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Streit unter Konservativen

Treffen abgesagt: US-Senator wirft CDU-Chef Friedrich Merz „Cancel Culture“ vor

Unbequeme Meinungen zu „canceln“ – diese Unart verorten Konservative gerne bei der politischen Linken. Jetzt muss sich Friedrich Merz dieses Vorwurfs erwehren. Ein Ex-Botschafter nennt den CDU-Chef sogar „feige“.

27.09.2018, USA, Washington: Lindsey Graham, republikanischer Senator, spricht während der Anhörung des Richterkandidaten Kavanaugh im US-Senat. Graham hat während der Anhörung zu einer wütenden Schimpftirade gegen die Demokraten ausgeholt. Foto: Saul Loeb/POOL AFP/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Will nicht mehr: Lindsey Graham, republikanischer US-Senator ist sauer auf CDU-Chef Friedrich Merz. Foto: Saul Loeb picture alliance/dpa

Andere Sichtweisen zu „canceln“, also unbequeme Meinungen zu unterdrücken – diese gesellschaftliche Unart werfen Konservative zuweilen Vertretern der politischen Linken vor.

Jetzt muss sich ausgerechnet Friedrich Merz des Vorwurfs erwehren. Erhoben wird er vom republikanischen US-Senator Lindsey Graham. Und Ex-Botschafter Richard Grenell beschimpft Merz sogar als „feige“.

Wie konnte es so weit kommen? Das Stück der Kategorie Sommertheater beginnt recht harmlos mit einem Veranstaltungshinweis in den Sozialen Netzwerken. Eine unionsnahe Kampagnen-Agentur namens „The Republic“ lud zu einem „Transatlantischen Forum“ mit dem einflussreichen US-Senator Lindsey Graham und CDU-Chef Friedrich Merz ein. Dieses sollte eigentlich Ende August in den großzügigen Räumlichkeiten der baden-württembergischen Landesvertretung am Berliner Tiergarten stattfinden.

Schande über den feigen Merz.
Richard Grenell, ehemaliger US-Botschafter in Berlin

Graham gilt als langjähriger Trump-Vertrauter. Bei dessen unrühmlicher Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2021 soll Graham versucht haben, mit Druck auf die Entscheidungsträger das Ergebnis der Wahl in Georgia zu fälschen. Letztlich distanzierte sich der 67-Jährige aber auch von Trumps Lüge von der gestohlenen Wahl.

Vor diesem Hintergrund sorgte das geplante Treffen beim politischen Gegner schnell für Kritik. „Angesichts der seit Jahren voranschreitenden Radikalisierung der Republikanischen Partei ist das eine bemerkenswerte Konstellation“, erklärte etwa SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert.

Merz wollte außenpolitisches Profil schärfen

Bei der CDU betonte man wiederum, dass ein Treffen mit jedem US-Senator völlig legitim sei. Und so sah zunächst alles danach aus, dass Merz nach seinen viel beachteten Besuchen in Kiew und Warschau mit dem Graham-Treffen weiterhin sein außenpolitisches Profil sowie sein Standing bei Parteirechten pflegen könnte.

„Die Bundesregierung tut nicht das, was der Bundestag beschlossen hat: nämlich schwere Waffen zu liefern“: Friedrich Merz.
Würde gerne: CDU-Chef Friedrich Merz sieht sich missverstanden. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Doch dann geriet der Plan außer Kontrolle. Offenbar erst nach seiner Zusage und eher zufällig soll Merz Parteikreisen zufolge erfahren haben, dass neben dem US-Senator auch zwei umstrittene wie streitbare deutsche Medienpersönlichkeiten eingeladen waren: der rechtskonservative Publizist Henrik M. Broder („Achse des Guten“) sowie ein schillernder Anwalt namens Joachim Steinhöfel.

US-Senator fährt Merz voll in die Parade

Offiziell will man sich dazu bei der CDU nicht äußern, aber insbesondere die Teilnahme Steinhöfels, dem Kritiker AfD-Nähe unterstellen, soll Merz bewogen haben, seine Zusage schließlich zurückzuziehen. Auch den Verantwortlichen der baden-württembergischen Landesvertretung wurde die Sache zu heiß. „Die nun genannten Referenten weisen eine starke Nähe zur AfD auf. Die Veranstaltung ist daher dazu geeignet, das Ansehen der Landesvertretung zu beschädigen“, teilte ein Sprecher am Dienstag mit.

Merz betonte gleichwohl, dass er an einem „privaten Treffen“ mit dem Republikaner in jedem Fall festhalte. Zunächst schien das auch möglich. Doch CDU-Bundesvorsitzende hatte die Rechnung ohne den Senator gemacht.

Graham fuhr dem CDU-Chef voll in die Parade und verkündete seinerseits, er werde sich nun überhaupt nicht mehr mit Merz treffen. Begründung: Konservative würden sich „nicht gegenseitig ,canceln’, bevor sie sprechen“, erklärte Graham der „Bild“-Zeitung zufolge. CDU-Kreise bestätigten die Absage aus Washington gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten.

Wirbel um abgesagtes Treffen: Ex-Botschafter nennt CDU-Chef feige

Auch der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, machte aus seinem enttäuschten Herzen keine Mördergrube. „Schande über den feigen Merz“, twitterte der bedingungslose Trump-Unterstützer. Grenells Urteil: Der Führer der Konservativen in Deutschland habe sich mit der Absage vor dem „woken Mob“ der „intoleranten Linken“ verbeugt.

Merz selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorgängen äußern. Ein erfahrener Berliner CDU-Funktionär sagte im Hintergrundgespräch mit dieser Redaktion: „Aus der Sache gehen alle als Verlierer hervor.“

Warum die Veranstalter, die eigentlich das konservative Element in der Union stärken wollen, Merz überhaupt erst in die ungute Situation gebracht haben, ist unklar. „The Republic“ war für eine Anfrage dieser Redaktion am Mittwoch nicht erreichbar.

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