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Unsicherheit nimmt zu

Betroffene und Beobachter schildern, wie sie Kriminalität in der Karlsruher Innenstadt erleben

Laut Statistik geht die Kriminalität in Karlsruhe zurück. Indes schildern viele Mensche, dass sie sich in der Innenstadt immer unsicherer fühlen. Eine Ladenbesitzerin und ein Polizist sehen eine Zunahme von Gewaltbereitschaft, eine Studentin geht nachts nicht mehr allein auf die Straße. Und auch ein Gewaltopfer geht nur noch in Begleitung in die Stadt.

Speziell nachts fühlen sich viele Bürger in der Innenstadt unsicher. Foto: N/A

Laut Statistik geht die Kriminalität in Karlsruhe zurück. Indes schildern viele Menschen, dass sie sich in der Innenstadt immer unsicherer fühlen. Eine Ladenbesitzerin und ein Polizist sehen eine Zunahme von Gewaltbereitschaft, eine Studentin geht nachts nicht mehr allein auf die Straße. Und auch ein Gewaltopfer geht nur noch in Begleitung in die Stadt.

Bald wird die Polizei die Kriminalstatistik für 2019 präsentieren. In den vergangenen Jahren gingen die Zahlen in Karlsruhe in vielen Deliktbereichen zurück – allerdings von einem hohen Niveau aus. Doch die Statistik ist nur das eine, die steigende Zahl an Platzverweisen oder Gewahrsamnahmen taucht darin nicht auf. Das Sicherheitsgefühl der Karlsruher hat massiv gelitten.

Manche Plätze in Karlsruhe sind zu Kriminalitätsschwerpunkten geworden, Kaufleute zeigen angesichts der Flut von Diebstählen viele gar nicht mehr an. Es gibt Eltern, die ihren Teenager-Kindern verbieten, sich am Europaplatz zu treffen. Wirte berichten, dass abends in Karlsruhe kaum mehr Frauen allein unterwegs seien.

Zum Thema: Diese Problempunkte bereiten der Karlsruher Polizei Sorgen

Und eine zunehmend brutal agierende Nachtklientel bereitet der Polizei Kopfzerbrechen. Die BNN lassen unterschiedliche Betroffene zu Wort kommen.

Ein Verbrechensopfer: Dass ein Arm auf ihn einschlägt, dann noch einer, das ist das letzte, woran Klaus S. (Name geändert) sich erinnern kann. Er wacht erst wieder auf in der Notaufnahme des Städtischen Klinikums, als ihm ein Sanitäter die Kleidung aufschneidet. Kurz nach Mitternacht ist er im Dezember 2019 alleine auf der Kriegsstraße auf dem Nachhauseweg – nach einem Kneipenbesuch mit Freunden am Freitagabend.

Das Blut fließt aus den Ohren

Fünf junge Männer kommen ihm entgegen, einer rempelt ihn an. Der 54-Jährige dreht sich um und sagt: „Das war aber nicht die feine englische Art.“ Und fügt hinzu: „Eigentlich wäre eine Entschuldigung fällig.“ Die jungen Männer stürmen auf ihn zu, schlagen ihn nieder, treten auf den Kopf des 54-Jährigen ein.

Dass eine Autofahrerin anhält, rettet ihm wohl das Leben, die jungen Männer flüchten. Er hat einen Schädelbasisbruch davongetragen, das Blut fließt ihm aus den Ohren. Es folgen Wochen im Krankenhaus, dann mehrere Wochen in der Reha. Noch immer ist der Gleichgewichtssinn gestört, die Sehkraft hat sich verändert, der Geschmackssinn ist komplett weg.

Was ist, wenn ich diese Männer wieder treffe?

Klaus S. wurde in der Kriegsstraße von einer Gruppe Männer schwer verletzt

Seit wenigen Tagen kann der Diplomkaufmann wieder arbeiten, wenn auch noch zur Wiedereingliederung. Die jungen Männer von damals, die er als „von arabischem Aussehen, mit frisch geschnittenen Bärten wie gerade vom Barbershop“ beschreibt, sind bis heute nicht gefasst. „Viele in meinem  Freundeskreis waren zunächst darauf fixiert: Findet man die Täter?“ Ihm sei es zunächst aber darum gegangen, wieder gesund zu werden, erzählt er.

Zentrum der Unsicherheit: Gerade nachts fühlen sich viele Passanten am Europaplatz unwohl. Foto: N/A

Was macht ein derartiges Geschehen mit ihm? Klaus S. muss seither über vieles nachdenken. „Etwa, was ist, wenn ich diese jungen Männer wieder treffe?“ Droht eine neue Attacke? Würde er noch einschreiten, wenn jemand anderes bedroht wird?

Seither war er nicht mehr wieder alleine in der Stadt unterwegs. „Und ich schaue mir die Leute genau an, die mir entgegenkommen.“ Ob er an dem Abend etwas falsch gemacht habe? Der ermittelnde Kripobeamte habe dies ihm gegenüber verneint: Schläger bräuchten keinen Grund.

Eine Studentin: Theresa M. (Name geändert) wohnt in der Südstadt. Die 23-jährige Studentin ist immer mal wieder abends oder nachts in der Stadt unterwegs, aber nie alleine. „Tatsächlich ist es so – ich fühle mich alleine nachts in der Stadt unwohl.“

In Bus und Bahn ein ungutes Gefühl

Sie schaue auch immer, dass sie mit Freunden oder in einer Gruppe nach Hause läuft, oder sie nehme ein Taxi. Bei Bus und Bahn nachts hat sie ein ungutes Gefühl und erinnert sich an „seltsame Gestalten“, die sie schon einmal veranlasst haben, wieder auszusteigen. „In der Gruppe fahre ich aber Straßenbahn.“ Im Freundeskreis werde das Thema sehr unterschiedlich gesehen.

