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Am 29. März ist Schluss

Abschied von der ARD-Serie "Lindenstraße"

Fast 35 Jahre lang war die "Lindenstraße" fester Bestandteil des ARD-Fernsehprogramms am Sonntag. Doch am 29. März ist Schluss mit der Endlos-Soap aus einem Münchner Mehrfamilienhaus. Die sinkenden Zuschauerzahlen sind schuld daran, dass sich das Erste von seinem Flaggschiff verabschiedet.

Abschied von der ARD-Serie "Lindenstraße": Fast 35 Jahre lang war sie fester Bestandteil des ARD-Programms. Jetzt wird die "Lindenstraße" eingestellt. Foto: dpa

Fast 35 Jahre lang war die ARD-Serie "Lindenstraße" fester Bestandteil des Fernsehprogramms am Sonntag. Doch am 29. März ist Schluss mit der Endlos-Soap aus einem Münchner Mehrfamilienhaus. Die sinkenden Zuschauerzahlen sind schuld daran, dass sich das Erste von seinem Flaggschiff verabschiedet.

Irgendwie ahnten es die TV-Junkies: Als sich „Hansemann“, dieser immer etwas zappelige, verunsicherte und grüblerische Durchschnittstyp, in Folge 1685 auf Nimmerwiedersehen verabschiedete, im Beisein seiner beiden TV-Gefährtinnen Helga und Anna, lag Abschiedsschmerz über der Szenerie, ja Todesahnung.

Die "Lindenstraße" war Kult

Die „Lindenstraße“ ohne das Urgestein Hans Beimer? Keine schlabbernde Ehebrecherzunge im Schlund von Anna Ziegler? Keine Cannabis-Pflanzen auf dem Dachboden? Keine schmerzliche Pein um Sohnemann Benny? Was nutzte es der trauernden Soap-Anhängerschaft, dass die Vorabend-Lichtgestalt ein gefühlsduseliges „Das ist kein Ende. Das ist erst der Anfang“ ins Mikrofon hauchte. Als der modrige Sensenmann den fürsorglichen, empfindsamen, manchmal gar weinerlichen Familienhelden holte, den TV-Vater aller TV-Väter, war selbst dem größten Optimisten klar, dass der kleinbürgerlichen Hausgemeinschaft kein langes Leben mehr beschieden sein wird.

35 Jahre lang war die „Lindenstraße“ Kult; jetzt läutet das Totenglöckchen für das ARD-Schlachtross, neben dem „Tatort“ der erfolgreichste Dauerbrenner des deutschen Fernsehens. Das TV-Volk darf sich am 29. März nochmals auf überraschende Wendungen freuen. Mutter Beimer – gespielt von der unverwüstlichen Marie-Luise Marjan – soll Opfer eines hinterhältigen Brandanschlages werden; dafür kehrt Sohnemann Benny von den Toten zurück – wie einst Bobby Ewing in der Kult-Serie „Dallas“.

Ein Bild aus frühen «Lindenstraßen»-Tagen Helga Beimer (Marie-Luise Marjan, hinten rechts) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger, l) und ihren Kindern (l-r) Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs). Die Fernsehserie «Lindenstraße» wird nach 34 Jahren beendet. Foto: Fotoreport WDR/WDR/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des it Foto: dpa

ARD-Serie war fester Bestandteil des Sonntagsprogramms

Ein halbes Stündchen zwischen Abendbrot und Tagesschau: Für Fans des ARD-Serie "Lindenstraße" gibt es seit dem 8. Dezember 1985 sonntags nur einen Ort – vor dem Fernseher. Wenn punkt 18.50 Uhr die Kamera die Zwiebeltürme der Münchner Frauenkirche einfängt und über das blau-weiße „Lindenstraße“-Schild, teilt sich das Fernsehvolk in zwei Lager.

Fernsehvolk teilte sich in zwei Lager

Wenn wilder Streicherauftakt durch eine heimelige Mundharmonika-Melodie abgelöst wird, schalten die einen um, weil sie so viel bundesdeutsche Durchschnittlichkeit nicht ertragen. Andere haben schon die ganze Woche daraufhin gefiebert, wie es mit den Beimers, den Zieglers und den Zenkers weitergeht.

ARD-Soap war lange ein veritabler Quotenhit

Egal, wie man es betrachtet: Die sonntägliche ARD-Seifenoper ist eine feste Institution: In bislang 1.754 Folgen war sie ein veritabler Quotenbringer im Ersten. Zu den besten Zeiten schauten über 14 Millionen Neugierige in der „Lindenstraße“ vorbei; zum Schluss sackte der Wert auf unter zwei Millionen. Die „unvermeidbaren Sparzwänge“ bei der ARD seien nicht mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie vereinbar, begründete Programmdirektor Volker Herres das Aus für die TV-Ikone.

