzertreihe des Ex-Bap-Schlagzeugers Jürgen Zöller, wird am 23. Oktober fortgesetzt. „In diesem Fall war der Impuls der Musiker klar: Hauptsache, mal wieder live spielen“, lacht Weber. Zudem stehen am 16. und 24. Oktober zwei Vorrunden-Abende des New-Bands-Festivals an. Und als internationaler Gast wird am 4. November der britischen Gitarrist Aynsley Lister erwartet. „Der spielt zwar üblicherweise vor deutlich größerem Publikum, war aber bereit, sich mit der Einschränkung auf 70 Besucher zu arrangieren“, erklärt Weber.

Man merkt, dass die Mehrzahl der Künstler einfach etwas machen will.
Martin Holder, Kulturzentrum Tempel

Eine ähnliche Situation hat Martin Holder im Tempel mit dem Emil Brandqvist Trio: Die „schönste Blume des Piano-Trio-Genres“, wie die Formation schon genannt wurde, spielt üblicherweise vor über 100 Menschen und lässt sich am 24. Oktober dennoch auf die Einschränkungen in der Scenariohalle ein. „Man merkt, dass die Mehrzahl der Künstler einfach etwas machen will“, so Holder. Und räumt ein: „Es gibt ja auch im Normalbetrieb immer mal Abende, an denen nur 30 Leute da sind. Wir wissen schon, wie man mit ein paar Tischen im Raum eine gute Atmosphäre hinkriegt, obwohl der Saal nicht ausverkauft ist.“ Und Zwei Tage vor Brandqvist, am 22. Oktober, gastiert Helena Bergmann, die für ihre Mischung aus Folk, Funk und Jazz von der FAZ schon mit dem Slogan „fantastische Stimme, fantastische Songs“ gelobt wurde.

Festival „Tanz Karlsruhe“ ist geplant

Neben dem Jazz ist im Tempel auch das Tanztheater beheimatet - und auch dort geht es weiter. So bringt die Tanztribüne um Hans Traut am 26. September ihr neues Stück „Melancholia“ heraus, das am 27. September eine weitere Aufführung erlebt. Und sogar das jährliche Highlight im Tempel-Programm scheint gerettet: Für 3. bis 17. November ist eine Corona-gemäße Ausgabe des Festivals „Tanz Karlsruhe“ angekündigt. Das ursprünglich geplante Programm mit großen internationalen Gastspielen ließ sich zwar nicht realisieren. Dafür gibt es regionale Beiträge im Tempel, einen Abend im Staatstheater und Gruppen aus Kanada und den Niederlanden, die im ZKM einmal mehr die Grenze zwischen Tanz und Medienkunst ausloten wollen.

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