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Stadt "hochgradig gefährdet"

Immer mehr Pforzheimer essen in Suppenküchen: "Ich bin hier, weil ich Hunger habe und kein Geld"

Während unter der Woche im Schnitt 30 Leute die Suppenküche in Pforzheim besuchen, ist es dort an manchen Samstagen richtig voll. „Es werden noch mehr Menschen werden“, glaubt Frank Johannes Lemke. Seitdem die Suppenküche vor elf Jahren in Pforzheim öffnete, verzeichnet der Caritaschef einen steten Zulauf.

In der Suppenküche in der Kiehnlestraße erhalten Besucher an drei Tagen die Woche für 50 Cent Eintopf, Brötchen und Tee. Foto: Ehmann

Immer wenn es aufs Monatsende zugeht und in vielen Geldbörsen Ebbe herrscht, ist die Kiehnlestraße 10 eine besonders gut besuchte Adresse. Auch an diesem Tag ist der große Speisesaal der Suppenküche voll. Es gibt Pichelsteiner. Wie üblich sind es überwiegend ältere Frauen und Männer, die hier an drei Tagen in der Woche für 50 Cent Eintopf, Brötchen und Tee bekommen. Einer von ihnen ist Uwe Schulze.

Der Industrie- und Fachkaufmann ist arbeitslos, seitdem die Firma, bei der er beschäftigt war, vor zehn Jahren ins Ausland abwanderte. „Ich bin hier, weil ich Hunger habe und kein Geld“, sagt der 60-Jährige aus Bad Wildbad. Weil es dort kein solches Angebot gibt, radelt er nach Pforzheim zur Suppenküche – wie weitere Besucher. „50 Euro würde eine Monatskarte mit der Bahn kosten. Dafür können wir hier 100-mal essen.“

Pforzheimer "hochgradig gefährdet" für steigende Arbeitslosigkeit

Während unter der Woche im Schnitt 30 Leute die von Caritas und Diakonie über Ehrenamtliche betriebene Suppenküche besuchen, ist es dort an manchen Samstagen mit rund 70 Essern richtig voll. „Es werden noch mehr Menschen werden“, glaubt Frank Johannes Lemke. Seitdem die Suppenküche vor elf Jahren in Pforzheim öffnete, verzeichnet der Caritaschef einen steten Zulauf. „Wir werden wieder steigende Arbeitslosenzahlen bekommen.“

Pforzheim, das laut Arbeitsagentur landesweit nach wie vor die höchste Erwerbslosenquote und mit die meisten Hartz IV-Empfänger hat, sei hochgradig gefährdet. „Die Stadt hat es versäumt, potentes Gewerbe anzusiedeln und rechtzeitig neue Gewerbegebiete auszuweisen in Zeiten der Hochkonjunkturphase“, erklärt Lemke. Und jetzt sei es zu spät.

Lebensmittel an bedürftige Pforzheimerinnen und Pforzheimer geben diese Mitarbeiterin des Beschäftigungsträgers GBE im Tafelladen in der Zeppelinstraße aus. Er ist täglich geöffnet und hat mehr und mehr Zulauf. Foto: Ehmann

Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden

Auch in den beiden Pforzheimer Tafelläden in der Zeppelin- und in der Kelterstraße ist der Zustrom an Kunden stärker geworden, stellen Thomas Murphy und Anke Laschet vom städtischen Beschäftigungsträger GBE fest. Zu Presseberichten, wonach bundesweit mehr und mehr Rentner sowie Kinder gezwungen seien, in Tafelläden einzukaufen, vermögen Murphy und Laschet keine Aussage zu treffen: „Zahlen erfassen wir nicht. Unsere Aufgabe ist es, bedürftige Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen, egal welchen Alters und welcher Herkunft.“ Ihre Bedürftigkeit müssen Kunden nachweisen. Dies könnten in Pforzheim auch viele, die nicht im Tafelladen einkaufen, „etwa aus Angst vor Stigmatisierung“, meint Murphy.

Hauswirtschaftsleiterin Laschet leitet die Tafelläden. Das kleinere Geschäft in Brötzingen ist an vier Tagen die Woche geöffnet, das in der Zeppelinstraße täglich. Die Leute müssen Geduld mitbringen, wenn sie ihr Gemüse oder Fleisch kaufen.

Minijobs führen zu Minirenten

Im Laden in der Zeppelinstraße ist den Lebensmittelregalen und der Kasse ein Warteraum vorgelagert. Hier sitzen an diesem Vormittag vor allem Frauen, einige mit kleinen Kindern. Eine junge Mutter packt ihre Taschen voll mit Bananen, Gemüse, Backwaren und Konserven. „Ich bin alleinerziehend, habe drei Jungs und arbeite in Teilzeit als Lernbegleiterin“, erzählt sie. Ihr Nettoverdienst von 800 Euro reiche nicht, „deshalb muss ich hier einkaufen“.

Minijobs führen zu Minirenten, Betroffene sind besonders auch Frauen: „Sie arbeiten oft nur halbtags. Damit ist der Grundstein schon gelegt für Altersarmut“, erklärt Sylvia Uhlig, bei der Diakonie Pforzheim zuständig für die Beratungsstelle „Leben im Alter.“ Ein Großteil der Menschen, die zu ihr kommen, beziehe Grundsicherung oder Wohngeld. Das trifft auch für viele Suppenküchenbesucher zu, die im Schnitt weniger als 900 Euro in der Tasche haben.

Amazon ist "kleiner Segen"

„Wir haben zunehmend Menschen in fragilen Lebenslagen“, erklärt Caritaschef Lemke: Gering qualifizierte und Menschen, die wegen psychischer Erkrankungen lange Zeit nicht arbeiten konnten. Den wegen seiner Arbeitsbedingungen viel kritisierten Online-Versandriesen Amazon bezeichnet er als „kleinen Segen“, bringe er doch immerhin gering qualifizierte Menschen in Lohn und Brot. „Immer mehr Menschen werden im Alter auf Sozialhilfe angewiesen sein, das wird den städtischen Haushalt enorm belasten“, ist Lemke sicher.

Auch Joachim Hülsmann vom Jugend- und Sozialamt befürchtet in Pforzheim einen Anstieg von Menschen, die nach gängiger Definition von Altersarmut betroffen sind: 1212 über 65-Jährige erhalten Stand 2018 Grundsicherungsleistungen, das entspricht einem Anteil von knapp 4,8 Prozent der Pforzheimer Bevölkerung über 65 Jahre. Dieser Anteil habe vor fünf Jahren noch bei 4,1 Prozent gelegen. Auch gebe es eine Dunkelziffer, sagt Hülsmann: Viele Menschen bekämen Grundsicherung, beantragten sie aber aus Scham nicht.

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