Holger Kujath (links) und Mathias Retzlaff. | Foto: PR

Seit 20 Jahren am Markt

Chatplattform „Knuddels“ aus Karlsruhe will wieder angreifen

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Bei jüngeren Erwachsenen, die um die Jahrtausendwende das Internet für sich entdeckt haben, ist die Reaktion oft dieselbe: „Knuddels? Das gibt es noch?“ Ja, „Knuddels“ gibt es noch. Die Chatplattform wurde 1999 von zwei Karlsruher Informatikstudenten gegründet.

Von Facebook, Snapchat, Twitter oder Instagram war damals noch keine Rede. Wer am Computer Kontakt suchte, meldete sich bei „Knuddels“ an und konnte Gesprächspartner in virtuellen Chaträumen treffen. Heute beherrschen Internet-Giganten aus den USA den Social-Media-Markt. Facebook zählt mit einem Jahresumsatz von 55 Milliarden Dollar zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.

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Doch trotz dieser schier übermächtigen Konkurrenz konnte sich „Knuddels“ all die Jahre behaupten. Die beiden Gründer, Holger Kujath und Mathias Retzlaff, sind nach wie vor Eigentümer und Geschäftsführer des kleinen Internet-Unternehmens. Vor einem Jahr haben sie neue, großzügige Büroräume in der Karlsruher Innenstadt bezogen. Insgesamt sind dort 40 Mitarbeiter für „Knuddels“ aktiv. Es gibt noch viel Platz für weitere. „Wir wollen wachsen“, sagt Kujath.

Erklärtes Ziel: Wachstum

Sein Geschäftspartner und Studienfreund Retzlaff erklärt: „Gerade entwickeln wir eine komplett neue technische Plattform, die auf allen Computer- und Handy-Betriebssystemen gleichermaßen funktioniert.“ Mit dieser neuen Plattform werde „Knuddels“ dann auch in den nicht-deutschsprachigen Markt vordringen.

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Bislang kommen die Chat-Teilnehmer meist aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. 301.309 einzelne Nutzer („unique users“) erreicht „Knuddels“ im Monat. So gibt es der Online-Vermarkter Netpoint Media an, über den Unternehmen Werbung auf der Chatplattform schalten können. Den Löwenanteil seines Umsatzes mache „Knuddels“ jedoch nicht mit Werbung, sondern durch den Verkauf von Zusatzdiensten, sagt Kujath.

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Niemand muss so tun, als ginge es ihm ständig gut

Für bestimmte Online-Spiele etwa muss man auf „Knuddels“ bezahlen. „Nur etwa drei bis fünf Prozent unserer Nutzer geben dafür Geld aus. Aber es reicht, um Gewinn zu erzielen.“ Das Unternehmen sei seit seiner Gründung immer profitabel gewesen und stetig gewachsen. Genaue Zahlen wollen die beiden Geschäftsführer nicht bekannt geben. Nur so viel verraten sie: Ihr Jahresumsatz liege „im einstelligen Millionenbereich“.

Nur etwa ein Viertel davon seien Werbeeinnahmen. Verglichen mit Facebook und Co sind diese Zahlen verschwindend gering. Doch die beiden Unternehmensgründer sind selbstbewusst. „2007 wollte ein großer deutscher Medienkonzern ,Knuddels‘ übernehmen“, sagt Kujath. „Aber wir haben das Angebot abgelehnt. Denn wir waren überzeugt: Wir können es besser.“

Die Nische, in der sich die Karlsruher erfolgreich behaupten, lässt sich mit einer Eckkneipe vergleichen. „Die Leute kommen zu uns, weil sie flirten wollen, alte Freunde treffen oder neue Freunde finden wollen“, sagt Retzlaff. Aber anders als in den angesagten Trendbars des Internets, Hochglanzbörsen wie Instgram, gehe es bei „Knuddels“ nicht darum, sich selbst zu präsentieren. „Bei uns muss niemand so tun, als würde es ihm ständig gut gehen“, beschreibt Kujath die Grundidee.

Die dunklen Kapitel glaubt man überwunden

Natürlich gab es in der „Knuddels“-Geschichte auch Probleme. So litt der Ruf des Chatdienstes darunter, dass sich dort immer wieder Erwachsene an Minderjährige heranmachten. Und nachdem Hacker im September 2018 Hundertausende Nutzernamen, E-Mail-Adressen und Passwörter erbeuteten, musste das Karlsruher Unternehmen ein Bußgeld wegen Datenschutz-Verstößen zahlen. Doch aus beiden Problemen habe man gelernt, versichern Kujath und Retzlaff.

Mit ausgefeilten Filterprogrammen und menschlichen Chat-Kontrolleuren sei der Jugendschutz inzwischen auf einem sehr hohen Niveau. „Im Zweifel schalten wir die Strafverfolgungsbehörden ein“, so Kujath. Auch beim Datenschutz habe „Knuddels“ aufgerüstet. Die beiden Informatiker, die bereits während ihres Studiums zu Unternehmern wurden, unterstützen nun ähnliche Projekte.

Sie haben den Karlsruher Gründerwettbewerb „Grow“ ins Leben gerufen und die ersten fünf Jahre auch finanziert. Für die Digitalbranche sei Karlsruhe der spannendste Standort in ganz Deutschland, meinen die beiden. Und sie wollen daran arbeiten, dass es so bleibt.