Manche nähmen das Thema „locker“, andere berichteten auch von Attacken, die sie erlebt hätten. Angegriffen wurde Theresa M. bisher noch nicht. Aber: „Angelabert wurde ich schon mal anzüglich, aber dann laufe ich schnell weg.“

Eine Geschäftsfrau: Petra Lorenz betreibt ein Geschäft direkt am Marktplatz. Sie ist praktisch an der vordersten Front, was das Kriminalitätsgeschehen in der Innenstadt angeht. „Was sich verändert hat, ist die Gewaltbereitschaft“, so Lorenz, die man in Karlsruhe auch als Freie-Wähler-Stadträtin und überregional als Vorsitzende des Handelsverbandes Nordbaden kennt.

Diebe werden zunehmend übergriffig

In Sachen Kriminalität in Karlsruhe nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Ertappte Diebe „werden zunehmend übergriffig, das habe ich auch schon erlebt“. Sie kenne angesichts dieser Gewaltbereitschaft Geschäftsleute, die sich bei gefährlichen Situationen im Geschäft einschließen. Jüngst rückten sechs Polizisten an, um einen randalierenden Dieb in den Griff zu bekommen. Die Mitarbeiter in Lorenz’ Geschäft sind instruiert, vorsichtig zu sein, Pfefferspray liegt für den Notfall bereit.

Zum Thema: Sicherheitskonzept für Karlsruhe: Bürger sollen Brennpunkte melden

Und ein Teil ihrer Gegenwehr ist: „Wir sind sehr gut vernetzt“, etwa mit den Kaufhausdetektiven der Nachbarschaft. Sie anerkennt die zunehmende Präsenz von Polizei und Kommunalem Ordnungsdienst in der Innenstadt.

Am Mittwochvormittag konnte ein Raubüberfall auf eine Bankfiliale in der Karlsruher Kaiserstraße vereitelt werden. Foto: Lennart Jütte

Nach ihrem Empfinden muss man aber zu lange bei einem Notruf entweder in der telefonischen Warteschlange oder angesichts intensiver Nachfragen warten. „Und dann ist der Dieb schon weg.“

Eine Frau mit Tochter: Michaela M. (Name geändert) lebt seit vielen Jahren in Karlsruhe, auch bereits während ihres Studiums. Die heute 46-Jährige wohnt inzwischen in der Südstadt. Hat sich etwas verändert in den vergangenen Jahren an ihrem Sicherheitsgefühl? „Wenn ich sehe, wie und unter welchen Umständen meine Teenagertochter unterwegs ist, sehe ich ganz krass, was sich negativ verändert hat.“

Früher sei es völlig normal gewesen, als Frau alleine nachts auch am Europaplatz unterwegs zu sein. „Wenn ich weiß, dass meine Tochter dort ausgeht, hole ich sie sicherheitshalber ab.“ Der Platz sei viel belebter als früher. Da seien inzwischen ganz viele Männergruppen unterschiedlicher Nationalitäten unterwegs. „Hauptsächlich Männer – wo sind eigentlich die Frauen?“, frage sie sich.

Immer öfter ist Sicherheitspersonal im Einsatz

Michaela M. ist sehr oft aus beruflichen Gründen mit der Bahn im Stadtgebiet und im Land unterwegs. Wenn sie nachts von Dienstreisen nach Hause kommt, „fühle ich mich in der Bahn unsicher“.

Sie beobachtet immer öfter, dass Sicherheitspersonal gerufen werden muss angesichts von aggressiven Personen. Speziell der Hauptbahnhof sorgt bei ihr für eine gewisse Angst. „Nachts hat sich die Atmosphäre dort massiv verändert.“

Ein Polizeirevierleiter: Lutz Schönthal hat als Revierleiter des großen Polizeireviers Marktplatz professionell mit dem Thema Sicherheit zu tun, gerade auch was den Umgang mit den abends und nachts in die Innenstadt strömenden Amüsierwilligen angeht.

Was hat sich in den vergangenen Jahren aus seiner Sicht denn verändert? „Wir beobachten zunehmend vor allem bei jungen Leuten eine Respektlosigkeit gegenüber der Polizei.“ Immer häufiger zückten diese bei einem Einsatz, etwa bei einer Festnahme in einer Diskothek, das Handy, filmten, mischten sich ein, attackierten die Beamten – verbal und immer öfter auch körperlich.

Die Polizei rüstet auf

Die Beamten haben sich auf die zunehmende Aggression eingestellt. „Die Taktik ist die gleiche geblieben,“ so Schönthal, „aber die Ausrüstung hat sich geändert.“ Man habe sehr stark „aufgerüstet“ auch im normalen Betrieb. Mit dabei sind Reizstoff, Erste-Hilfe-Ausrüstung, vor Schnitten schützende Handschuhe und die Schutzweste, die noch mit zusätzlichen Platten verstärkt werden kann.

Im Auto liegen Helm und weiteres griffbereit. „Das sieht natürlich martialisch aus – mancher Bürger denkt, da kommt das SEK.“

Zunehmend beobachten er und auch seine Kollegen, dass junge Leute Freizeit im Familien- oder Sippenverband verbringen – und dass diese Gruppen mit agieren, wenn es zu Streit und Schlägereien kommt. „Viele haben Migrationshintergrund, viele andere wiederum nicht“, so Schönthal. Zunehmend trügen auch Flüchtlinge Konflikte aus ihren Herkunftsländern handgreiflich untereinander aus.

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