Wenn aus Köln München wird: Blick auf die Kulissen der Lindenstraße aus der gleichnamigen WDR - Fernsehserie "Lindenstraße" bei Dreharbeiten. Fans der Fernsehserie «Lindenstraße» wollen am 19.01.2019 gegen die Absetzung der Serie im kommenden Jahr demonstrieren. Foto: Horst Ossinger/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ - Verwendung weltweit Foto: None

Eine Melange aus alltäglichen Konflikten und Dramen in einem Münchner Mehrfamilienhaus, mit Akteuren, die eher spießig, als glamourös wirken, und der Einbeziehung von aktuellen Geschehnissen: Der Schöpfer der ARD-Serie „Lindenstraße“ Hans W. Geißendörfer wollte keine Hochkultur für ein verschwindend kleines Publikum, sondern „ganz normales Unterhaltungsfernsehen“, mit einem Cliffhanger am Ende jeder Folge, der sporadische Zuschauer zu eingefleischten Fans machte.

ARCHIV - 01.09.2015, Nordrhein-Westfalen, Köln: Die Produzenten Hana Geißendörfer (l) und Hans W. Geißendörfer kommen zu einem Fototermin zum 30. Jubiläum der ARD-Fernsehserie "Lindenstraße". (zu dpa «Lindenstraße»-Macher: Natürlich gibt es am Ende einen Cliffhanger") Foto: Foto: Kaiser/dpa

Vorbild für die "Lindenstraße" kam aus England

Geißendörfers Vorbild für die „Lindenstraße“ war ein Mehrfamilienhaus im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch, wo der Autor und Filmproduzent, Jahrgang 1941, seine Kindheit verbracht hatte. Seine Inspiration holte er sich bei der britischen Erfolgssoap „Coronation Street“, die seit Dezember 1960 ununterbrochen läuft und es bisher auf über 7.600 Episoden gebracht hat. Wäre der deutschen Kopie ein ähnlich langes Leben beschieden, wäre die „Lindenstraße“ noch in hundert Jahren bevölkert.

Zu Beginn der ARD-Serie hagelte es Verrisse

„Das erste Jahr war hart“, erinnerte sich der Mann mit der Wollmütze in einem Interview. Es hagelte Verrisse für die sonntägliche Soap, die in Stuben und Küchen und damit in die Seele der Deutschen spickte und mit ihrem zähen Erzählstrom die gängigen Vorstellungen von spannender Fernsehunterhaltung erschütterte.

Während „Dallas“ und „Denver“ mit rachsüchtigen, geldgierigen und Intrigen spinnenden Fieslingen aufwartete, hatte die „Lindenstraße“ nur den gutmütigen Hausmeister Egon Kling und seine grantelnde Gemahlin Else, die musizierenden Beimers sowie den Kioskbesitzer Gottlieb Griese zu bieten, dessen größter Lebenstraum darin bestand, die Welt mit einem Segelboot zu erobern.

Vom „Mietskasernenmief“ schrieb der „Spiegel“, der sich „wie Mehltau allsonntäglich über den Bildschirm legen durfte“. Ein anderer Kritiker mokierte sich über die „drögen Betroffenheitsstudien eines Weltverbesserers“ – von der anfangs billigen Filmqualität und den hölzern agierenden Schauspielern ganz zu schweigen.

Letztes TV-Lagerfeuer der Nation

Doch die Nörgler sollten sich täuschen. Schon bald mauserte sich Geißendörfers mediales Spiegelbild der bundesdeutschen Gesellschaft zu einem der letzten Lagerfeuer der Fernsehnation, zu dem sich die Familie versammelte, weil jeder hier seine Identifikationsfigur fand – selbst der bösartige Parolenschwinger vom Stammtisch. Das TV-Publikum – noch nicht verdorben durch das Schmuddelfernsehen der Privaten – fand Gefallen an den kleinen und großen Alltagsproblemen in Geißendörfers kleiner Welt. Manch treuer Zuschauer kannte die Beimers & Co bald besser als die Mitmieter im eigenen Block.

