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Aufbruch in eine neue Zeit

Der Mythos der 1920er: Warum die "Goldenen Zwanziger" weder golden noch gut waren

Wildes Nachtleben und künstlerische Blüte: Der Mythos der 1920er-Jahre wird nur gar zu gerne beschworen. Dabei ging es den wenigsten Zeitzeugen gut, schon gar nicht golden. Es ist der Kontrast zwischen den tristen Folgen des Ersten Weltkriegs und dem Glamour der kulturellen Avantgarde in den Großstädten, weshalb die Dekade in der Rückschau als golden gefeiert wird.

Ein Hauch von Sünde: In den Zwanzigern kam keine Revue ohne „Girls“ aus – hier das Damenballett Ehed Karina aus Berlin. Foto: akg

So was hat die Welt noch nicht gesehen. Wie ein Gummiball hüpft die entfesselte Gliederpuppe über die Bühne. Sie schneidet wüste Grimassen, wackelt so virtuos mit dem Hintern, dass das winzige Röckchen wild tanzt. Das dunkelhäutige Tanzwunder aus Übersee, das in einer „orgiastischen Schau“ seinen Körper präsentiert, wie die Presse entgeistert berichtet, versetzt das Berliner Publikum 1926 in kollektive Schnappatmung.

Der wilde Charleston sowie der „Danse Sauvage“ – ein hocherotischer Pas de deux mit einem stattlichen Burschen – sind schon verschreckend genug für konservative Wertehüter. Zu allem Überfluss trägt die Tänzerin auch wenig mehr als ein paar blaue und rote Federn, zwischen denen Bananen aus Pappmaché zappeln.

"Die Füße trillern wie verrückt. Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo und schnappt nach den Hüften. Der federgeschmückte Steiß hat sich selbstständig gemacht und rotiert rasend wie Feuerwerk", notiert der deutschnationale Journalist Adolf Steiner über „dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald“, das die Sehnsüchte der Europäer nach Sinnlichkeit, Sex und Erotik bedient.

Der Auftritt im Nelson-Theater am Kürfürstendamm macht Josephine Baker über Nacht zum gefeierten Superstar, zum Sexsymbol, die den Hype um die eigene Person genießt.

Dass ihr rassistische Ressentiments und puritanische Häme entgegenschlagen, dass SA-Schergen ihre als obszön geschmähten Vorstellungen immer wieder sprengen, wird durch die vielen Liebesbriefe, die Blumen und Geschenke aufgewogen.

„Berlin ist schon toll. Man trägt mich auf Händen“, notiert die „schwarze Venus“ in ihren Memoiren. Ihr „Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit“, so der französische Schriftsteller Pierre de Régnier über Josephine Baker.

Die 1920er Jahre: Sinnbild des Aufbruchs

Da sind sie, in einer Person verkörpert: die entfesselten, vergnügungssüchtigen zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die in der Rückschau als die „Goldenen Zwanziger“, die „Roaring Twenties“, die „Années folles“ gefeiert werden. Vor 100 Jahren ist vermutlich kein Lebender auf den Gedanken gekommen, dass dieses Jahrzehnt eines Tages als „golden“ verbrämt werden sollte.

Die zwanziger Jahre als Sinnbild des Aufbruchs aus der miefigen Kaiserzeit in eine neue Ära voll unbändiger Lebensgier, Experimentierfreude und Befreiung von überholten Riten und Sitten – all dies war allenfalls Zukunftsmusik. Der wirkmächtige Mythos von einer Zeit der Exzesse – in der Kunst, der Politik, der Wirtschaft und der Architektur – kam erst im Nachhinein auf, verbunden mit einem gehörigen Maß an Romantisierung.

Traumatisches Erlebnis des Krieges

Was später als goldglänzend wahrgenommen wird, ist nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt aus einer Welt, die für die übergroße Mehrheit alles Mögliche, nur nicht golden ist. Von der Kluft zwischen den Metropolen Berlin, Paris und New York sowie der nach wie vor landwirtschaftlich geprägten Provinz ganz zu schweigen.

