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Abrechnungsdienstleister insolvent

Kein Geld für Rezepte: Apotheken in Baden-Württemberg droht die Pleitewelle

Allein in Baden-Württemberg stehen 300 Apotheken vor finanziellen Problemen. Ihr Verband warnt vor einer Pleitewelle. Ursache ist die überraschende Insolvenz eines Dienstleisters, der das Geld für Medikamente bei den Krankenkassen eingetrieben hat.

ARCHIV - 31.03.2020, Sachsen, Leipzig: Blick in das automatisierte Medikamentenlager einer Apotheke. Die Corona-Pandemie könnte zum Risiko für die ausreichende Lieferung von Medikamenten und Impfstoffen werden. Ärzte, Apotheker und Hersteller erklären, wie man gegensteuert. (zu dpa «Corona-Effekt: Lieferengpässe für Medikamente möglich») Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit Foto: Jan Woitas/dpa

Knapp über eine Million Euro schulde ihm die AvP Deutschland GmbH, sagt ein Apotheker aus Pforzheim. Er betreibt mehrere Filialen und hat mit dem Düsseldorfer Abrechnungsdienstleister zusammengearbeitet, um Rezepte bei den Krankenkassen einzureichen. „Das funktioniert wie ein Scheck. Wir sammeln die Rezepte, AvP holt sie ab, rechnet mit den Kassen ab und wir bekommen das Geld Mitte des Folgemonats ausgezahlt“, erklärt der Pforzheimer, der lieber anonym bleiben möchte. „Bisher hat das reibungslos funktioniert. Es gab nicht den Hauch eines Verdachts, dass etwas schief läuft. Bis im September plötzlich kein Geld mehr kam.“

So wie dem Apotheker aus Pforzheim geht es vielen Kollegen bundesweit. Allein in Baden-Württemberg sind laut Landesapothekerverband 300 Apotheken betroffen. Das ist etwa jede siebte. In den meisten Fällen gehe es um Ausfälle von 100.000 bis 200.000 Euro, sagt Verbandsgeschäftsführerin Ina Hofferberth.

Wenn teure Krebsmedikamente verkauft wurden, sei die Summe schnell deutlich höher. „Das sind kleine und mittelständische Unternehmen, denen jetzt fast ein kompletter Monatsumsatz fehlt“, erklärt Hofferberth, warum die Lage so brenzlig sei. „Wenn die Apotheken nicht schnell Finanzhilfen bekommen, wird es bei einigen eng. Wir müssen zusehen, dass die Arzneimittelversorgung aufrecht erhalten wird.“

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bankrott

Was bei der AvP eigentlich schief ging, ist undurchsichtig. Denn das Geld für die im August bei den Apotheken eingesammelten Rezepte hat das Unternehmen von den Krankenkassen erhalten. Warum es im September nicht weitergereicht wurde, versucht nun die Staatsanwaltschaft Düsseldorf herauszufinden. Sie ermittelt gegen zwei nicht namentlich genannte Beschuldigte. Der Tatverdacht lautet Bankrott. Dabei handelt es sich um eine betrügerische Insolvenz, vor der Vermögenswerte beiseite geschafft wurden. Den Insolvenzantrag hatte zuvor die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gestellt.

Dass der Kontrollbehörde die Probleme nicht früher aufgefallen sind, bezeichnet Hofferberth als „totales behördliches Versagen“. „Die AvP ist die kleinere Schwester von Wirecard“, sagt sie und spielt damit auf den spektakulären Finanzskandal um den Zahlungsdienstleister an, bei dem die Bafin ebenfalls in der Kritik steht. „Wenn alles so gelaufen wäre, wie es hätte laufen sollen, wäre das Geld für die eingereichten Rezepte nun auf Treuhandkonten und die Apotheker hätten darauf Zugriff“, erklärt Hofferberth. „Das wurde bei AvP aber wohl vermischt. Daher ist dieses Geld nun Teil der Insolvenzmasse.“

Welchen Teil ihrer Forderungen die Apotheker am Ende beglichen bekommen, sei offen, sagt die Geschäftsführerin des Landesapothekerverbands. „Vor allem ist das Problem aber, dass sich das Insolvenzverfahren noch lange hinziehen kann.“ Die betroffenen Apotheker könnten aber nicht Monate oder sogar Jahre auf die Zahlungen warten. „Sie haben die Medikamente ja schon längst verkauft und die Großhändler haben keine Geduld. Die liefern dann nur noch gegen Vorkasse. Außerdem müssen Miete und Gehälter gezahlt werden.“

Schnellkredite für betroffene Apotheker

Im Bundestag beschäftigte sich der Gesundheitsausschuss am Mittwoch mit dem Problem. Laut Deutscher-Apotheker-Zeitung hat das Bundesfinanzministerium dort angekündigt, den betroffenen Apotheken Schnellkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit günstigen Zinskonditionen zur Verfügung zu stellen. Ausdrücklich würden aber auch noch weitere politische Maßnahmen geprüft.

Sehr wahrscheinlich werde die AvP-Pleite auch in der kommenden Sitzungswoche im Parlament Thema. Denn die Opposition – allen voran die FDP und die Grünen – wolle sogar im Rahmen von Sondersitzungen über weitere Hilfsmaßnahmen für Apotheken und politische Konsequenzen aus den Vorgängen beraten.

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