TV-Skandal: Die Liebe zwischen Carsten Flöter (Georg Uecker, links) und Theo Klages (David Wilms) rief die katholische Kirche auf den Plan. Foto: WDR

Die „Lindensträßler“ widersetzten sich nicht nur gängigen Schönheitsidealen; sie warteten auch mit charakterlichen Macken auf. Else Kling, der gefürchtete Hausdrache, schnüffelte mit Leidenschaft in den Angelegenheiten anderer Leute herum und überzog ihre Opfer mit unflätigen Schimpfkanonaden. Tanja Schildknecht wandelte sich vom flotten Teenager zur Edel-Hure und Lesbe. Selbst bei den Beimers, Inbegriff der heilen Familie, lagen Glück und Elend dicht beieinander. Sohn Benni starb bei einem Verkehrsunfall. Tochter Marion verführte einen katholischen Geistlichen. Helga und Hans, die beiden Turteltäubchen, trennten sich: Der Göttergatte hatte sich eine jüngere Frau samt Patchworkfamilie gesucht . Endgültig geschieden wurde die einstige Traum-Ehe durch den Tod von Hansemann in Folge 1.685.

War seit der ersten Folge dabei: Ludwig Haas als Dr. Dressler mit Schauspielkollegin Marita Ragonese. Foto: WDR/ Kost

ARD-Serie klammerte kein Thema aus

So hausbacken das Treiben in den plüschigen Mietwohnungen auf den ersten Blick auch wirkt: Bei der ARD-Vorabendproduktion blieb kein gesellschaftliches Thema unbeackert. Ob Ehekrisen oder Essstörungen, Aids oder Alzheimer, Samenraub oder Scheinehe, Schwulenkuss oder Zölibat, Schläfer aus dem Jemen oder Kastration per Geflügelschere: Mehr als einmal lieferte der Langstrecken-Läufer Gesprächsstoff für den Kantinen-Mittagstisch. Mittlerweile muss sich der Hardcore-Gucker fast schämen, wenn er zugibt, der „Lindenstraße“ die Treue zu halten.

Geißendörfer brachten die überraschenden Wendungen wiederholt den Vorwurf ein, zu sehr auf Drama, denn auf Schlüssigkeit zu setzen. Doch beirren ließ er sich von dieser Kritik nicht. Die ARD-Serie „Lindenstraße“ als polarisierendes Debattenforum war dem Regisseur so wichtig, dass er häufig noch kurzfristig Szenen nachdrehte, wenn es die aktuelle Nachrichtenlage seiner Meinung nach verlangte.

Alle Proteste der Fans nutzten nichts. Die ARD-Serie wird eingestellt. Foto: dpa

Vom Schwulenkuss bis zum Zölibat

In der „Lindenstraße“ machten viele Zuschauer erstmals Bekanntschaft mit Griechen oder Chinesen. Hier wurden sie Zeuge einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zweier Männer. Die erboste das Erzbistum Köln so sehr, dass es dem Sender weitere Küsse zwischen schwulen Männern verbot. 1988 starb der an AIDS erkrankte Benno Zimmermann.

Vier Jahre später driftete Klausi in die rechtsextreme Szene ab. Wer glaubte, es seien inzwischen wirklich alle menschlichen Abgründe ausgeleuchtet, der irrte. Vor kurzem wäre die patente Helga, Mutter der Nation, beinahe auf der Straße gelandet. Investoren suchten Deutschlands berühmteste Fernsehkulisse heim.

Mit Folge 1.758 endet die "Lindenstraße"

Und nun doch das Ende! Der Schwund bei den Zuschauerzahlen lässt sich leicht erklären: Als die ersten Geschichten aus dem schmucklosen Nachkriegsbau über die Bildschirme flimmerten, waren die Öffentlich-Rechtlichen noch die Platzhirsche.

Heute konkurrieren immer mehr Fernsehsender um Kundschaft, mischen Streamingdienste das Geschäft auf. Und wer mag Mutter Beimer beim Spiegeleierbraten zusehen, wenn im fernen Dschungelcamp Känguru-Hoden verspeist werden?

Als Nest der Geborgenheit weckt die Münchner Hausgemeinschaft mit ihrer gelebten Patina nur noch nostalgische Gefühle. Als Hort der Debattenkultur um gesellschaftliche Themen wie Migration, Asyl und Transgender hat sie ausgedient. Vielleicht ist es Zeit, die Kerzenlichter auszublasen, dem allwöchentlichen Händel der Kleinbürgerklasse nicht mehr beizuwohnen.

Requisiten der "Lindenstraße" kommen ins Museum

So ganz gehen die Beimers, die Flöters und die Dagdelens ja ohnehin nicht. Die berühmte Bushaltestelle, Helga Beimers Küche sowie Requisiten und Kostüme der in Köln gedrehten Serie wandern ins Haus der Geschichte in Bonn. Am 29. März wird auch geklärt, ob Mutter Beimer stirbt. Und wer gar nicht genug von dem Mikrokosmos bekommen kann, auf den warten Kultnächte im Ersten und „Lindenstraße-Schätze“ im ARD-Sender One.

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