Im Feuersturm des Ersten Weltkrieges mit seinem millionenfachen Blutzoll war eine Welt für immer untergegangen, nach der sich rückwärtsgewandte Zeitgenossen schon bald zurücksehnen. Das kollektive traumatische Erlebnis des Krieges, die Verklärung vergangener Zeiten, die wirtschaftliche Misere – all dies prägt die ersten Jahre des jungen Jahrzehnts.

Hypothek für die Weimarer Republik

Die Weimarer Republik ist mit schweren Hypotheken belastet. Sie muss hohe Reparationsforderungen der früheren Kriegsgegner stemmen, sich gegen Verschwörungstheorien wehren und Morde an demokratischen Politikern ertragen. Gewalt auf offener Straße wird zur Begleiterscheinung des ganzen Jahrzehnts, in dem Verarmung großer Schichten und kurzlebiger Reichtum Hand in Hand gehen.

Ein Gutschein über fünfhundert Milliarden Mark, ausgegeben von der Bayerischen Staatsbank 1923. Foto: dpa

Das Schicksalsjahr 1923

1923 wird zum Schicksalsjahr. Die deutsche Regierung wirft die Notenpresse an, Preise explodieren, Löhne sind nichts mehr wert. Der Alltag wird von einem Zahlenwahnsinn geprägt, dem etwas ganz und gar Irrationales anhaftet. Menschen jonglieren mit Nullen, die sich jedem Vorstellungsvermögen entziehen. Kostete ein Kilo Kartoffeln im Juni 1923 noch 5.000 Reichsmark, sind sechs Monate später schon 90 Milliarden Reichsmark fällig. „Kein Volk der Welt hat etwas erlebt, das dem deutschen ,1923‘-Erlebnis entspricht“, schreibt der Publizist Sebastian Haffner in seinem Londoner Exil:

Den Weltkrieg hatten alle erlebt, die meisten auch Revolutionen, soziale Krisen, Streiks, Vermögensumschichtungen und Geldentwertungen. Aber keiner diesen gigantischen karnevalistischen Totentanz, dieses nicht endende blutig-groteske Saturnalienfest, in dem nicht nur das Geld, in dem alle Werte entwertet wurden.

Was in urbanen Schichten folgt, ist womöglich die Antwort auf diese aus den Fugen geratene Welt. In einer bis zum Zerreißen gespannten Gesellschaft tritt in urbanen Kreisen der Nihilismus an die Stelle von Norm und Ordnung. Beim Lebensstil zählt nur der Augenblick. Nach Einführung von Renten- und Reichsmark sowie der Lancierung des Dawes-Plans, der Deutschlands Reparationszahlungen an die Siegermächte mehr an der Leistungsfähigkeit der Republik ausrichtet, erholt sich die Wirtschaft. Es folgen einige gute Jahre, in denen Kunst, Kultur und Wissenschaft eine Blüte erleben.

In der hochgelobten TV-Serie "Babylon Berlin" werden die Goldenen Zwanziger Jahre mit all ihren Facetten beschworen. Foto: sky

Aufbruch und Experimentierfreude

Doch selbst diese Jahre, die beim verklärten Blick zurück für Aufbruch, Experimentierfreude, Emanzipation, grenzenlose Kreativität und Tabufreiheit stehen, tragen das Element der Scheinblüte in sich. In verrauchten Jazzklubs, wo im Hinterzimmer Absinth geschlürft und Koks geschnupft wird, huldigen vom Korsett befreite moderne Frauen mit raspelkurzem Garçon-Schnitt dem kultigen Charleston, während vor der Klubtür das Land von Krise zu Krise taumelt und der Mord am poltischen Gegner eine Vorahnung auf das Tausendjährige Reich keimen lässt.

Es ist der Kontrast zwischen den tristen Folgen des Ersten Weltkriegs und dem Glamour der kulturellen Avantgarde, der das Jahrzehnt prägt und den hochgelobte TV-Serien wie „Babylon Berlin“ heraufbeschwören. Die zwanziger Jahre sind für die übergroße Mehrheit aber nicht golden, meist nicht einmal gut. Aber sie stehen für eine Mischung von Rausch und Ratio, von Aufbruch und Zweifel, Traum und Verführung.

Zaghafter Aufschwung

Das Fließband verändert die Industriearbeit. Autos und Motorräder sorgen für eine Beschleunigung des Lebens. Kürzere Arbeitszeiten und der zaghafte wirtschaftliche Aufschwung in der Mitte des Jahrzehnts lassen die Freizeitkultur gedeihen. Die hässliche Seite dieser Welt im Umbruch sieht man lieber nicht: Massenarmut, grassierende Notprostitution, verdeckte Kinderarbeit, zynische Ausbeutung.

In seinem Gemälde "Großstadt" fing Otto Dix die Zwanziger Jahre ein. Foto: akg

Bruch mit Zwängen und Konventionen

Was heute, mit hundert Jahren Abstand, als lebendig und quirlig erscheint, war ohnehin nur das Privileg der Metropolen. Sie brechen mit Zwängen und Konventionen, erweisen sich als Experimentierfeld und Versuchslabor für alles Neue. Groß-Berlin beispielsweise war mit über vier Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt, hinter New York und London. „Es lebe das Neue“ hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann 1918 als Losung für die junge Republik ausgerufen, und nirgendwo fiel der Keim auf fruchtbareren Boden als an der Spree.

Cafés, Theater, Varietés und Lichtspielhäuser schießen wie Pilze aus dem Boden, weil die Hauptstädter ausgehungert sind nach Unterhaltung und „Amüsemang“. Im Schutz der anonymen Millionenmetropole gibt es Etablissements für Jedermann – für Reiche, Schwule, Nudisten oder Unterweltler; für jene, die sich an barbusigen Revuegirls erfreuen, oder sich für Claire Waldoff erwärmen, die mit feuerroten Haaren, Hosenanzug und „Kodderschnauze“ von freier Liebe und emanzipiertem Lebensstil schwärmt.

Erst die Verklärung durch die Nachwelt machte die 1920er Jahre zu einer goldenen Dekade. Foto: dpa

Die Epoche der Vergnügungspaläste

Im „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz, einem Vergnügungspalast mit rund einer Million Besucher im Jahr, schweben Tanzwütige im berühmten Palmensaal mit markanter Kuppel über den extra abgefederten Parkettboden. Technische Innovationen gehören zum Erfolgsrezept der Vergnügungstempel.

So wird im „Resi“ in Friedrichshain das Tischtelefon eingeführt: Der „Dolmetscher für Schüchterne“ wird bald in keinem Nachtklub mehr fehlen. Wer auf mehr hofft, pilgert ins Cafe Braun am Alexanderplatz. Im hinteren Teil gibt es Liebeslauben, in die sich Paare für intime Momente zu zweit zurückziehen können. Kostet dann zwei Mark extra. Dem Schriftsteller Thomas Mann erscheinen die Tanzpaläste und Theater wie Tempel einer aus den Fugen geratenen Zeit:

Ein geschlagenes, verarmtes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz.

So plötzlich, wie sie begonnen hat, ist die goldene Dekade auch wieder vorbei. Der „Schwarze Freitag“ im Oktober 1929 stoppt die Aktiensause, lässt die Illusion von Reichtum und Wohlstand für alle jäh verpuffen. Binnen zwei Stunden sacken die Kurse ins Bodenlose; Milliarden von Dollars – leichtfertig in fünf Jahren aufgebläht – schrumpfen zur nackten Null zusammen.

Das Beben von New York fegt wie ein Tsunami über Deutschland hinweg. Banken straucheln, Unternehmen schließen, Arbeiter verlieren ihren Job. Zu Beginn der dreißiger Jahre sind offiziell 6,1 Millionen Menschen ohne Arbeit. Hitlers Machtergreifung beendet auch formal den „Tanz auf dem Vulkan“. Vier gute Jahre hatten nicht ausgereicht, um Vertrauen in die Demokratie zu fassen.

Literaturtipp: Detlef Berghorn, Markus Hattstein: The Roaring Twenties – Die wilde Welt der 20er, erschienen bei wbg Theiss, ISBN 978-3-8062-4024-5, 25 Euro.

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